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Kurzinterview

Kurz nachgefragt... bei Prof. Dr. Irene Dingel

Biographie Prof. Dr. Irene Dingel

Akademienvorhaben Europäische Religionsfrieden Digital (EuReD)

Die Kirchenhistorikerin und evangelische Theologin sowie Vizepräsidentin der Akademienunion, Prof. Dr. Dr. h.c. Irene Dingel, wurde als Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission 2025 wiedergewählt.  Seit 2022 ist die ehemalige Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte (Abteilung für abendländische Religionsgeschichte) Senior-Forschungsprofessorin der Johannes-Gutenberg-Universität. Gemeinsam mit Prof. Dr. Thomas Stäcker leitet Irene Dingel im Akademienprogramm das Projekt „Europäische Religionsfrieden Digital (EuReD)“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz.
Nachdem Irene Dingel bereits 2020 die Ehrendoktorwürde der Université de Strasbourg erhalten hatte, wurde ihr nun eine weitere Ehrendoktorwürde durch die Theologische Fakultät der Universität Kopenhagen verliehen.

Herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl als Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission und zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Kopenhagen, liebe Frau Professorin Dingel!


Als renommierte Wissenschaftlerin kennen Sie die Spannungsfelder zwischen Kontinuität und Wandel in der Forschung aus langjähriger Beobachtung und eigener Mitgestaltung. Was ist Ihnen persönlich besonders wichtig, wenn es darum geht, langfristige Grundlagenforschungen zu kulturellen Überlieferungen mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen zu verbinden?

Mir liegt sehr daran, dass langfristige Grundlagenforschung in ihren Methodiken und ihren initialen Forschungsperspektiven sowie Fragestellungen nicht erstarrt und sich nicht abschottet, sondern vom Wandel in der Forschungslandschaft unvoreingenommen Kenntnis nimmt und davon profitiert. Sie muss offen bleiben für notwendige Erneuerungen und sich flexibel weiterentwickeln. Denn auf diese Weise kann langfristig angelegte Grundlagenforschung zu kulturellen Überlieferungen eine tragfähige Ressource für eine problemorientierte und wissenschaftsgeleitete Gegenwartsanalyse bieten. Wichtig ist, nicht zu vernachlässigen, dass langfristige Grundlagenforschung dazu beiträgt, die Dynamiken heutiger Gesellschaften und die Herausforderungen der Gegenwart aus historischen Kontinuitätslinien oder Umbrüchen heraus zu verstehen und zu bewerten. Denn Grundlagenforschung vermittelt Grundlagenwissen, das wir alle benötigen, wenn es darum geht, in Entscheidungssituationen Lösungsansätze zu entwickeln und verantwortungsbewusst zu handeln.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit kulturellen Überlieferungen Perspektiven eröffnet, die es ermöglichen, gegenwärtige Problemstellungen in einen übergreifenden Horizont einzuordnen, diese dadurch – vielleicht – zu relativieren oder aber ihnen die notwendige Tiefendimension zu verleihen. Dabei ist stets zu beachten, dass Geschichte bzw. historische Befunde nicht instrumentalisiert werden, sondern dass sie als eigenständige – kritische, manchmal auch irritierende – Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs hörbar werden und auch verstanden werden können. Dazu dient eine effektive Wissenschaftskommunikation. Sie ist unerlässlich dafür, dass wissenschaftliche Unabhängigkeit und gesellschaftliche Relevanz zusammenkommen.

Ein wichtiges Stichwort hinsichtlich der Weiterentwicklung des Akademienprogramms ist die stärkere Vernetzung thematisch und methodisch verwandter Projekte. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in solchen Clusterbildungen?

Das Zusammenführen von thematisch verwandten Projekten in zeitlich begrenzten Clustern bietet die Chance, die an unterschiedlichen Akademien angesiedelten Vorhaben in ein intensiveres Gespräch miteinander zu bringen. Die Projekte gewinnen dadurch nicht nur eine höhere Sichtbarkeit, sondern profitieren auch vom – interdisziplinären – Erfahrungsaustausch und den sich daraus ergebenden Impulsen für ihre weitere, jeweils spezifische Forschung. Expertise und Datenbestände können gebündelt, Forschungsinfrastrukturen gemeinsam entwickelt und genutzt werden.

