
Vom Mittelalter in die Zukunft: „ALMA“ erforscht Wissensnetzwerke
Wie gelangt Expertenwissen in die Gesellschaft? Diese Frage stellte sich schon im Mittelalter. Das Akademienprojekt „ALMA – Wissensnetze in der mittelalterlichen Romania“ untersucht den Wandel vom Latein zu den romanischen Volkssprachen und zeigt, wie sich Wissensnetzwerke über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg entwickelten.
Wer sich heute mit Wissenschaftskommunikation und -transfer befasst, denkt meist an Podcasts, Social Media und Erklärvideos oder auch an die Zusammenarbeit mit Praxispartnern. Das ist zwar modern, aber die zentrale Herausforderung hat sich über die Jahrhunderte gar nicht verändert: Wie gelangt Wissen in die Gesellschaft? Und umgekehrt, von der Praxis in die Wissenschaft?
Genau dieser Frage widmet sich seit August 2022 das Akademieprojekt ALMA, allerdings mit Blick auf das Mittelalter. Das ALMA-Forschungsteam untersucht die Wechselwirkung zwischen Sprache und Wissen(schaft) im romanischen Kulturraum zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. Sprachen wie Französisch, Okzitanisch und Italienisch wurden in dieser Zeit neben dem Latein zu fachlich komplexen Wissenssprachen ausgebaut. Wie das geschah und welche Wissensnetze sich gebildet haben, macht ALMA in den kommenden Jahren nachvollziehbar und sichtbar. Das interakademische Projekt mit einer Laufzeit von 22 Jahren wird von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz (AdWL | Mainz), der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (HAdW) getragen und an drei Arbeitsstellen durchgeführt.
Im Austausch: Theorie und Praxis
Bis weit ins Hochmittelalter war Latein die Sprache der Gelehrten. Der Zugang zu Wissen blieb damit auf einen kleinen Kreis beschränkt. Doch mit dem Wachstum der Städte, der Entstehung neuer Bildungsinstitutionen und der zunehmenden Verschriftlichung des Alltags veränderte sich alles, vor allem, was den Zugang und die Verbreitung von Wissen betraf. Die Volkssprachen gewannen als Träger von Wissen eine immer größere Bedeutung. Doch wie genau hat sich dieser Wandel vollzogen? Wie und durch wen wurde Wissen vermittelt und weitergegeben?
„Man könnte meinen, dass die lateinisch geprägte, universitäre Expertenkultur komplexe wissenschaftliche Texte hervorbringt und verbreitet – und die volkssprachlichen Texte einfach, praxisnah und von geringerer Komplexität sind. Das ist jedoch ein Vorurteil, das wir schon jetzt klar widerlegen können“, betont Prof. Dr. Maria Selig, ALMA-Forschungsstellenleiterin der BAdW und Professorin für Romanistik an der Universität Regensburg. „Theoretisches und praktisches Wissen haben sich wechselseitig beeinflusst: Theoretisches Wissen wurde in die volkssprachlichen Texte aufgenommen, weiterentwickelt und an die jeweiligen lokalen Bedingungen angepasst. Dieses Wissen aus der Praxis floss wieder in die Theorie zurück. Wir erforschen diese Dynamik des Sprach- und Wissenswandels anhand von mittelalterlichen Handschriften bzw. Texteditionen und machen die Wissenstexte systematisch digital zugänglich.“
Wissensdomänen: Medizin und Recht
Im Fokus stehen mittelalterliche Texte aus den Bereichen Medizin und Recht – zwei Wissensfelder, in denen die sprachlichen Umbrüche über Jahrhunderte deutlich sichtbar werden. Die Arbeitsstellen in Heidelberg, Regensburg und Saarbrücken erschließen diese Lehrtexte, Handbücher, Rezeptsammlungen oder Rechtstexte, erstellen digitale Editionen von bisher unbeachteten Handschriften und bauen mehrsprachige, digitale Korpora auf. „Auf dieser Grundlage können wir rekonstruieren, welche Begriffe in den jeweiligen Sprachen verwendet wurden, wie sich Fachvokabular herausbildete und welche Veränderungen im Wissensgebrauch, Wissensaustausch und Wissenserwerb erkennbar werden“, beschreibt Selig.
