
Demenzprävention neu gedacht: Wie wir unsere Gehirngesundheit aktiv schützen können
02.09.2026
18:00 Uhr
Hauptgebäude der Leopoldina
Jägerberg 1
06108 Halle (Saale)
Podium und Fishbowl
Wie lässt sich Demenz vorbeugen – im Alltag, in der Versorgung und in der Gesellschaft? Dieser Frage widmete sich am 2. September 2026 eine Podiums- und Fishbowl-Diskussion im Hauptgebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle (Saale). Unter dem Titel „Gehirngesundheit fördern, Demenz vorbeugen“ diskutierten Expertinnen und Experten mit dem Publikum, welche praktischen Ansätze sich aus der aktuellen Forschung ergeben.
Moderatorin Sonja Kastilan ordnete das Thema zu Beginn ein: „Demenz bedeutet in vielen Fällen, dass man sich selbst verliert.“ Sie verwies auf die Lancet Commission und sagte, dass sich mit Prävention ein substanzieller Teil der Demenzfälle verhindern oder deutlich hinauszögern ließe.
Wissenschaftliche Grundlagen und individuelle Stellschrauben
Den Auftakt bildete die Frage nach den individuellen Einflussmöglichkeiten. Prof. Dr. Oliver Tüscher (Universitätsmedizin Halle) erörterte den biologischen Alterungsprozess als physiologischen Verlust an Resilienz. Diesen Prozess müsse man jedoch nicht als gegeben hinnehmen: „Beim Herz haben wir schon begriffen, ‚wir müssen auf unser Herz aufpassen‘, beim Gehirn ist das immer noch so die Idee: Das Abnehmen von Kognition und Gehirngesundheit ist irgendwie schicksalhaft.“ Zwar könne man das Altern nicht aufhalten, aber wie bei anderen Organen Gutes fürs Gehirn tun. Als Beispiel nannte Tüscher Untersuchungsteilnehmende im Alter von 80 Jahren, die noch ein sehr gesundes Gehirn mit der Kognition von 50-Jährigen aufwiesen.
Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller (MPH, Universität Leipzig) führte aus, dass wir viel über Faktoren wie zum Beispiel [RS1] Bewegung, soziale Integration, gute frühkindliche Bildung, oder den Verzicht auf Tabak und Alkohol und die Rolle von Erkrankungen wie Seh- und Hörschäden, Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes und Depression wissen. Aber auch übergeordnete Faktoren wie Luftverschmutzung spielen eine Rolle. Neue Faktoren für Demenzprävention wie genügend Schlaf, mediterrane Ernährung und geistig stimulierende Aktivitäten kommen dazu. Eine Reduktion dieser Risiken in der Bevölkerung um 15 - 30% Prozent könnte bis 2050 etwa 170.000 - 330.000 Fälle verhindern.
Prof. Dr. Emrah Düzel (Universitätsmedizin Magdeburg und DZNE) rückte die funktionelle Neuroplastizität des Gehirns in den Mittelpunkt der Betrachtung. Er führte aus, dass das Vorhandensein genetischer Risikomarker wie des APOE-4-Gens nur in seltenen Fällen eine alleinige Krankheitsursache darstelle und durch einen aktiven Lebensstil mit gezieltem kognitivem und motorischem Training kompensiert werden könne.
Fortschritte in Diagnostik und Therapie
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf medizinischen Entwicklungen. Da biologische Veränderungen im Gehirn – wie Eiweißablagerungen von Amyloid-beta und Tau-Protein – den Symptomen oft um 15 bis 20 Jahre vorausgingen, böten moderne Bluttests eine Möglichkeit zur Früherkennung abseits der PET-Bildgebung.
Zudem stünden mit neu zugelassenen Antikörper-Therapien (Biologika) Medikamente zur Verfügung, die an den Ablagerungen ansetzten und diese abbauen könnten.
Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller ordnete diese Entwicklungen aus Sicht der Versorgungsforschung ein und stellte klar: „Prävention ist in Zeiten der Antikörper-Therapie noch wichtiger geworden.“ Da die Medikamente vor allem im sehr frühen Erkrankungsstadium wirkten und Risiken wie Mikroblutungen mit sich brächten, bleibe die Vorbeugung die wesentliche Säule.
Gesellschaftliche Strukturen und Verhältnisprävention
Riedel-Heller leitete aus den Daten ab, dass Prävention nicht rein als individuelle Aufgabe begriffen werden dürfe, sondern strukturelle Rahmenbedingungen im Sinne von „Brain Health in all Policies“ erfordere. Dazu zählten eine städtebauliche Infrastruktur, die Bewegung fördere und Lärm reduziere, barrierefreie Bildung von Kindheit an sowie Konzepte gegen Isolation im Alter. In der Weiterentwicklung der Nationalen Demenzstrategie rücke die Prävention über die gesamte Lebensspanne hinweg stärker in den Fokus.
Fishbowl: Von Gehirn-Gyms und Demenzrisiken für Lehrkräfte
Im Fishbowl-Format brachte ein Gast eine Frage zur theoretischen Konzeption eines Fitnesscenters ein, das speziell der Gehirngesundheit gewidmet sei. Prof. Dr. Emrah Düzel erläuterte dazu, dass reine Ausdauerleistungen für einen optimalen Schutz meist nicht ausreichten. Erforderlich sei eine Kombination aus Kraft, Gleichgewicht und räumlicher Orientierung (wie beim Tanzen, bei Orientierungsläufen oder unter Einbindung virtueller Reize), um die Navigationsnetzwerke des Gehirns gezielt zu fordern.
Eine Lehrerin erkundigte sich nach den Auswirkungen von Stress. Prof. Dr. Oliver Tüscher führte aus, dass positive kognitive Herausforderungen (Eustress) die neuronale Plastizität und Resilienz stärkten, während chronischer negativer Stress (Distress) zu neurotoxischen Stoffwechsellagen führe, die Alterungsprozesse beschleunigten. Abschließend verwies das Podium auf die Bedeutung gendersensibler Ansätze, da biologische Geschlechterunterschiede Krankheitsverläufe und Therapiewirkungen beeinflussten.
Die Veranstaltung, organisiert von der Leopoldina, ist Teil des Projekts „Fit für morgen!“ von Leopoldina, acatech, Akademienunion, BAdW und BBAW im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2026 – Medizin der Zukunft des BMFTR.
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