Kurz nachgefragt ... bei Dr. Tobias Kraft

Text Kraft

Dr. Tobias Kraft ist Arbeitsstellenleiter des Akademienvorhabens Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Das Vorhaben wird seit 2015 im Akademienprogramm gefördert. Seit 2019 ist der Romanist zudem Projektleiter des "Centro Humboldt - Zentrum für digitale Kulturerbeforschung / Centro para la investigación digital del patrimonio cultural" (Berlin/La Habana).

  • Arbeitsstellenleiter des Akademienvorhabens "Humboldt auf Reisen" der BBAW

    ... bei Dr. Tobias Kraft

    Karla Fritze

Was erforschen Sie in Ihrem Projekt genau und welche Quellen ziehen Sie hierfür heran?

Unser Akademienvorhaben widmet sich der editionsphilologischen Erschließung von Humboldts wissenschaftlichem Nachlass. Unsere Arbeit nimmt das Leitmotiv der Humboldt'schen Wissenschaft in den Blick: die Forschungsreise. Im Zentrum unseres Korpus stehen daher die Tagebücher von Humboldts berühmten Reisen in die amerikanischen Tropen (1799-1804) sowie nach Russland und Zentralasien (1829). Beide Reisen sind das Fundament, auf das Humboldts Forschungsprogramm einer weltweit ausgreifenden Wissenschaft aufbaut. Daher interessiert uns besonders der Berliner und Krakauer Nachlass, den wir neben den Reisetagebüchern in fünf Themenschwerpunkten bearbeiten und edieren. Die forschende Edition bislang unveröffentlichter Vorlesungsmanuskripte, Notizen und Exzerpte aus diesen beiden Teilnachlässen erlaubt einen völlig neuen Blick auf Humboldts Schreibverfahren und Arbeitsweise sowie auf seine Wahrnehmung der zeitgenössischen wissenschaftlichen Debatten.

Welche neuen Erkenntnisse kann Ihr Projekt für Wissenschaft und Öffentlichkeit eröffnen?

Wir edieren Humboldts Reisetagebücher in einer nie dagewesenen Tiefe und philologischen Genauigkeit, Seite für Seite, Wort für Wort. Das ist auch für die berühmten amerikanischen Reisetagebücher bisher nie geschehen. Die russisch-sibirischen Tagebücher werden in unserem Vorhaben zum ersten Mal überhaupt für eine Edition vorbereitet, genauso wie das Tagebuch von Humboldts Reisebegleiter Christian Gottfried Ehrenberg, das wir im September 2019 veröffentlicht haben. Humboldts wissenschaftlicher Nachlass wird von uns in weiten Teilen erstmals editorisch erschlossen, wir leisten hier Pionierarbeit für die Forschung.

Nehmen wir die für Humboldt zentrale Konzeption einer Geographie der Pflanzen: Durch seine Erschließung des Berliner Nachlasses konnte Ulrich Päßler rekonstruieren, wie Humboldt zusammen mit dem Berliner Botaniker Carl Sigismund Kunth in den 1820er Jahren intensiv an einer Überarbeitung seines 1807 in den "Ideen zu einer Geographie der Pflanzen" veröffentlichten Modells arbeitet. Humboldt wusste, dass die Forschungen in diesem Feld, das wir heute mit den Themen Ökologie und Biodiversität in Verbindung bringen, rasant voranschritten. Seine eigenen geobotanischen Arbeiten drohten zu veralten. Der Versuch einer systematischen Überarbeitung zeigt Humboldts Wunsch, über das Erreichte hinauszugehen und die Erkenntnisse seines berühmten "Naturgemälde[s] der Tropenländer" zu einem statistischen Bestimmungsverfahren weltweiter Verbreitungsmuster von Pflanzen weiterzuentwickeln. Dieser Aspekt war der Forschung bisher völlig unbekannt.

Ihr Projekt wurde 2017 mit dem Berliner Digital Humanities Preis ausgezeichnet. Was zeichnet Ihre Edition hierbei aus?

Wir gehen mit unserer Hybrid-Edition, die sowohl online (edition humboldt digital) als auch im Druck (edition humboldt print) erscheint, in mehrfacher Hinsicht neue Wege. Unser Editionsmodell, unsere tägliche Arbeit, unsere Forschungsdaten, all dies ist "born digital" und aus den Bedingungen des Digitalen entwickelt. Wir stehen ein für eine Open-Access-Forschung, die die Datengrundlage der eigenen Editionsarbeit offenlegt und zur Nachnutzung freigibt. Wir digitalisieren historische Forschungsdaten und binden sie in unsere Edition ein. Wir verbinden unsere Daten mit Ressourcen externer Quellen über gemeinsame Schnittstellen und Normdateien. Das Ziel ist klar: unsere Edition soll kein singulärer Gegenstand sein, sondern eine vernetzte Forschungsressource werden. Ein letzter, aber wichtiger Punkt: Wir machen wissenschaftshistorische Editionen anschlussfähig an heutige Forschungskontexte, etwa durch unser neu entwickeltes Pflanzenregister, das die historischen Pflanzennamen unserer Quellen verknüpft mit den weltweit wichtigsten Datenbanken zur Biodiversität und Taxonomie.


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