Klöster im Hochmittelalter: Innovationslabore europäischer Lebensentwürfe und Ordnungsmodelle

Das historische Forschungsprojekt "Klöster im Hochmittelalter: Innovationslabore europäischer Lebensentwürfe und Ordnungsmodelle" zielt darauf ab, Grundlagenforschung mit neuen kulturwissenschaftlichen Perspektivierungen zu verbinden. Anhand eines umfangreichen und bislang wenig bearbeiteten Textcorpus wird die klösterliche Welt des Mittelalters als eine Wegbereiterin der Moderne analysiert werden.

Mittelalterliche Klöster entwickelten im sozialen und religiösen Wandel des 11. bis 13. Jahrhunderts, verbunden mit stärker verinnerlichter Frömmigkeit, eine bislang unerreichte Rationalität der Lebensgestaltung. Klösterliche Gemeinschaften prägten in jener Zeit die europäischen Vorstellungen von Gemeinschaftsbildung und Individualisierung wesentlich mit. Sie lehrten Europa die Rationalität der Planung, der Normsetzung, der formell geregelten Verfahrensabläufe, des Einsatzes pragmatischer Schriftlichkeit, des Gebrauchs von Symbolen, des Umgangs mit Eigentum und Besitzlosigkeit, der Arbeitsteilung, der Güterzuweisung, der ökonomischen Betriebseffizienz. Sie erprobten bei sich erfolgreich die rationale Gestaltung gesellschaftlicher Systeme und eröffneten dadurch der europäischen Gesellschaft den Weg zu neuen Konstruktionen von Staatlichkeit. Sie testeten die Grenzen der rationalen Erkenntnis durch die Technik der scholastischen Dialektik aus und sprengten sie auf durch die individuellen Erfahrungen der Mystik. Sie lehrten den Menschen eine verinnerlichte Ethik der Lebensführung und vermittelten ihnen damit ein entscheidendes Orientierungswissen im Umgang mit sich selbst und den Anderen; sie deuteten ihnen programmatisch die Natur, das Leben und das Jenseits. Damals entstanden in Klöstern und Orden Modelle jenes gesellschaftlichen wie kulturellen Aufbruchs, aus denen sich spezifische Ordnungskonfigurationen der europäischen Moderne ausformten.

Das Vorhaben "Klöster im Hochmittelalter: Innovationslabore europäischer Lebensentwürfe und Ordnungsmodelle" der Heidelberger und der Sächsischen Akademie will in einer Verknüpfung von textorientierter Grundlagenforschung und kulturwissenschaftlicher Perspektivierung diese Fundamente europäischer Ordnungen erforschen. Damit stellt es eines der Grundmodule der europäischen Kulturgeschichte in den Mittelpunkt. Wesentliche Bereiche der Materialbasis müssen zunächst erschlossen werden, dann identifiziert und dokumentiert, historisch analysiert und zu einem großen Teil auch ediert werden.

Die Forschungen werden sich auf Texte konzentrieren, die zum einen innerklösterliche Ordnungs- und Sinnkonfigurationen didaktisch-exemplarisch entwarfen sowie satzungsrechtlich-normativ festschrieben und die zum anderen sinnstiftend fundamentale Weltdeutungen und gesellschaftliche wie politische Ordnungen gerade auch mit außerklösterlicher Wirkung präsentieren wollten. Das erste Untersuchungsfeld steht unter der verantwortlichen Leitung von Professor Melville, das zweite unter der von Professor Schneidmüller und Professor Weinfurter.

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