Kurz nachgefragt ...

Dr. Annette von Stockhausen koordiniert als Arbeitsstellenleiterin das Akademienvorhaben „Die alexandrinische und antiochenische Bibelexegese in der Spätantike", das am Zentrum für Grundlagenforschung der alten Welt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist. Das Forschungsprojekt wird seit 2011 im Akademienprogramm gefördert – seine Ursprünge an der Akademie gehen bis 1891 zurück.

  • Arbeitsstellenleiterin des Akademienprojekts „Die alexandrinische und antiochenische Bibelexegese in der Spätantike“ der BBAW

    ... bei Dr. Annette von Stockhausen

    Foto: Uwe Rieger

Im Projekt „Die alexandrinische und antiochenische Bibelexegese in der Spätantike“ edieren und untersuchen Sie Kommentare und Predigten, die die Bücher des Alten Testaments auslegen. Wer hat diese Texte verfasst und für wen wurden Sie geschrieben?

Die im Projekt edierten Texte stammen von griechisch-sprachigen Autoren des 4. und 5. Jahrhunderts n.Chr., die im Osten des Römischen Reiches wirkten: Eusebius von Caesarea, Severian von Gabala, Kyrill von Alexandrien, Hesychius von Jerusalem und Theodoret von Kyrrhos. Während sich die Predigten des Severian von Gabala an die Gottesdienstbesucher der Kirchen Konstantinopels wenden, handelt es sich bei den Kommentaren und Abhandlungen der übrigen Autoren um wissenschaftliche Literatur, die sich an ein Fachpublikum richtet. Sie ist Teil der zeitgenössischen Diskussionen über die Auslegung von Texten und die dafür anzuwendende Methode, die im Christentum, im Judentum und bei „heidnischen“ Autoren geführt werden.

Für welche wissenschaftlichen Disziplinen ist ihre Editionsarbeit besonders relevant, was wünschen Sie sich als idealen Output am Ende des Projekts 2032?

Die Spätantike gilt als eine besonders prägende Epoche des Christentums. In den Editionen erschließen wir zentrale Texte dieser Zeit, die das Alte Testament auslegen, sowie die in ihnen angewendeten Methoden der Auslegung, die in der Forschungsgeschichte unter den Stichworten „alexandrinische“ und „antiochenische“ Exegese verhandelt werden. Dabei rekonstruieren wir – soweit möglich – die ursprüngliche Textgestalt aus der handschriftlichen mittelalterlichen Überlieferung und weisen beispielsweise die reichlichen biblischen Zitate sowie die Rezeption anderer Texte und Traditionen nach. Die Editionen sind damit natürlich für die christliche Theologie und dort vor allem für die Auslegungsgeschichte des Alten Testamentes relevant. Über die Theologie hinausgehend ist unsere Arbeit aber auch für Gräzistik und Byzantinistik, für Philosophie-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte bedeutungsvoll.
Am Ende unseres Projektes soll diesen Disziplinen ein Arbeitsinstrument zur Verfügung gestellt werden, das weitere Forschung ermöglicht und anregt. Dafür wird eine  »klassische« kritische Edition in unserer Reihe der »Griechischen christlichen Schriftsteller« in den Druck gehen und online als digitale Edition verfügbar sein, im in Entstehung begriffenen »Patristic Text Archive«.  Durch die Übersetzungen, die in der Projektarbeit entstehen, werden die Texte auch einer breiteren interessierten Öffentlichkeit zugänglich. 

Welche Weltbilder werden in den antiken christlichen Texten konstruiert? Und wie beeinflussen sie bis heute unsere Kultur?

Wie die antiken Philosophen haben sich auch die Christen Gedanken darüber gemacht, wie man sich die Welt, in der wir leben, und ihr Verhältnis zu Sonne, Mond und den Sternen vorzustellen hat. Bei der Bildung ihres Weltmodells spielt neben der Naturbeobachtung und der Auseinandersetzung mit dem von den Philosophen entworfenen sphärischen Weltbild vor allem das in der Bibel und dort im Buch Genesis entworfene Weltbild eine Rolle. Das Weltbild der Genesis ist dabei übrigens selbst ein Modell, das auf die Auseinandersetzung mit altorientalischen Theorien zur Welt zurückgeht. 
Das »antiochenische« Modell einer truhenförmigen, flachen Erde findet sich in den von uns edierten Texten vor allem in den Predigten des Severian von Gabala zur Schöpfungsgeschichte. Er bezieht sich vor allem auf die Bibel und interpretiert das dort entworfene Weltbild, wobei er aber auch auf Erkenntnisse der griechischen Naturphilosophie zurückgreift. Andere christliche Autoren der Spätantike vertreten eher das Modell einer kugelgestaltigen Erde, das die Erkenntnisse anderer und wirkmächtigerer Traditionen der Philosophie aufnimmt. Auch wenn alle antiken Modelle, die ein geozentrisches Weltbild vertreten, nach heutigem Wissensstand überholt sind, ist es (nicht zuletzt wissenschaftstheoretisch) interessant zu sehen, wie Menschen der Antike mit Hilfe des ihnen zur Verfügung stehenden Wissens und ausgehend von den geistesgeschichtlichen Prämissen ihrer Zeit versuchten, Antworten auf die Frage zu finden, was die Welt ist, auf der wir Menschen leben.


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