
Kurz nachgefragt... bei Prof. Markus Dreßler
Biographie Prof. Dr. Markus Dreßler
Prof. Dr. Markus Dreßler ist Leiter des neu ins Akademienprogramm aufgenommenen Projektes „Alevitisches Archiv: Ethnohistorie alevitischer Gemeinschaften in Anatolien, 16.–20. Jh.“ der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Als Professor für Moderne Türkeiforschung am Religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig verfügt Prof. Dr. Dreßler über ausgewiesene Expertise in den Feldern Religionsgeschichte und dem Spannungsverhältnis von Staat, Politik und Religion in der Türkei in historischer Perspektive.
Herzlichen Glückwunsch zur Aufnahme Ihres Projektes ins Akademienprogramm, lieber Herr Professor Dreßler.
Was bedeutet die Einbindung Ihres Projekts in das Programm konkret für Sie und Ihr Team?
Zunächst vielleicht ein paar einleitende Informationen zu den Aleviten: Aleviten sind eine Minderheit in der Türkei und bestehen aus überwiegend türkisch- und kurdischsprachigen Gruppen. Sie vertreten einen charismatischen Islam, weshalb sie in der Türkei bis heute strukturell benachteiligt werden. Dabei stellen sie mit bis zu 15 Prozent der Bevölkerung die größte nichtsunnitische Gemeinschaft in der Türkei.
Mit der Bewilligung unseres Akademievorhabens eröffnet sich für uns die faszinierende Möglichkeit, Grundlagenforschung zur historischen Entwicklung der Aleviten der Türkei zu betreiben. Einzelne Forschungsarbeiten zur alevitischen Geschichte im osmanischen Kontext waren bisher meist auf eine Region, Zeit und bestimmte Quellenarten begrenzt. Wir wollen nun – basierend auf den wichtigsten historischen Siedlungsgebieten der Aleviten in Zentral-, Ost-, und Südostanatolien – umfangreiche Daten erheben, die es ermöglichen sollen, die Prozesse alevitischer Gemeindewerdung über einen langen Zeitraum lesbar zu machen. Dabei berücksichtigen wir sowohl lokal spezifische Faktoren als auch transregional wirksame Zusammenhänge. Es geht also um Beziehungen zwischen unterschiedlichen alevitischen Akteuren wie etwa Angehörigen religiöser Abstammungslinien, Dorfbewohnern und Mitgliedern von Stämmen – aber auch um Beziehungen zwischen Aleviten und nicht-alevitischen Anderen, wie zum Beispiel staatlichen Instanzen und sunnitischen sowie christlichen Nachbarn. Methodisch werden wir einen ethnohistorischen Ansatz verfolgen, der sowohl klassische historische Materialien wie osmanische Archivalia und alevitische Handschriften als auch ethnographische Quellen inklusive materieller Kultur einbezieht. Mit diesem Ansatz möchten wir über die Rekonstruktion alevitischer Vergangenheiten hinaus auch einen innovativen Beitrag zur osmanischen Sozial- und Religionsgeschichte leisten. Die Projektarbeit umfasst also zum einen den Aufbau einer teilweise öffentlichen Datenbank, zum anderen die systematische Beschäftigung mit Fragen zur alevitischen Gemeindewerdung und den Beziehungen alevitischer Gruppierungen zum Staat und diversen Anderen in einer Langzeitperspektive. Aufgrund des beträchtlichen Aufwands in der Datenerhebung aus sehr unterschiedlichen Quellen sowie über größere geografische und zeitliche Entfernungen hinweg ist unser Vorhaben tatsächlich nur über das akademiespezifische Langzeitformat umsetzbar. Wir bauen dabei auch auf den Austausch mit laufenden Akademieprojekten mit vergleichbaren methodologischen Fragestellungen und technischen Anforderungen.
„Wir kooperieren mit sowohl lokalen als auch internationalen Partnern. […] Wir sind auch mit anderen alevitischen Organisationen in Kontakt – sowohl um mögliche Forschungskooperationen auszuloten als auch um unsere Forschung insbesondere alevitischen Öffentlichkeiten gegenüber transparent zu machen“, so Prof. Dreßler.
