Kulturelles Erbe ist weit mehr als ein Überrest aus der Vergangenheit. Es ist vielmehr ein zentraler Faktor der Gegenwart, es prägt, wie Gesellschaften sich selbst verstehen, ihre Gegenwart deuten und ihre Zukunft gestalten. Kulturelles Erbe ist vielfältig: In Texten, Sprachen, Objekten, Bildern und Bauwerken ebenso wie in Wissen, Praktiken, Erinnerungen und Traditionen begegnen uns die vielfältigen Spuren menschlicher Geschichte. Auch die Verbindungen von Kultur, Natur und Technik gehören selbstverständlich zu diesem Erbe.
Die Erschließung, Sicherung und Erforschung des kulturellen Erbes ist daher eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Sie bewahrt Wissen und macht es zugänglich, eröffnet neue Perspektiven auf historische und gegenwärtige Fragen und ermöglicht es, unterschiedliche Erfahrungen und Erinnerungsgeschichten sichtbar zu machen. Gerade in einer Zeit globaler Herausforderungen – von Klimawandel und Digitalisierung über gesellschaftliche Vielfalt bis hin zu Dekolonisierung – hilft die Auseinandersetzung mit kulturellem Erbe, Selbstverständlichkeiten kritisch zu diskutieren und neue Wege des Zusammenlebens und der Zukunftsgestaltung zu denken.
Kulturelles Erbe als gemeinsame Forschungsaufgabe
Um das kulturelle Erbe zu erschließen, zu sichern und zu erforschen, gibt es hierzulande das weltweit einzige Akademienprogramm. Es gibt ein solches Programm, weil die Akademien der Wissenschaften sich auf höchstem Niveau mit diesem Erbe beschäftigen – schon der barocke Universalgelehrte Leibniz, auf den sich mehrere Akademien zurückführen können, forderte entsprechende Aktivitäten der von ihm beförderten Gründungen. Daher spielt der wissenschaftliche Umgang mit kulturellem Erbe im Akademienprogramm, dem gemeinsamen Forschungsprogramm der Wissenschaftsakademien, das Bund und Länder finanzieren, eine maßgebliche Rolle. Viele der dort geförderten Vorhaben sind auf längere Zeiträume angelegt und schaffen wissenschaftliche Grundlagen von bleibender Bedeutung, die für viele nutzbar sind. Sie dokumentieren, erschließen und erforschen Quellen, Texte, Sprachen, Objekte und andere Überlieferungen und machen sie für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich.
Die in der Akademienunion zusammengeschlossenen Wissenschaftsakademien bündeln dabei Expertise aus unterschiedlichen Disziplinen und verbinden langfristige Grundlagenforschung mit neuen wissenschaftlichen Fragestellungen. Das Akademienprogramm schafft den institutionellen Rahmen, kulturelles Erbe nicht nur zu bewahren und zu erforschen, sondern seine Bedeutung immer wieder neu für Gegenwart und Zukunft zu erschließen – durch interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit, unterschiedliche Perspektiven und Kontexte sowie die Verbindung bewährter wissenschaftlicher Methoden mit digitalen und partizipativen Ansätzen.
Verflochtenes kulturelles Erbe
Kulturelles Erbe ist kein feststehender Bestand und kein unverrückbares Vermächtnis. Es entsteht, verändert und vermittelt sich in komplexen Prozessen über Zeiten, Räume und Gesellschaften hinweg. Unterschiedliche Gemeinschaften schreiben Überlieferungen Bedeutung zu, bewahren sie, interpretieren sie neu oder erfahren, dass bestimmte Formen von Wissen und Erinnerung ausgegrenzt werden.
In Anlehnung an das Manifest der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften spricht die Akademienunion deshalb von „verflochtenem kulturellem Erbe“ (entangled cultural heritages). Dieser Begriff lenkt den Blick auf die Beziehungen und Wechselwirkungen, durch die kulturelles Erbe entsteht und Bedeutung gewinnt. Materielle und immaterielle Überlieferungen sind ebenso miteinander verbunden wie Kultur, Natur und Technik. Kulturelles Erbe ist damit immer auch das Ergebnis von Begegnungen, Austausch, Aneignung, Transformation und – nicht zuletzt – von Entscheidungen darüber, was bewahrt, erinnert und weitergegeben wird.
