
Fit für morgen! Wie gelingt Prävention?
30.09.2026
Wie gelingt Prävention?
Wie gelingt Prävention? Dieser Frage widmete sich die Podiumsdiskussion „Fit für morgen!“ am 30. September 2026 im WissenschaftsForum am Gendarmenmarkt. Nach der Begrüßung durch Prof. Dr. Christoph Markschies, Präsident der Akademienunion und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, gab Dr. Eckart von Hirschhausen einen Impuls. Anschließend diskutierten Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich, Wiebke Kottenkamp, Prof. Dr. Martin E. Kreis und Prof. Dr. Peter H. Seeberger mit ihm über Prävention in Medizin und Alltag.
Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie Präventionsangebote Menschen erreichen können, welche Rolle soziale und strukturelle Bedingungen spielen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse in die Versorgung übertragen lassen und wie Vertrauen in Präventionsmaßnahmen erhalten werden kann.
Christoph Markschies eröffnete den Abend mit einem Blick auf die gesellschaftliche Verteilung von Prävention. Er habe sich im Zusammenhang mit dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache angeschaut, wie häufig der Begriff „Prävention“ verwendet werde. Dabei habe sich gezeigt:
„Prävention ist in den reicheren Bundesländern häufiger belegt und Prävention ist in gebildeteren Schichten deutlich häufiger belegt. Das macht natürlich darauf aufmerksam, dass Prävention auch eine soziale Dimension hat.“
Damit war eine Frage aufgeworfen, die sich durch die weitere Diskussion zog: Wie können Präventionsangebote so gestaltet werden, dass sie auch diejenigen erreichen, die bislang weniger Zugang zu Gesundheitswissen und entsprechenden Angeboten haben?
Prävention im Alltag
Dr. Eckart von Hirschhausen fragte in seinem Impuls, wie viel von dem vorhandenen medizinischen Wissen tatsächlich bei den Menschen ankomme. Gerade diejenigen, die Präventionsangebote besonders dringend benötigten, würden häufig nicht erreicht. Deutschland verfüge über eine leistungsfähige medizinische Versorgung, für die Vermeidung von Krankheiten gebe es dagegen weniger Anreize:
„Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme. Wir machen super Spitzenversorgung, wenn jemand eine schwere Krankheit hat. Aber die zu verhindern, dafür fehlt der Anreiz.“
Von Hirschhausen zeigte Beispiele für kleine Präventionstipps im Alltag und sprach über Ernährung, Bewegung und die Bedeutung von Lebensfreude statt ständigem Verzicht. Als Beispiel für Demenzprävention erzählte er vom 90-jährigen „Super Ager“ Willi, der statt zu McFit zu gehen jeden Morgen in seinem Keller zwischen Gurkengläsern trainiere und dabei unter anderem 105 Seilsprünge mache. „Mit 90. Und er macht 105, weil er sich 100 vorgenommen hat und sagt: ‚Ich mache lieber fünf zu viel als einmal zu wenig’”. Prävention könne auch aus einfachen Gewohnheiten bestehen, die sich in den Alltag integrieren ließen.
Zugleich ging von Hirschhausen über individuelle Tipps hinaus und sprach über Umweltfaktoren wie Hitze, Stadtgestaltung und soziale Bedingungen. Gesundheit werde auch durch die Umgebung beeinflusst, in der Menschen leben. Er kritisierte, dass zum Beispiel um Ernährung oder Verkehr herum häufig ein Kulturkampf geführt werde, statt evidenzbasierte Maßnahmen umzusetzen.
Ein weiterer Punkt war die zunehmende Verbreitung von Desinformationen durch künstliche Intelligenz. An einem KI-generierten Avatar, der ihm gleicht, zeigte von Hirschhausen, wie täuschend echt inzwischen falsche Gesundheitsinformationen verbreitet werden können. Damit stelle sich auch für die Wissenschaftskommunikation die Frage, wie Informationen auf ihre Herkunft und Verlässlichkeit überprüft werden können.
Prävention von Anfang an
Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich, Sprecherin der neuen Interdisziplinäre Arbeitsgruppe (IAG) „Zielgerichtete Prävention" der BBAW, richtete den Blick auf die Zeit vor und unmittelbar nach der Geburt. Sie sprach unter anderem über die gesundheitlichen Auswirkungen von Rauchen und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft und darüber, welche Maßnahmen bereits vor der Geburt möglich seien.
