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Projekt des Monats

Dezember | Renaissance eines großen Komponisten: „Christoph Willibald Gluck – Sämtliche Werke“

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Eigentlich sollte er Förster werden, stattdessen zog er für die Musik quer durch Europa: Christoph Willibald Gluck (1714 –1787). Er gilt als Reformer der Oper und als einer der bedeutendsten Opernkomponisten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Doch sein Werk umfasst weit mehr als Opern. Mit der Gluck-Gesamtausgabe wird erstmals sein ganzes Œuvre sicht- und hörbar.

Wenn auf den Opernbühnen der Welt ein „Orfeo“ erklingt, dann liegt auf den Pulten der Orchestermitglieder sicher das im Kasseler Bärenreiter-Verlag erschienene Notenmaterial der Gluck-Gesamtausgabe, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz. Bei den Salzburger Festspielen 2023 zum Beispiel, als Cecilia Bartoli die Partie des Orfeo in Glucks selten gespielter Parma-Fassung von Orfeo ed Euridice sang, inszeniert von Christof Loy.

Die Gluck-Gesamtausgabe (GGA), die seit 1979 Teil des Akademienprogramms ist, steht kurz vor ihrer Vollendung: Im Dezember 2023 ist das Projekt der Mainzer Akademie erfolgreich abgeschlossen. Ziel war und ist, Glucks Gesamtwerk in einer historisch-kritischen Edition für Wissenschaft und musikalische Praxis vorzulegen. Hierzu zählen neben dem Notentext und dessen textkritischer Kommentierung umfangreiche Informationen zur Werkgeschichte, zur zeitgenössischen Aufführungspraxis und Rezeption, inklusive Briefe und Dokumente. Parallel dazu entstand ein digitales Werkverzeichnis, das Ergebnisse der Forschungs- und Editionsarbeit der GGA online zugänglich und durchsuchbar macht.

 

Nach 250 Jahren wieder auf der Bühne

Die GGA ist eines von insgesamt 19 musikwissenschaftlichen Editionsvorhaben des Akademienprogramms, in denen vornehmlich Werkausgaben bedeutender Komponisten erstellt und in Einzelaspekten über digitale Portale öffentlich nutzbar gemacht werden. „Musikeditionen dienen sowohl als Grundlage für wissenschaftliche Fragestellungen als auch für Aufführungen durch die Musik-Praxis. Dank der Gluck-Gesamtausgabe können bisher weniger bekannte Opern von ihm wieder auf die Bühne kommen, die über 250 Jahre lang nicht gespielt wurden“, betont Dr. Tanja Gölz, Geschäftsführerin des Ausschusses für musikwissenschaftliche Editionen und Projektleiterin der GGA.

Im Januar 2023, also im Jahr der Vollendung des Editionsvorhabens, entdeckte Gölz in einem Berliner Antiquariat elf Vokalstücke aus Glucks Oper Poro, die er 1744 für das Turiner Teatro Regio komponiert hatte. Darunter fanden sich acht Arien, die bis dahin als verschollen galten. „Ein Glücksfall für die Gluck-Forschung! Wir konnten diesen Quellenneufund noch in die entsprechende Werkedition mitaufnehmen. Dirigent Michael Hofstetter, der seit 2020 Intendant der Internationalen Gluck-Festspiele Nürnberg ist, kam sofort auf mich zu – und eine Arie wurde bereits aufgeführt. Das war sehr, sehr schön!“, freut sich Gölz – und mit ihr die Gluck-Fans in aller Welt.

