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Projekt des Monats

Juni | Provinzialrömische Archäologie: Zeitreise in die römische Geschichte

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Publikationen der Schriftenreihe „Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte“

Marcus Zagermann über eine Fibel von San Martino

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Ein verlassener Pass auf über 2000 Metern Höhe: Ruhe, Einsamkeit, ein nicht enden wollender Blick auf Berge und Täler – keine 200 Kilometer Luftlinie westlich davon führt der Brenner durch die Alpen in die Feriengebiete gen Süden. Was Touristen oft nicht wissen: An dieser ruhigen Stelle, wo heute Hirsche weiden, hat sich die Geschichte Europas entschieden – und das ist nicht der einzige, historisch bedeutende Ort in der Alpenregion.

Ob in Graubünden, in Tirol oder im Trentino in den Alpen können Geschichtswissenschaftler, etwas vereinfacht gesagt, den Beginn und das Ende der römischen Herrschaft über Europa verorten. Freilich ist über diese beiden Phasen nur wenig Konkretes bekannt, denn bisher mangelte es an physischen Belegen für diese Zeit. Mit den Ausgrabungen des Projekts „Archäologische Erforschung der römischen Alpen- und Donauländer“ des Fachbereichs Provinzialrömische Archäologie an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat sich dies geändert. Seit 2012 erforscht das Team unter der Leitung von Dr. Werner Zanier und Dr. Marcus Zagermann an Grabungsplätzen in Nordtirol und im Trentino die beiden großen Umbruchzeiten der römischen Epoche: Den Übergang von der jüngeren vorrömischen Eisenzeit in die frühe römische Kaiserzeit (1. Jh. v. bis 1. Jh. n. Chr.) und von der Spätantike ins frühe Mittelalter (3./4. bis 7./8. Jh. n. Chr.).

Eines haben beide Zeiträume gemeinsam: Sie waren für das heutige Europa von größter Bedeutung, sei es in puncto Sprache, Recht oder Kultur. Doch wie erfährt man mehr über die Bevölkerungszusammensetzung vor und nach der römischen Eroberung? Wie hat sich die Gesellschaftsstruktur, das Siedelwesen oder die Raumordnung verändert? Was bedeutete das für die Wirtschaftsweise, die Handwerkstechniken oder die Nahrungsmittelversorgung? Und welchen Einfluss hatte sie auf religiöse Ausdrucksformen oder Bestattungssitten? Grabungen sollten hier weitere Aufschlüsse ermöglichen – und das ist gelungen.

Von den Anfängen der römischen Eroberung …

Doch was genau? In Nordtirol konnte das Forscherteam von Dr. Werner Zanier neue Erkenntnisse zum Alpenfeldzug gewinnen: „In Pfaffenhofen-Hörtenberg haben wir die größte eisenzeitliche Siedlung Nordtirols erforscht, deren Ende mit der römischen Eroberung 15 v. Chr. zusammenhängt“, sagt Zanier. „Jetzt wissen wir, dass es für eine Zerstörung der Siedlung keine archäologischen Belege gibt. Die Bevölkerung wurde nach der Eroberung ins Tal umgesiedelt.“

 

 

 

Umfangreiche Grabungen fanden zudem auf dem Septimer Pass im Schweizerischen Graubünden statt, auf 2300 Metern Höhe. Dass ausgerechnet dieser verlassene Ort auserkoren wurde, basiert auf einem Zufall: „Anfang 2000 entdeckte dort ein Sondengänger mit seinem Metallsuchgerät römische Waffen, die Fundstücke landeten nach einigen Umwegen auf meinem Schreibtisch“ erzählt Zanier, der sich sodann mit dem Archäologischen Dienst Graubünden in Verbindung setzte. Zügig kam man überein, also die Akademie und der Archäologische Dienst Graubünden, gemeinsam eine archäologische Untersuchung durchzuführen.

 

 

„Die große Frage war: Gab es hier an diesem verlassenen Pass ein Schlachtfeld, einen Rastplatz oder einen Sicherungsposten? Heute wissen wir, dass der Septimerpass einst das höchstgelegene Militärlager im Römischen Reich war“, so Zanier. Und: „Das Besondere an diesem Ort ist, dass wir dort neben allerlei Münzen, römischen Schuhnägeln und Zeltheringen einen spektakulären Fund gemacht haben: Schleuderbleie. Auf diesen Wurfgeschossen sind Legionsstempel angebracht, Legionsstempel der dritten, zehnten und zwölften Legion. Wir wissen jetzt, dass die Schleuderer aus diesen drei Legionen von Syrien nach Westen abkommandiert wurden, zum Einsatz für den Alpenfeldzug. Damit ist der bislang nur historisch überlieferte Alpenfeldzug erstmals archäologisch belegt. Dieser Feldzug markiert den Beginn einer 400-jährigen römischen Herrschaft.“

… bis zur Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter

Und was geschah zum Ende der Römerzeit? Szenenwechsel nach San Martino im Trentino, rund 20 Kilometer nördlich des Gardasees. Umgeben von steilen Felswänden liegt dort eine spätantike Siedlung. „Befestigte alpine Höhensiedlungen sind ein ideales Forschungsfeld zum komplexen Thema der Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter“, sagt Dr. Marcus Zagermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt, der die örtliche Grabungsleitung auf dem Monte San Martino (Lundo/Lomaso, Trentino) innehat. „Erstmals haben wir richtig großflächig eine dieser Festungen auf Berghöhen, so genannte Castra, ausgegraben. Diese Wehranlagen an strategisch wichtigen Stellen entstanden erst in der Spätantike bzw. zum Ende der Römerzeit. In Verbindung mit naturwissenschaftlichen Analysen im Tal konnten wir zeigen, dass diese Castra auf den Bergen verschiedene Funktionen hatten. Anders als zuvor angenommen, gab es keine Siedlungsverlagerung vom Tal in die einfacher zu verteidigende Höhe. Vielmehr dienten die Castra unseren Grabungen zufolge zur Befestigung, zur Wehrhaftigkeit und zur Lagerung von Nahrungsmitteln und anderen Dingen, die in Notzeiten gebraucht werden konnten – damit gewinnen wir neue Erkenntnisse über das alltägliche Leben“, fasst Zagermann zusammen. An den archäologischen Forschungsarbeiten sowie an den Restaurierungs- und Sicherungsmaßnahmen am San Martino wirkten mehr als 200 Personen mit, darunter 140 Studierende, Archäologen und Fachleute aus 11 verschiedenen europäischen Ländern.

Wie geht es weiter?

Die Erkenntnisse aus den Grabungen sind nur ein Aspekt. Nun heißt es, die Plätze durch Regionalstudien in einen größeren Zusammenhang zu setzen. Für das Forscherteam steht fest: Entscheidend für die Erforschung der Umbruchszeiten der römischen Epoche sind sowohl länderübergreifende als auch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften, etwa Botanik, Zoologie, Anthropologie sowie verschiedene Analysen von Fundobjekten notwendig. Derzeit sind die drei großen Grabungsprojekte in der finalen Auswertungsphase. Das Projekt läuft noch bis 2025.

Während die Schlusspublikation noch im Entstehen ist, können Reisende auf dem Weg nach Italien oder wieder zurück einen kleinen Stopp in San Martino einlegen (siehe Flyer). Denn dort, wo heute Hirsche weiden und Bären leben, hat sich einst die Geschichte Europas entschieden.

 

Katrin Schlotter