Kurz nachgefragt ...

Prof. Dr. Bernhard R. Appel ist Musikwissenschaftler und leitet, gemeinsam mit Prof. Dr. Joachim Veit, das Projekt „Beethovens Werkstatt: Genetische Textkritik und Digitale Musikedition“der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz

  • Projektleiter des Akademienvorhabens "Beethovens Werkstatt: Genetische Textkritik und Digitale Musikedition"

    ... bei Prof. Dr. Bernhard R. Appel

    Portrait Berhard Appel Johannes Kepper

Was erforschen Sie genau und wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der in einem "klassischen" Musikeditionsprojekt?

Auf der Basis der reichen Manuskript- und Drucküberlieferung zu Beethovens Werken erforscht unser Projekt Beethovens kompositorische Arbeits- und Denkweise. Dabei geht es nicht etwa um die Aufdeckung psychischer Triebkräfte oder biographisch motivierter Schaffensimpulse, sondern um die Ermittlung konkreter kompositorischer Praktiken. Durch die methodisch-systematische Analyse von Schreibprozessen lassen sich Routinen, typische Arbeitsschritte (sie zeigen sich z. B. in Skizzen, Entwürfen, Arbeitspartituren, Druckausgaben) aber auch individuelle Strategien von Problemlösungen (Varianten, Korrekturen) erkennen und beschreiben. Während diese noch im Aufbaustadium befindliche genetische Textkritik den Weg, den Prozess erforscht, der zu einem finalen Werktext führt, bemüht sich die konventionelle Musikeditorik um die Konstituierung eines authentischen, verlässlichen Produkts, eben des Notentextes, der als Werk verstanden und aufführungspraktisch und wissenschaftlich gebraucht werden kann.

Welche neuen Erkenntnisse können wir durch Ihre Forschung über Ludwig van Beethoven erwarten?

„Beethovens Werkstatt“ versteht sich als Grundlagenforschung und bewegt sich somit auf einem offenen, oft auch unsicheren Terrain, für das es kaum Vorbilder gibt, an denen man sich orientieren könnte. Wir wollen und können auch keine Rezepte liefern, denen zufolge man „wie Beethoven“ komponieren könnte, sondern wir entwickeln eine angemessene, transparente, also überprüfbare Beschreibungs- und Darstellungsmethode, um den kreativen Prozess des Komponierens besser verstehen zu können. Es ist ein Näherungsverfahren an Erkenntnisziele, die von der Grundeinsicht getragen werden, dass jede kompositorische Arbeit in Konventionen und Überlieferungstraditionen eingebettet ist und von diesen getragen wird. Kreativität ist in einem gewissen Rahmen historisch fassbar und mittels Textanalysen auch pragmatisch beschreibbar, wodurch wir dem Genie näher kommen und es zugleich auch ein wenig entzaubern.

In welcher Form werden Ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht und der Allgemeinheit zugänglich gemacht?

In unserer Forschung sind zwei Arbeitsfelder aufs engste miteinander verflochten. Wir entwickeln Methoden und Konzepte einer musikbezogenen genetischen Textkritik und zugleich digitale analytische Werkzeuge und Präsentationsformen, um hochkomplexe, kreative Sachverhalte und Handlungsabläufe zu vermitteln. Unsere Arbeitsweise, unsere theoretischen Konzepte und unsere digitaltechnischen Codierungsmaßnahmen sind auf unserer Websiteöffentlich zugänglich und völlig transparent. Wir achten darauf, dass alle unsere Forschungsansätze auch auf andere Komponisten vor und nach Beethoven übertragen werden können.

Zum Beethovenjahr, das durch die aktuelle Pandemie leider nur sehr eingeschränkt gefeiert werden kann, haben wir außer durch eine verstärkte Vortragstätigkeit vor allem durch die Beteiligung an einer Klanginstallation beigetragen, die an der Hochschule für Musik Detmold unter dem Titel "Inside Beethoven! Das begehbare Ensemble" erarbeitet wurde und Beethovens Septett op. 20 und dessen Bearbeitung als Trio op. 38 gewidmet ist. Diese Installation wird in Detmold, Paderborn, Leipzig, Frankfurt, Bonn und Wien gezeigt. Die Besucherinnen und Besucher können sich innerhalb eines digital erzeugten Klangraums bewegen und dabei wahlweise die Hörpositionen der einzelnen Musiker einnehmen und zwischen den beiden Werkfassungen nach Belieben wechseln; eine derartige Hörerfahrung kann man weder im Konzertsaal, noch mittels einer Phonoanlage machen.


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