Welche Rolle spielt die internationale Zusammenarbeit in Ihrem Projekt? Und mit wem kooperieren Sie konkret?
Wir kooperieren mit sowohl lokalen als auch internationalen Partnern. Schon in den Projektvorarbeiten haben wir sehr eng mit dem Fachinformationsdienst für Nahost-, Nordafrika- und Islamstudien an der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle zusammengearbeitet. Hier geht es zum Beispiel um den Umgang mit Quellen, Forschungsdatenmanagement und Rechtefragen, die bei der Verwendung und Veröffentlichung von Quellen anfallen. Im Bereich der Digital Humanities-Komponenten unseres Projektes (inklusive Forschungsdatenmanagement) ist vor Ort der enge Austausch mit dem Langzeitprojekt „Bibliotheca Arabica“ an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig wichtig. Dazu kommt eine geplante Kooperation mit der Fakultät Informatik und Medien der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig, bei der es um die Entwicklung technischer Module für Digital Humanities-Komponenten geht. An der Universität Leipzig ist das Projekt zudem in das Forschungsnetzwerk des ReCentGlobe integriert.
Ein weiterer deutscher und gleichzeitig internationaler Kooperationspartner ist das Orient-Institut Istanbul im Verbund der Max Weber Stiftung – diese Kooperation soll sowohl fachspezifischen Austausch als auch Beratung in logistischen Fragen umfassen. In der Türkei sind wir darüber hinaus schon durch unsere Vorarbeiten in engem Austausch mit WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Universitäten, die wir auch gezielt als GastwissenschaftlerInnen einladen wollen – entweder um vor Ort in Leipzig zusammenzuarbeiten oder um in der Feldforschung zu kooperieren. Ähnliche Kooperationen sind mit FachwissenschaftlerInnen aus weiteren europäischen Ländern und den USA anvisiert. Viele dieser Kooperationen sind Fortführungen schon bestehender Zusammenarbeit.
Über die rein wissenschaftliche Fachkooperationen hinausgehend stehen wir auch mit einer Reihe von alevitischen NGOs im Austausch. Eine sehr intensive Zusammenarbeit entwickelte sich im Zuge der Vorarbeiten zu unserem Projekt beispielsweise mit dem Alevitisch-Bektaschitischen Kulturinstitut in Hausen (Wied). Das Institut besitzt ein bedeutendes Archiv, das verschiedene projektrelevante Quellen beherbergt. Unsere Arbeitsstellenleiterin Frau Dr. Karolewski und ich waren gemeinsam mit Kollegen aus der Türkei Teil eines Teams, das die Katalogisierung und teilweise Digitalisierung der Bestände dieses Archivs vorangetrieben hat. In Kürze werden wir über den FID Nahost einen Katalog dieser Bestände veröffentlichen. Wir sind auch mit anderen alevitischen Organisationen in Kontakt – sowohl um mögliche Forschungskooperationen auszuloten als auch um unsere Forschung insbesondere alevitischen Öffentlichkeiten gegenüber transparent zu machen.
„Die größte Herausforderung in der Anfangsphase ist es, ein gutes Team zusammenzustellen und dann schnell zielführende Arbeitsabläufe zu entwickeln. Perspektivisch möchten wir auch Elemente des Citizen Science einbinden, aber auch das muss gut durchdacht und vorbereitet sein.“
Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen in Ihrem Forschungsalltag?
Im Gegensatz zur Situation in Deutschland sind die Aleviten in der Türkei nicht als eigenständige religiöse Gemeinschaft anerkannt. Die religiöse Differenz von der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit und wie diese Differenz in nationalistischen und muslimisch bis säkularistischen Diskursen historisch und bis heute verhandelt wird, ist ein hoch politisches Thema. Wenn es beispielsweise um die Ursprünge der alevitischen Religionstradition geht, um ihre historische Entwicklung im Verhältnis zum sunnitisch geprägten Islam oder auch um die sprachliche beziehungsweise ethnische Pluralität der Aleviten, dann kann das auch politische Sensibilitäten evozieren. Unser Projekt als solches ist aber von historischen Fragestellungen geleitet, und das werden wir immer in den Vordergrund stellen.
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Kontakt
Dr. Annette Schaefgen
Leiterin Berliner Büro
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