Kurz nachgefragt ...

Text Freist

Prof. Dr. Dagmar Freist ist Leiterin des Akademieprojekts „Prize Papers. Erschließung - Digitalisierung – Präsentation“ der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Das Forschungsprojekt wurde 2018 neu in das Akademienprogramm, das gemeinsame Forschungsprogramm der Wissenschaftsakademien, aufgenommen. Dagmar Freist ist Historikerin und Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Oldenburg.

  • Leiterin des Akademieprojekts "Prize Papers" der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

    ... bei Prof. Dr. Dagmar Freist

    Jens Schulze

Sie arbeiten mit Ihrem Forscherteam an ganz besonderen Dokumenten aus der Frühen Neuzeit. Um was handelt es sich genau?
Es handelt sich um Kapergut und um Prozessakten. Das Seekriegsrecht in der Frühen Neuzeit erlaubte die Kaperung feindlicher Kriegs- und auch Handelsschiffe, und alles, was sich zu dem Zeitpunkt auf einem Schiff befand, wurde als Beweismaterial eingezogen, um die Rechtmäßigkeit der Kaperung noch einmal vor Gericht überprüfen zu können: Schiffspapiere, Warenlisten, Verwaltungsakten, private Briefe, Tagebücher, Reisebeschreibungen, Noten, Vokabellisten, Rechnungsbücher, Zeitungen, um nur einige Dokumententypen zu nennen. Daneben Artefakte wie Stoffmuster, Perlen, getrocknete Gräser oder Notizbücher. Das englische Nationalarchiv hat diese Zufallsüberlieferung, darunter allein 100.000 Briefe, und die Prozessakten bis heute weitgehend unsortiert und im Originalzustand in Kisten und Postsäcken aufbewahrt und damit ein einmaliges "unarchiviertes Archiv" bewahrt.

Welche neuen Einblicke können uns die gekaperten Briefe in die Frühe Neuzeit geben?
 Die Heterogenität der Quellentypen, die Multilingualität, die geographische Reichweite und der Umfang der Überlieferung erlauben Forschungsfragen aus sehr unterschiedlichen Fachrichtungen von der Sprachwissenschaft, Diplomatiegeschichte, Seefahrt und Handel, Geschichte der Sklaverei bis zur Medizingeschichte. Die gekaperten Briefe als wichtiger Bestandteil der Prize Papers repräsentieren alle Schichten und Bildungsgrade der frühneuzeitlichen Gesellschaft, Frauen, Männer und Kinder. Die Analyse ihrer Entstehungszusammenhänge an unterschiedlichen Orten der Welt und die inhaltliche Auswertung der Briefe werden unser Wissen über soziales Handeln in globalen Zusammenhängen, Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, Gefühlswelten und Machtstrukturen um eine alltagsgeschichtliche wie auch politische Dimension erweitern.

Das Projekt wurde in diesem Jahr in das Akademienprogramm aufgenommen. Was bedeutet dies für Ihre Forschungen?

Die Aufnahme in das Akademienprogramm versetzt uns in die Lage, ein in seiner Überlieferungsgeschichte und Beschaffenheit einmaliges globales Archiv der Frühen Neuzeit vollständig zu digitalisieren, kuratorisch zu erfassen und zugleich forschungsorientiert zu erschließen. In einer Open Access Datenbank wird dieser Bestand einer internationalen wissenschaftlichen und interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.


© Union der deutschen Akademien der Wissenschaften 2014