
Wissenschaft in stürmischer See - Sicherheit in Krisen? Jahresempfang der Akademienunion
11.11.2025
Zu der kleinen Projektausstellung „Leuchttürme in stürmischer See“
Wir blicken auf einen gelungenen Abend im Zeichen der stürmischen See zurück: unseren Jahresempfang im Leibniz-Saal im Akademiegebäude am 10. November 2025, zu dem wir Gäste aus Wissenschaft und Forschung, Politik und dem Kreis der Freunde der Akademien begrüßen konnten.
Nach der Begrüßung durch unseren Präsidenten Prof. Dr. Christoph Markschies und einem Grußwort des Staatssekretärs für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Tobias Dünow, stand der Abend ganz im Zeichen von Film, Musik und Politik. In seiner Rede "Wie Untergehen und Absaufen verhindern? Was Wissenschaft leisten und nicht leisten kann" ging Christoph Markschies auf die Rolle von Wissenschaft und den Akademien angesichts der multiplen Krisen im Speziellen ein: “Gerade weil wir als Akademien wie kaum eine andere Wissenschaftseinrichtung das Ganze des Wissenschaftssystems und damit auch das Ganze der Gesellschaft im Blick haben (und nicht nur einfach interdisziplinär zusammensitzen), liefern wir in dieser Situation präzise Diagnosen und hilfreiche Lösungsvorschläge und können also entängstigend wirken in angstbesetzten Debatten und Stimmungslagen, eine ganze eigene, mitunter etwas zu leise Tonart im repetitiven, allzu lauten klanglichen Chaos unserer Tage.”
Wir danken allen Gästen, Forschungsvorhaben, Mitwirkenden und Partnern sehr herzlich für ihre Beiträge und die lebendige Atmosphäre, die diesen Abend geprägt haben!
Mit freundlicher Unterstützung vom Mohr Siebeck Verlag
Im Anschluss stand der packende Hollywood-Film „Der Herr der sieben Meere" aus dem Jahr 1940 im Mittelpunkt des Abends, für den Erich Wolfgang Korngold die Musik komponiert hatte. Dessen Werke werden im Akademienprogramm der deutschen Wissenschaftsakademien ediert. Gemeinsam mit den Projektleitenden Prof. Friederike Wißmann und Prof. Arne Stollberg ging es um Leben und Wirken des ins Exil geflüchteten jüdischen Komponisten und um die hochaktuelle Frage nach politischen und militärischen Optionen im Umgang mit autoritären Regimen. Martin Rieck (Gesang) und Prof. Karola Theill (Klavier) von der Hochschule für Musik und Theater in Rostock präsentierten zwei Werke Korngolds.
In einer kleinen Ausstellung „Leuchttürme in stürmischer See“ präsentierten sich Forschungsvorhaben aus dem Akademienprogramm.
Impressionen des Jahresempfanges





„Leuchttürme in stürmischer See“
Buber-Korrespondenzen Digital | Handschriftlicher Brief von Martin Buber an Max Brod (Faksimile)
Buber-Korrespondenzen Digital erschließt die gesamte Korrespondenz Martin Bubers (1878–1965) nach einem modularen Editionssystem und analysiert die in den Briefen repräsentierten dialogischen Beziehungen und Netzwerke. Der Brief an Max Brod ist ein Beispiel für Bubers jahrzehntelange Beschäftigung mit Kafkas literarischem Werk und seiner Person – von ihrer Bekanntschaft um 1910 bis in die 1960er Jahre. Er verdeutlicht zugleich, wie es Buber immer wieder und in ganz unterschiedlichen Kontexten gelang, Orientierung im Ozean bewegter Zeiten aufzuzeigen.
„Buber-Korrespondenzen Digital“ ist ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz.
Prize Papers| Fragmentierter Korb mit geknoteten Henkeln und farbigem Muster an der Außenseite
Dieser Korb wurde 1747 während einer Seeschlacht von einem britischen Kaperer auf einem französischen Schiff konfisziert und an den High Court of Admiralty in London übergeben. Dort diente er als Beweismittel, falls die Rechtmäßigkeit der Kaperung angefochten werden sollte.
Die wechselnden Besitzverhältnisse des Korbs – eine afrikanische oder afro-amerikanische Frau, ein französischer Kapitän, ein Gericht, ein Regierungsarchiv – stehen exemplarisch für die wissenschaftliche und politische Herausforderung im Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten. Durch naturwissenschaftliche Analysen, KI-basierte Techniken und die Kooperation mit Wissenschaftler:innen aus den geographischen Ursprungskontexten sollen die historische Multiperspektivität und Deutungsvielfalt in die wissenschaftliche Analyse eingehen.
