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Farbiges Doppelporträt eines Mannes und einer Frau
Kurzinterview

Kurz nachgefragt... bei Prof. Dr. Friederike Wißmann und Prof. Dr. Arne Stollberg

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Friederike Wißmann ist seit 2019 Professorin für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und Sprecherin der Fachgruppe "Musikwissenschaft im interdisziplinären Kontext". Arne Stollberg ist Professor für Historische Musikwissenschaft und zudem Stellvertretender Direktor des Instituts für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Beide leiten gemeinsam das neubewilligte Forschungsprojekt „Erich Wolfgang Korngold Werkausgabe (EWK-WA)“ – ein auf 25 Jahre angelegtes Akademienvorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und Literatur | Mainz.

Sie leiten das neu bewilligte Akademienprojekt „Erich Wolfgang Korngold Werkausgabe“. Welche (digitalen) Methoden nutzen Sie zur Erschließung des Werks, und was ist das Ziel dieses Forschungsvorhabens?

Die Werkausgabe ist als hybride Edition konzipiert. Wir werden zwar „klassisch“ gedruckte Bände vorlegen, aber beispielsweise auf der Kommentarebene die Potenziale der digitalen Edition nutzen, um den Abgleich bestimmter Stellen und auch eine Verlinkung zu den originalen Quellen zu ermöglichen. Insbesondere im Bereich der Filmmusikedition birgt das digitale Format eine bislang kaum genutzte Chance, dem intermedialen Charakter des Genres gerecht zu werden. Ziel der Ausgabe ist die Erschließung und Bereitstellung des Werkes auf einer philologisch fundierten Grundlage.

Nach mehreren vorangegangenen Arbeitsaufenthalten emigrierte der jüdische Komponist Korngold 1938 schlussendlich in die USA. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er nur für zeitlich begrenzte Aufenthalte in sein Geburtsland Österreich zurück. Wie hat sich dieser Umbruch auf die Entwicklung seines musikalischen Werks ausgewirkt? Und was hat es mit dem „Hollywood-Sound“ auf sich?

Korngold selbst betrachtete die von ihm komponierten Filmmusiken als „Opern ohne Gesang“. Das heißt: Er brachte jene Techniken, die er sich in Europa für das Musiktheater erworben hatte, nach Hollywood mit und übertrug sie dort auf das Kino. Um „große Gefühle“ geht es ja in beiden Fällen. Und Korngold achtete darauf, niemals „unter seinem Niveau“ zu schreiben, wie er es selbst einmal ausdrückte.

Dass ein Soundtrack mit Leitmotiven symphonisch auf handwerklich höchstem Niveau durchzuarbeiten ist, dass in ausgewählten Szenen die Musik die Führung übernehmen kann, dass sie sich aber auch nicht zu schade sein darf, punktgenau das visuelle Geschehen zu illustrieren – dies alles war für Korngold Ehrensache. Wenn man heute beim Hören seiner Opern und Instrumentalwerke vielleicht sagt: „Das klingt ja wie Filmmusik“, so ist eigentlich das Umgekehrte richtig. Die Hollywood-Filmmusik klingt seit Korngold partiell wie Opernmusik. Das erkannte auch John Williams, als er seine „Space Opera“ Star Wars 1977 programmatisch mit einer Fanfare beginnen ließ, die auf die Eröffnung von Korngolds Soundtrack zu Kings Row (1942) anspielt [siehe Abb. 2.]. Unüberhörbar handelt es sich hier um eine Reverenz an den großen Klassiker der Filmmusik. Doch genau darin bestand paradoxerweise auch Korngolds Tragik: Ihm wurde es nach 1945 zum Verhängnis, dass er in der „Kulturindustrie“ Hollywoods stilprägend gewirkt hatte. Noch schlimmer – er hatte es „gewagt“, seine Filmmusik für altehrwürdige Genres der Kunstmusik wiederzuverwenden. Das Violinkonzert op. 35 (1947) und die Symphonie op. 40 (1954), zwei späte Hauptwerke, greifen beispielsweise die Filmmusik auf und verwandeln sie in „absolute Musik“. Für diese Synthese, die ja gewissermaßen auch die Grenzen zwischen „U“ und „E“ durchlässig macht, fehlte im Europa der Nachkriegszeit das Verständnis.

Korngolds Werk geriet nach seinem Tod für kurze Zeit in Vergessenheit. Wie wurde er wiederentdeckt und worin sehen Sie die Aktualität seines Werks für die Gegenwart?

Korngolds Wiederentdeckung ist weniger der Wissenschaft zu verdanken, sondern sie vollzog sich zunächst in der musikalischen Praxis. Das verwundert nicht, zeichnet sich die Musik von Korngold doch durch ein hohes Maß an Plastizität und Spielfreude aus. Kaum ein Komponist des 20. Jahrhunderts kann eine zugleich so facettenreiche wie wirkmächtige Musiksprache sein Eigen nennen. Dass Korngolds Musik in der Nachkriegszeit zunächst dem Verdacht des Gefälligen ausgesetzt war, schob sie– etwa bei Theodor W. Adorno – für eine Weile ins historische Abseits. Aus heutiger Perspektive wollen wir die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts aber in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit betrachten – möglichst frei von eindimensionalen Zuschreibungen und Ideologien.


Kontakt

Dr. Annette Schaefgen
Leiterin Berliner Büro
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit


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