Kurz nachgefragt ...

Text Schrade

Prof. Torsten Schrade ist seit 2009 Leiter der Digitalen Akademie an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz und Professor für Digital Humanities an der Hochschule Mainz. In den Digital Humanities ist er seit 2002 sowohl in Forschung und Lehre wie auch in der Entwicklung geisteswissenschaftlicher Anwendungen tätig. Er ist u.a. Mitglied der Arbeitsgruppe eHumanities der Akademienunion und hat mit der Digitalen Akademie das AGATE-Portal (A European Science Academies Gateway for the Humanities and Social Sciences) realisiert.

  • Leiter der Digitalen Akademie an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz

    ... bei Prof. Torsten Schrade

    Foto: Steffen Schneider

Seit dem Akademientag 2018 ist AGATE, das Forschungsinformationssystem der Wissenschaftsakademien, online. Welche Möglichkeiten bietet AGATE für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie die Öffentlichkeit?
Das Portal bietet erstmals einen strukturierten Zugriff auf die Forschungsprojekte der deutschen Wissenschaftsakademien. Um die Vielzahl an Forschungsaktivitäten an den Akademien sowohl für Forscherinnen und Forscher als auch die breitere Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen, ermöglicht AGATE durch ein vielschichtiges Klassifikationssystem und eine leistungsstarke Suche einen individuellen Recherchezugang zu dieser Forschung. Sämtliche Forschungsprojekte innerhalb von AGATE sind über Identifikatoren dauerhaft referenziert und können in wissenschaftlichen Arbeiten zitiert werden. Da sämtliche Forschungsdaten in AGATE offen und standardisiert zur Nachnutzung zur Verfügung stehen, können mittelfristig ganz neue Analyse- und Anwendungskontexte für die in den Akademien vollzogene Grundlagenforschung geschaffen werden.

Was ist das Ziel des AGATE-Portals und welche Bedeutung hat es für die Geisteswissenschaften?
Langfristiges Ziel von AGATE ist es, eine europäische Plattform zu schaffen, mit der die Sichtbarkeit der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung an den europäischen Akademien gestärkt, Kooperationen ermöglicht und insgesamt die Auffindbarkeit der meist in den „Kleinen Fächern" stattfindenden Akademieforschung deutlich verbessert wird. Das System soll in naher Zukunft in drei Richtungen weiter entwickelt werden. Zunächst ist es geplant, auch abgeschlossene Projekte der deutschen Akademien in das Portal aufzunehmen. Dies würde eine einzigartige historische Perspektive auf die Forschung der deutschen Akademien im letzten Jahrhundert eröffnen. Zum anderen soll der geografische Fokus von AGATE durch Projektbeiträge aus anderen europäischen Ländern und Akademien erweitert werden. Und drittens wird die Funktionalität von AGATE um einen neuen Recherchezugang ergänzt, der neben der Projektdatenbank auch einen Blick auf die in den Akademieprojekten eingesetzten digitalen Forschungsinstrumente bietet.

Welche Potenziale sehen Sie in digitalen Infrastrukturen und Methoden besonders für die geisteswissenschaftliche Forschung in Zukunft?
Die Geisteswissenschaften unterliegen einem starken Wandel. Die Digitalisierung unseres kulturellen Erbes hat ein neues Niveau erreicht. Mit den „Digital Humanities“ hat sich eine wissenschaftliche Disziplin etabliert, die sich als Mittlerin zwischen den Geisteswissenschaften und der Informatik begreift. In dieser Entwicklung liegt einerseits enormes Potenzial: Zu keiner Zeit vorher war es möglich, zeit- und ortsunabhängig auf ein so breites Spektrum an digitalen Forschungsmaterialien und -methoden zuzugreifen. Genau deshalb müssen andererseits aber auch „Data Literacy“ und „Computational Thinking“ – also die kritische Reflexion von Forschungsdaten sowie die Kenntnis der algorithmischen Zusammenhänge softwaregestützter Forschung zum ständigen Methodenrepertoire der Geisteswissenschaften gehören.


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