„Prize Papers“ ist ein Projekt der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften in Kooperation mit der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, The National Archives UK, dem Deutschen Historischen Institut London und der Verbundzentrale des GBV Niedersachsens.
Leibniz-Edition | Magnetglobus von Gottfried Wilhelm Leibniz
Der Magnetglobus von Gottfried Wilhelm Leibniz aus Papiermaché entstand Ende 1711/1712 und ist der weltweit erste Globus mit magnetischen Deklinationslinien. Er wurde als Geschenk für Zar Peter I. entworfen und basiert auf Karten von Edmond Halley, erweitert um Deklinationslinien auf Kontinenten. Er galt seit Mitte des 19. Jahrhunderts als verschollen und wurde 2022 wiederentdeckt.
Die „Leibniz-Edition“ ist ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im europäischen Raum | Geschichtlicher Handatlas von Niedersachsen
Gewässer gestalten unsere Landschaften. Ihre Namen sind zum Teil weit älter als die deutsche Sprache. Zahlreiche Ortsnamen auf -bach/-bêke, -epe, -see usw. zeigen, dass Gewässernamen auf Siedlungen übertragen werden konnten. Andere enthalten Gewässernamen als Bestandteile (Wietze in Wietzenbruch), darunter auch heute verschwundene Gewässernamen (*Ausana in Osnabrück). Schließlich sind auch Hannover (‘am hohen Ufer’) oder Stade (‘Ufer, Gestade’) indirekt der Gestaltungskraft bzw. der Nähe von Gewässern zu verdanken. Gewässernamen sind daher ein sehr wichtiger Gegenstand der Projektarbeit.
„Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im europäischen Raum“ ist ein Projekt der Niedersächsichen Akademie der Wissenschaften.
Ernst Haeckel (1834–1919): Briefedition | Modell eines Strahlentierchens
Das von Matthias Krüger (Phyletisches Museum, Jena) angefertigte Modell zeigt die von Ernst Haeckel erstmals 1887 beschriebene Radiolarie Clathrocanium reginae. Der französische Architekt René Binet verwendete eine von dem Jenaer Evolutions- und Meeresbiologen angefertigte
Zeichnung der Radiolarie für die Gestaltung eines monumentalen, auf drei Stützen ruhenden Kuppelbaus, der als Eingangsportal der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 diente. Den „großartigen Jahrmarkt“ der im April 1900 eröffneten Weltausstellung besuchte Haeckel an mehreren Tagen im August 1900.
„Ernst Haeckel (1834–1919): Briefedition“ ist ein Projekt der Deutschen Akademie der Naturforscher Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
Erich Wolfgang Korngold Werkausgabe | Korngolds Hollywood im Schatten Hitlers: The Sea Hawk als politische Allegorie
The Sea Hawk gehört zu jenen Hollywood-Produktionen der späten 1930er und frühen 1940er Jahre, die im Gewand von Mantel-und-Degen-Filmen Allegorien des Widerstands gegen Hitler in Szene setzten. Erich Wolfgang Korngold war von dieser Thematik als österreichischer Exilant besonders betroffen. Wie aber ließ sich die kommerzielle Stoßrichtung des Kinos der „Traumfabrik“ mit antinazistischer Propaganda zusammenführen? Die Edition der Filmmusik soll nicht zuletzt dazu dienen, solche Fragen verstärkt in den Fokus zu rücken.
Die „Erich Wolfgang Korngold Werkausgabe“ ist ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz.
Tagebucheintrag der Amerikanischen Reise
Transkription des Tagebucheintrags
Zum Projekt Alexander von Humboldt
Alexander von Humboldt auf Reisen - Wissenschaft aus der Bewegung | Tagebucheintrag der Amerikanischen Reise
Von der Ambivalenz des Aufbruchs zwischen Optimismus und Gefahr
Die Überfahrt in die hispanoamerikanischen Kolonien am 5. Juni 1799 markiert den Beginn von Humboldts berühmter Forschungsreise (1799–1804). Sie sollte sein Leben verändern und die europäischen Wissenschaften über Jahrzehnte prägen. Bei starkem Seegang erinnert Humboldt an Reisende, die vor ihm gescheitert waren. Nach seiner Rückkehr von einer Forschungsreise in spanischen Diensten (1789–1794) wurde der italienische Marineoffizier Malaspina 1796 durch eine Intrige verhaftet, bei der angeblich die Marquesa de Matallana (in Humboldts griechischer Chiffre „ματαλλανα“) eine Rolle spielte. Malaspina wurde erst 1803 aus der Festung San Antonio entlassen.
„Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ ist ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Limes und Legion | Zwei Amphorenhenkel aus Neuss
Die römischen Militärstandorte Nijmegen, Neuss und Bonn wurden unter anderem über die Flüsse Waal und Rhein mit Lebensmitteln versorgt. Sinnbild dafür sind Amphoren, die als Mehrwegflaschen der Römer, weite Strecken zurücklegten. Ein Exponat trägt den Herstellerstempel L·V[·]IVC und datiert ins 1. Jh. n. Chr., das andere zeigt das Graffito VICTOR, dessen Bedeutung und Datierung unklar ist. Beide stammen aus Hispania Baetica (Spanien), dem Hauptliefergebiet römischen Olivenöls.
„Limes und Legion - Die Wirkmächtigkeit römischer Militärpräsenz am Niedergermanischen Limes“ ist ein Projekt der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.
Tontafel aus dem Irak-Museum
Zum Projekt CAICCuneiform Artefacts of Iraq in Context | Tontafel aus dem Irak-Museum
Die Tafel, die erstmals 2021 durch das CAIC-Projekt konserviert wurde, enthält eine bisher unbekannte Hymne auf die Stadt Babylon mit einer Passage über den Euphrat. Der Fluss lässt Felder erblühen und Getreide sprießen:
Der Euphrat, der die Stadt durchfließt, bewässert die Ebene, er tränkt das Röhricht. Auf seinen Feldern blüht es und grünt, es glänzen die Auen mit frischem Getreide: Mit Reichtum und Pracht, der Menschheit gebührend, (ist alles) in herrlicher Fülle
bedacht.
„Cuneiform Artefacts of Iraq in Context (CAIC)“ ist ein Projekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Hallische Händel-Ausgabe | Georg Friedrich Händel, Giustino
Das Meer, der Sturm, das Schiff sind verbreitete Motive in der Opera seria des 18. Jahrhunderts. Auch Georg Friedrich Händel komponierte sogenannte Gleichnisarien, in denen die Gefühle der Protagonisten durch die Metapher des stürmischen Meeres ausgedrückt werden.
Exemplarisch hierfür stehen die Arien „Sventurata navicella“ und „Quel torrente che s‘innalza“ aus der Oper Giustino (1737): In der einen wird die Liebe durch ein Schiff im Sturm symbolisiert, in der anderen wird die Empörung mit dem Meer verglichen. In der musikalischen Darstellung der Naturgewalt setzt Händel auf schnelle Tempi, pulsierende Rhythmik, wellenartige oder fließende Melodien und „ausufernde“ Koloraturen, wodurch er dem Zuhörer ein ganz besonderes Klangerlebnis bietet.
Die „Hallische Händel-Ausgabe“ ist ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz.
Robert Schumanns Poetische Welt | Sturmerlebnisse im Leben des Musikerehepaares Robert und Clara Schumann
Auf der Rückreise von ihrer gemeinsamen Russland-Tour gerieten sie am 19. Mai 1844 auf der Ostsee in ein heftiges Gewitter. Es gelang der Schiffsmannschaft nicht, rechtzeitig alle Segel einzuholen, so dass ein Mast unter der Gewalt schwerer Böen zerbarst und aufs Deck stürzte. Als Andenken an dieses Erlebnis nahmen die Schumanns Splitter des Mastes mit. Clara vermerkte das Abenteuer im Brautbuch, das ihr Mann 1838 für sie angelegt hatte. Als Schumann 1851 Ludwig Uhlands Ballade Der Königssohn vertonte, dürften ihn Verse daraus an die einst überstandene Gefahr erinnert haben: „Da ziehen finst’re Wolken auf, / Mit Sturm und Gewitter, / Die Blitze zucken aus der Nacht, / Die Maste springen in Splitter, / Und Wogen stürzen auf das Schiff.“
„Robert Schumanns Poetische Welt (RSPW)“ ist ein Projekt der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.
Die „Leuchttürme in stürmischer See“ sind Teil des derzeit größten geistes- und sozialwissenschaftlichen Langzeitforschungsprogramms in Deutschland. Das Akademienprogramm wird gemeinsam von Bund und Ländern gefördert und von der Akademienunion koordiniert.
Kontakt
Dr. Annette Schaefgen
Leiterin Berliner Büro
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
030 / 325 98 73 70
annette.schaefgen@akademienunion.de


