Die Akademien beschreiben ihre Forschungsaktivitäten zum verflochtenen globalen kulturellen Erbe mit dem Ternar „Erschließen“, „Sichern“ und „Erforschen“.
Erschließen
Erschließung bedeutet, kulturelles Erbe zugänglich und wissenschaftlich nutzbar zu machen. Quellen, Texte, Objekte und andere Überlieferungen werden gesammelt, dokumentiert, geordnet, beschrieben, ediert und in ihren jeweiligen Zusammenhängen untersucht.
Dabei geht es nicht allein darum, Informationen aus einer Überlieferung zu gewinnen. Erschließung bedeutet auch, ihre Entstehungsbedingungen, materiellen Eigenschaften sowie technischen, ökologischen und sozialen Kontexte zu berücksichtigen. Sie kann unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und dazu beitragen, bislang übersehene oder marginalisierte Formen des Wissens in die Forschung einzubeziehen.
Sichern
Sicherung bedeutet, kulturelles Erbe für Gegenwart und Zukunft zu bewahren. Dazu gehören die langfristige Dokumentation und Digitalisierung ebenso wie die nachhaltige Pflege von Forschungsdaten, wissenschaftlichen Editionen und digitalen Infrastrukturen.
Sicherung ist jedoch mehr als bloßer Erhalt. Sie umfasst auch die Verantwortung für einen reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit Überlieferungen. Fragen nach Herkunft, kolonialen Zusammenhängen, Zugangsrechten und dem Umgang mit sensiblen Daten spielen dabei eine zentrale Rolle. Kulturelles Erbe zu sichern bedeutet deshalb auch, die Bedingungen seiner Überlieferung und die Verantwortung gegenüber den Menschen und Gemeinschaften zu reflektieren, deren Geschichte, Wissen und kulturelle Praxis mit ihm verbunden sind.
Erforschen
Erforschung bedeutet, kulturelles Erbe in seinen historischen, gesellschaftlichen und globalen Zusammenhängen zu untersuchen. Die Akademien verbinden dabei ihre langjährige Expertise in der historisch-kritischen Erschließung von Quellen mit interdisziplinären und multiperspektivischen Forschungsansätzen.
Im Zentrum steht nicht die Vorstellung eines einheitlichen oder ausschließlich nationalen Erbes. Forschung richtet sich vielmehr auf die Verflechtungen zwischen unterschiedlichen Regionen, Gesellschaften und Wissensbeständen. Sie fragt danach, wie kulturelles Erbe entstanden ist, wie es weitergegeben, verändert und interpretiert wird – und wie es immer wieder neu konstruiert wird.
Gerade darin liegt seine Bedeutung für die Gegenwart. Die Beschäftigung mit kulturellem Erbe zeigt, dass Traditionen und Erinnerungen nicht unveränderlich sind. Sie werden bewahrt, weiterentwickelt, angefochten und neu ausgehandelt. Die Forschung am kulturellen Erbe schafft damit nicht nur Wissen über das Vergangene, sondern auch Grundlagen für gesellschaftliche Verständigung, kulturelle Teilhabe und einen kritischen Umgang mit Gegenwart und Zukunft.
Wissen für die Zukunft
Die Arbeit am kulturellen Erbe verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie bewahrt nicht einfach, was gewesen ist, sondern fragt danach, was Überlieferungen heute bedeuten und welche Rolle sie für die Gesellschaft von morgen spielen können.
Für die Akademienunion ist die Erschließung, Sicherung und Erforschung kulturellen Erbes deshalb eine zentrale gemeinsame wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe. Sie bedeutet, Überlieferungen nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Beziehungen, Kontexte und unterschiedlichen Perspektiven sichtbar zu machen. So wird kulturelles Erbe zu einem Raum des Wissens und der Verständigung – und zu einer Grundlage dafür, Vergangenheit kritisch zu verstehen, Gegenwart bewusst zu gestalten und Zukunft verantwortungsvoll zu denken.
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