Eine Herausforderung besteht darin, eine gute Balance zwischen sinnvoller Vernetzung und notwendiger Forschungsautonomie der Projekte zu finden und zu wahren. Clusterbildungen dürfen nicht dazu führen, dass kleinere Vorhaben, unkonventionelle Methodiken oder risikoreiche Forschungsperspektiven marginalisiert werden. Governance-Strukturen müssen schlank, offen und transparent sein, um freie Entfaltungsmöglichkeiten zu garantieren.

So gestaltet können Cluster das Profil der an den Akademien und unter dem Dach der Akademienunion angesiedelten Forschung deutlich schärfen. Thematische Schwerpunkte werden durch sie leichter erkennbar. Cluster schaffen zudem Räume, in denen aus der disziplinären oder interdisziplinären Vielfalt der hier zusammengeführten Projekte sowie der Vielfalt ihrer Arbeitsmethoden und Forschungsperspektiven frische Impulse für neue Vorhaben entstehen können. Auf diese Weise tragen Cluster dazu bei, das Akademienprogramm zukunftsorientiert weiterzuentwickeln. Durch eine zeitliche Begrenzung ihrer Laufzeit besteht die Möglichkeit, stets flexibel auf Forschungstrends und sich in der Akademieforschung ergebende neue Schwerpunktsetzungen zu reagieren, dementsprechende Cluster aufzulösen und neue einzurichten.

Die Akademienunion führt seit Mai dieses Jahres den Claim „Vergangenheit verstehen. Zukunft gestalten.“ Im Rahmen der dazugehörigen Kampagne betonten Sie, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit grundlegend für eine verantwortungsvolle Gestaltung von Gegenwart und Zukunft ist. 
Gelingt es aus ihrer Sicht, in den Beratungen der Wissenschaftlichen Kommission zu Vorhaben des Akademienprogramms die vorwiegend historisch orientierten Forschungsperspektiven mit dem Bedarf an Innovation und dem Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz in Einklang zu bringen.

Alle langfristigen Vorhaben des Akademienprogramms zeichnen sich dadurch aus, dass sie historische Tiefenschärfe mit methodischer Präzision und digitaler Innovation verbinden. Die Wissenschaftliche Kommission achtet darauf, dass die auf Langfristigkeit angelegten Projekte in der Lage sind, ihrer eigenen wissenschaftlichen Logik zu folgen und zugleich offen zu bleiben für gegenwärtige methodische Weiterentwicklungen. Je nach Forschungsfeld müssen die Langzeitvorhaben – gegebenenfalls – auch sensibel auf gegenwärtige kulturelle bzw. kulturpolitische Transformationen auf internationaler Ebene reagieren. Dies kann durchaus zum Gegenstand der Diskussionen in der Wissenschaftlichen Kommission werden. Bei der Auswahl neuer Projekte für eine Förderung im Akademienprogramm zählt aber in erster Linie die wissenschaftliche Exzellenz und das herausragende Potenzial eines Vorhabens, zur Erschließung, Sicherung und Erforschung kultureller Überlieferungen beizutragen. Die Wissenschaftliche Kommission ist überzeugt davon, dass die im Akademienprogramm geförderten und von ihr qualitätssichernd begleiteten Projekte ihren jeweiligen Beitrag zu den sich wandelnden gesellschaftlichen Fragestellungen im Dialog mit ihren Akademien eigenständig identifizieren und in geeigneten Formaten des Wissenstransfers kommunizieren. Dafür haben sicherlich nicht alle Vorhaben das gleiche Potenzial. Und auch das ist legitim. Forschung muss die Möglichkeit haben, sich jenseits von Bedürfnissen der Gesellschaft und der Forderung nach Gegenwartsrelevanz frei entfalten zu können. Die Wissenschaftliche Kommission ist sich dessen bewusst und pflegt zugleich in ihren Beratungen eine konstruktive Kultur, die wissenschaftliche Exzellenz und gegenwartsbezogene Verantwortung der Wissenschaft als einander ergänzende Perspektiven versteht. Sie begrüßt es in hohem Maße, wenn aus den Vorhaben des Akademienprogramms Impulse hervorgehen, die es vermögen, das Vertrauen der Gesellschaft in die Wissenschaft zu stärken.
 


Kontakt

Dr. Annette Schaefgen
Leiterin Berliner Büro
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit


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annette.schaefgen@akademienunion.de