Digitale Forschungsumgebung und Tools
Eine Besonderheit des Projekts ist die Verbindung klassischer geisteswissenschaftlicher Forschung mit modernen digitalen Methoden. Die Erkenntnisse aus den historischen Quellen werden in digitale Wissensmodelle überführt, die die Denk- und Erklärungsweisen des Mittelalters abbilden. Darüber hinaus verknüpft ALMA historische Wörterbücher, Handschriften und Forschungsergebnisse zu einer gemeinsamen digitalen Forschungsumgebung. Die frei zugänglichen Daten und Werkzeuge stehen künftig nicht nur der Romanistik zur Verfügung, sondern können auch in der Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaft genutzt werden. Und noch eine Besonderheit: „Wir verbinden linguistische Forschung mit digitalen Textanalysen, für die wir eigene KI-Tools entwickeln, trainieren und einsetzen. So lassen sich Zusammenhänge erkennen, die bisher gar nicht oder nur punktuell sichtbar waren“, betont Selig. Aber auch das ist längst nicht alles.

Experten-KI in Entwicklung
„Wir konzentrieren uns auf Terminologien. Das Wichtige an Wörtern ist, dass sie wandern. Die Wörter werden sowohl lateinisch als auch volkssprachlich, in verschiedenen Gebieten, zu verschiedenen Zeiten usw. benutzt. Auf unserer umfassenden, Sprach- und Kulturraum übergreifenden Basis können wir sehr viel präziser Entwicklungen, Brüche oder Innovationen feststellen, als es beispielsweise ein Historiker könnte, der sich auf einen Aspekt der Rechtskultur im mittelalterlichen Venedig fokussiert“, erläutert Selig und blickt in die Zukunft: „Die KI-Tools, die wir entwickeln und trainieren, können darüber hinaus auch für weitere Kleinsprachen bzw. weniger gut belegte Sprachen verwendet werden. Und wir können Goldstandards schaffen, mit denen diese Tools wiederum trainiert werden können. Das bedeutet: Wir ermöglichen anderen Forschenden, nicht nur kleinteilige, genaue Forschung zu machen, sondern mehrere Forschungsfragen miteinander zu verbinden – und ein größeres Ganzes zu entwickeln!“
ALMA auf dem Akademientag 2026
Wie das ganz praktisch funktioniert, kann man auf dem Akademientag unter dem Motto „Von Moin bis Meme. Sprache macht Gesellschaft” am 8. September 2026 in Göttingen erleben, zu dem die deutschen Wissenschaftsakademien einladen. ALMA gibt dort im Forschungsparcours Einblicke in seine Forschungen und zeigt, was der Einsatz der eigens entwickelten KI-Tools leisten kann.
Bald geht auch die neue Website des ALMA-Projekts online. Auch hier kommt KI zum Zug: Ganz im Sinne des Wissenstransfers steht die Experten-KI für die breite Öffentlichkeit bereit: Wer auch immer Fragen zu Medizin und Recht im Mittelalter hat, bekommt hier eine fundierte Antwort der ALMA-KI.
Kontakt
Sebastian Zwies
Leiter Koordinierung
Akademienprogramm
06131 / 218 528 17
sebastian.zwies@akademienunion.de



![© « La grande chirurgie », Guy de Chauliac, Handschrift Bibliothèque Universitaire Historique de Médecine – Université de Montpellier, H 184 [2. Dr. 15. Jh.], fol. 10v, SCDI Montpellier – Service photographique.](/fileadmin/_processed_/a/f/csm_06_ALMA_Medizin_2_eS_GuiChaul_ms_64ad56c506.png)
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