Dabei wandte sie sich gegen eine alleinige Verantwortung der einzelnen Person:
„Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, dass bei Veranstaltungen, bei denen eben auch schwangere Frauen sind, in großen Mengen Alkohol ausgeschenkt wird. Es ist müßig, an die Person selber zu appellieren. Es braucht dazu flankierende Maßnahmen. Ein Land wie Deutschland darf sich das nicht erlauben.“
Zugleich könne die Medizin bereits vor der Geburt viel tun:
„Und wir können natürlich auch in der Medizin extrem viel Vorgeburtliches tun. Dass die Kinder gesund zur Welt kommen und dass sie keinen geburtshilflichen Risiken oder Geburtsrisiken ausgesetzt sind.“
Wiebke Kottenkamp, Leiterin des Bundeszentrums Kita- und Schulverpflegung in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, sprach über die Ernährung von Kindern und Jugendlichen. Das gemeinsame Essen in Kita und Schule erfülle dabei mehrere Funktionen:
„Das gemeinsame Essen von Kindern und Jugendlichen ist ja nicht nur zum Zweck, satt zu werden, sondern das ist ja ein sozialer Moment im Tag, der ganz viel soziale Teilhabe wahr werden lässt, der Bindungen unter den Kindern verstärkt, der ganz grundlegende Ernährungsbildungsbausteine bei den Kindern prägt durch Freude am Essen.“
Kottenkamp berichtete über verschiedene Ansätze zur Verbesserung der Kita- und Schulverpflegung. Dabei gehe es nicht nur um die angebotenen Lebensmittel, sondern auch um die Atmosphäre beim Essen, die Beteiligung der Kinder und die Vermittlung von Ernährungswissen.
Angesichts des föderalen Systems sei die Kita- und Schulverpflegung in Deutschland fragmentiert. Häufig gebe es keine klaren Zuständigkeiten. Es dürfe nicht sein, dass gute und gesunde Verpflegung nur auf dem Engagement Einzelner ruhe. Vielmehr müsse Qualität idealerweise bundesweit strukturell verankert sein. Der DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Kitas und Schulen sei hier richtungsweisend.
Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit erfolgreicher Prävention
Prof. Dr. Peter H. Seeberger, Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung & Vizepräsident der DFG, sprach über Impfstoffe und Infektionskrankheiten. Das Max-Planck-Institut arbeite unter anderem an Impfstoffen gegen Krankenhauskeime, „die betreffen uns am Ende des Tages alle.“
Seeberger ging auf die veränderte Wahrnehmung von Impfungen ein: „Wenn in den 50er-Jahren Jonas Salk in den USA in ein Flugzeug stieg, haben alle geklatscht. Er hat es geschafft, Polio zu verhindern. Und alle Leute kannten Menschen, die Behinderung durch Polio-Krankheiten hatten.“
Heute sei diese Erfahrung weitgehend verschwunden: „Jüngst ist der letzte Patient mit eiserner Lunge gestorben. Das heißt, die Leute heutzutage kennen gar nicht mehr die negativen Folgen der Infektionskrankheiten. Was man nicht kennt und selbst sieht, das hat man aus dem Gedankengut gebannt.“
Seeberger plädierte dafür, sich frühzeitig mit der Frage zu beschäftigen, wie sich Infektionskrankheiten wirksam und kostengünstig verhindern ließen: „Wir sollen uns Gedanken machen, wie können wir uns effektiv schützen und auch kostengünstig schützen. Das können wir tun und das sollten wir tun.“
Prof. Dr. Martin E. Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité – Universitätsmedizin Berlin, nannte die Darmkrebsvorsorge als Beispiel für ein Präventionsprogramm, dessen Wirkung sich inzwischen auch an den Krankheitszahlen zeige:
„Wir sehen rein statistisch epidemiologisch einen Rückgang der weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen und der Inzidenz von Darmkrebs, und wir sind uns sicher, dass wir das auf diese Vorsorgeprogramme, auf die präventive Darmspiegelung zurückführen können.“
Kreis verwies außerdem auf Veränderungen in der medizinischen Aufklärung. Früher seien Blutungen aus dem Enddarm teilweise über längere Zeit als Hämorrhoiden behandelt worden. Durch eine bessere Aufklärung der Ärzteschaft habe sich dies geändert. Heute werde bei entsprechenden Symptomen früher eine Darmspiegelung veranlasst.
Zu Prävention befähigen
In der Diskussion kamen damit unterschiedliche Bereiche zusammen: Schwangerschaft und Geburt, Ernährung, Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Forschung, Daten und die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Prävention sei nicht allein Aufgabe des Gesundheitswesens. Auch Bildung, Politik, Kommunen, Forschung und andere gesellschaftliche Bereiche seien beteiligt.
Zum Abschluss blickte Christoph Markschies noch einmal auf das Publikum und den gemeinsamen Abend zurück:
„Wir waren ein sehr unterschiedliches und buntes Publikum: Menschen vom Fach, Menschen aus der Wissenschaft, Menschen, die Wissenschaft beobachten, Menschen, die etwas von der Wissenschaft erwarten. Und ich glaube, jede und jeder konnte etwas mitnehmen.“
Markschies erinnerte an seinen Besuch in der Erich-Kästner-Schule in Berlin: „Und von Erich Kästner stammt der schöne Satz: ‚Besser als gerührt sein ist: sich rühren’. Wie Sie sich rühren können, das wissen Sie jetzt.”
Der Präventions-Salon ist Teil des Projekts „Fit für morgen!“ von Leopoldina, acatech, Akademienunion, BAdW und BBAW im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2026 – Medizin der Zukunft des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sowie Teil des Projekts „Wissenschaft - und ich?!“ von DFG, HRK, Akademienunion, BBAW und Wissenschaft im Dialog.
Mitschnitt der Diskussion
Impressionen


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