Erstmals Glucks Gesamtœuvre

Gluck war für verschiedene Auftragsarbeiten in ganz Europa unterwegs, komponierte für renommierte italienische Theater oder für Fürstenhöfe nördlich der Alpen. Als etablierter Komponist der italienischen Opera seria lehnte er sich später gegen deren Konventionen auf und schuf seine sogenannten Reformopern für den Wiener Hof und revolutionierte mit seinen Musikdramen die Pariser Opernwelt. Eingeleitet wurde seine Reform im Jahr 1762 durch das Schlüsselwerk Orfeo ed Euridice. Statt des halsbrecherisch virtuosen Gesangs und aufs Idealtypische reduzierter Rollenfiguren stellte Gluck den Menschen ins Zentrum seiner musikdramatischen Werke: Er forderte von all seinen Musikern und Sängern Leidenschaft, Authentizität und Intensität, setzte auf dramatische Wahrhaftigkeit. „Gluck ist zurecht als Opernreformer in die Musikgeschichte eingegangen, aber er wurde nicht als Reformer geboren. Er konnte nur das reformieren, was er als Komponist wirklich gut kannte“, erklärt Gölz und betont: „Die Reformwerke machen gerade mal ein Siebtel seines Gesamtœuvres aus.“ Aber was machte Gluck zwanzig Jahre zuvor? Er schuf als Komponist genau jene Art von Opera seria, die er später erneuern sollte. „Dieser frühe Gluck ist bis dato nicht rezipierbar gewesen. Von Gluck sind nur wenige Autographen, also eigenhändige Niederschriften seiner Werke, erhalten. Daher bilden für sein Frühwerk Kopistenabschriften – häufig von nur vereinzelten Arien – die wichtigste Basis für Werküberlieferung und Erkenntnisse zur Werkgenese und damit Grundlage für die Edition. Es war eine editorische Grundsatzentscheidung, auch fragmentarisch überlieferte Werke in die Gesamtausgabe zu übernehmen“, betont Gölz. Denn: „Nur so kann man überhaupt einen Begriff davon bekommen, wie groß der Umfang seines Gesamtœuvres war, aber auch welche kompositorische und stilistische Entwicklung Gluck durchlaufen hatte, bevor er zum Opernreformer wurde.“

Große künstlerische Bandbreite

Dank der Gluck-Gesamtausgabe zeigt sich, wie vielfältig das Spektrum tradierter und neuer Opernformen des 18. Jahrhunderts tatsächlich war. Neben italienischen Opere serie, Serenaden sowie Feste und Azione teatrale umfasste es auch für die französische Theatertradition typische Opéras-comiques, Tragédies opéras und Drames heroïques. Zudem rücken Werke anderer Genres immer stärker ins Bewusstsein der breiten musikalischen Öffentlichkeit, zum Beispiel Glucks Sinfonien, Oden und Lieder sowie seine Ballettmusiken beziehungsweise Tanzdramen. Tanz war für Gluck nicht nur eine oberflächliche Unterhaltungseinlage, sondern integraler Bestandteil der Handlung und der musikalischen Erzählung. Tanz wurde dazu verwendet, Emotionen auszudrücken, Handlungsstränge zu vertiefen und das Publikum in das Geschehen einzubeziehen. Christoph Willibald Gluck war also weit mehr als nur ein Revolutionär in der Opernwelt, er war ein Komponist von großer künstlerischer Bandbreite, dessen Erbe mit der GGA zu neuem Leben erweckt wird.

Neue Impulse für Wissenschaft und Praxis

Immer häufiger sind die Notenbände der GGA auf den Dirigentenpulten in aller Welt zu finden. „In 59 Bänden stellen wir der Musikpraxis Glucks Œuvre in seiner Gesamtheit zur Verfügung und laden gleichermaßen zu Neu- und Wiederentdeckungen ein“, sagt Gölz und hebt hervor: „Zugleich ist die GGA für die musikalische Forschung von großer Bedeutung, für Studium und Lehre des Faches Musikwissenschaft sowie in den Künstlerischen Studiengängen. Die GGA bietet mit ihrem authentischen, nachvollziehbaren Notenmaterial erstmals eine verlässliche Basis für die Forschung.Unser Streben war und ist, nach intensiver Quellendurchsicht und -bewertung einen Notentext zu schaffen, der möglichst nah an der Intention des Autors beziehungsweise den damaligen Uraufführungsgegebenheiten liegt. Dies eröffnet ganz neue Möglichkeiten, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Musikpraxis.“ Auf die Gluck-Festspiele im Mai 2024 darf man gespannt sein!