Kurz nachgefragt ...

Text Albers

Prof. Dr. Antonio Loprieno ist Präsident von ALL European Academies (ALLEA), dem europäischen Verbund von knapp 60 Akademien aus über 40 Ländern, dem auch die Akademienunion angehört. Der Ägyptologe  ist zudem Präsident des Schweizerischen Dachverbandes der Akademien und ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

  • ALLEA-Präsident

    ... bei Prof. Dr. Antonio Loprieno

    Swiss Academies of Arts and Sciences

Im Mai feiert ALLEA sein 25-jähriges Jubiläum unter dem Thema „Science and Society in Present-Day Europe“. Welche Rolle spielt Wissenschaft für unsere Gesellschaft heute und welche Aufgaben kommen den Akademien zu, die oftmals auf eine sehr traditionsreiche Geschichte zurückblicken?

Der Wissenschaft kommt gerade in Zeiten gesellschaftlicher und technologischer Transformationen, wie wir sie gerade erleben, eine führende Rolle zu. Diese Veränderungen zu untersuchen und zu verstehen, ist von essentieller Bedeutung und liegt im Kernbereich allen wissenschaftlichen Schaffens. Den Akademien fällt in diesem Kontext eine zentrale Rolle zu, einerseits als Wärterinnen wissenschaftlicher Neutralität und guter wissenschaftlicher Praxis und andererseits als vertrauenswürdige Beraterinnen von Politik und Gesellschaft. Durch ihren interdisziplinären Ansatz können Akademien globale und komplexe Themen von Beginn an von verschiedenen Seiten beleuchten und bearbeiten. ALLEA tut dies gemeinsam mit unseren Akademien auf europäischer Ebene und über Ländergrenzen hinweg im Rahmen des SAPEA Projekts, das über einen speziellen Mechanismus in die Politik- und der Gesellschaftsberatung der Europäischen Kommission eingebunden ist. Bedauerlicherweise gibt es allerdings auch Gegenbewegungen – schauen Sie nach Ungarn oder in die Türkei. Die Freiheit der Forschung muss unsere conditio sine qua non bleiben, und wir in den Akademien müssen uns noch stärker für deren Sicherung einsetzen.

Die Akademienunion und ihre Mitgliedsakademien sind Mitglied bei ALLEA. In welchen Feldern arbeiten Akademienunion und ALLEA zusammen und wo sehen Sie noch Potential, um die Sichtbarkeit der Akademieforschung zu erhöhen?

ALLEA hat zwei Mitglieder in Deutschland: die Akademienunion und die Leopoldina. Es freut mich sehr, dass über meine Kollegin Professor Susanne Albers derzeit beide deutschen Mitglieder im ALLEA-Vorstand vertreten sind. ALLEA und die Akademienunion haben immer sehr eng kooperiert. Besonders im Bereich der geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung ist die Arbeit der Akademienunion im Rahmen des Akademienprogramms weltweit einzigartig. Wir können hier viel lernen.
Die Akademienunion ist zudem in mehreren ALLEA-Arbeitsgruppen aktiv, etwa zu den Themen "Wissenschaft und Ethik", "E-Humanities", oder "Horizon Europe". Zwei konkrete Beispiele von Kooperation der vergangenen Jahre wären die Herausgabe des zweiten Bandes der ALLEA Buchreihe "Discourses on Intellectual Europe" durch Professor Albrecht Riethmüller von der Mainzer Akademie, sowie eine kürzlich an der Göttinger Akademie organsierte ALLEA Konferenz zum Thema "Europe on Test: Narratives of Union and Disunion".
ALLEA hat gerade eine neue Strategie verabschiedet, die unter anderem als Ziele definiert, noch stärker zu Themen wie Vertrauen in die Wissenschaft, Inklusivität und Diversität der Wissenschaftsgesellschaften, oder gute wissenschaftliche Praxis zu arbeiten. Die Akademienunion kann hier wichtige Beiträge leisten und die in Deutschland unternommene Forschung zu diesen Themen in ALLEAs Positionen einbringen. 

Eine sehr bedeutende Aufgabe der  Mitgliedsakademien von ALLEA ist die Bewahrung und Sicherung des kulturellen Erbes weltweit. Wie kooperieren die Akademien hier untereinander und wie profitieren Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Ebenso wie die Akademien die Hüter der wissenschaftlichen Freiheit sind, so sind sie auch führend in der Sicherung und Verfügbarmachung unseres kulturellen Erbes. Eine wunderbare Initiative ist das Onlineportal AGATE der Akademienunion, das den neuen digitalen Möglichkeiten Rechnung trägt und einen großen Beitrag leistet, Forschungsergebnisse dauerhaft und allgemein verfügbar zu machen. Ich bin besonders froh, dass dieses Projekt, das ja aus einer Pilotstudie der Akademienunion und ALLEA hervorgegangen ist, mittlerweile als pan-europäisches Projekt weitergeführt wird.
Wir werden uns auch in Zukunft über unsere E-Humanities Arbeitsgruppe intensiv mit den Themen der digitalen Sicherung des kulturellen Erbes auseinandersetzen. Gerade haben wir eine offene Online-Konsultation gestartet, deren Ergebnis eine Reihe von Empfehlungen zum digitalen Umgang mit geisteswissenschaftlichen Forschungsdaten sein wird.


© Union der deutschen Akademien der Wissenschaften 2014