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Landschaftsfotografie
Projekt des Monats

März | Virtuell vereint: Buddhistische Höhlenmalereien der Kuča-Region

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Sie erzählen Geschichten und bezeugen Geschichte, weit über ihren Entstehungsort hinaus: die buddhistischen Höhlenmalereien in der Kuča-Region der nördlichen Seidenstraße. Mit dem Projekt der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig werden sie erschlossen, dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet. Zahlreiche Malereien sind schon online zu sehen – in all ihren Details.

Über die Seidenstraßen gelangte der Buddhismus von Indien nach China, darunter auch ins tocharische Königreich Kuča, von dem man bis heute noch nicht allzu viel weiß. Die Hauptstadt des Reiches war zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 11. Jh. n. Chr. ein bedeutendes, multikulturelles Zentrum. Handelsgüter aus Gebieten zwischen dem Mittelmeerraum und dem Fernen Osten wurden hier ebenso ausgetauscht wie Ideen, Sprachen und Religionen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachen Forschungsexpeditionen, darunter die deutschen „Turfan-Expeditionen“, in den Nordwesten Chinas auf, wo sie u. a. die buddhistischen Felsenklosteranlagen des Königreichs Kuča entdeckten. Dort, nahe der heutigen Stadt Kuqa (库车市), fanden sie Manuskripte und Artefakte der zuvor unbekannten Kultur der Tocharer und prachtvolle Wandmalereien aus dem 5. bis 10. Jahrhundert. Vieles davon nahmen sie in ihre Heimatländer mit.

Die Malereien der Kuča-Region erzählen vom Leben und Wirken des Buddha, sind aber auch Zeugen der religiösen und intellektuellen Geschichte des Buddhismus in Zentralasien. Die weltweit größte Sammlung von Gemäldefragmenten ist heute Teil des Museums für Asiatische Kunst in Berlin und wird seit September 2021 im Humboldt Forum ausgestellt.

Weltweit größtes Zentrum für die Erforschung der Kuča-Malereien

Seit 2016 baut die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig – in Kooperation mit Forschenden aus Europa, China, Japan und den USA – das weltweit größte Zentrum für die Erforschung der Kuča-Malereien auf. „Wir arbeiten international und interdisziplinär. So gelingt es uns, alle Höhlenmalereien, also auch die Fragmente, die in Museen in aller Welt verteilt sind, für die religions-, kunst- und kulturwissenschaftliche Erforschung des Buddhismus und dessen Verbreitung nach Ostasien zu erschließen“, betont Prof. Dr. Monika Zin. Seit 2016 leitet sie die Arbeitsstelle des Akademievorhabens; zugleich ist sie Honorarprofessorin am Institut für Indologie und Zentralasienwissenschaften der Universität Leipzig.

Seither erfasst und erforscht das zwölfköpfige Forschungsteam in Leipzig sämtliche Malereien in einem digitalen Informationssystem. Eine annotierte Bibliographie der relevanten Literatur in europäischen Sprachen, Chinesisch, Japanisch und Koreanisch, bündelt zudem das bisherige Wissen und macht es für zukünftige Forschungsarbeiten nutzbar.

Buddhismus in der Kuča-Region

Doch warum ist uns das heute so wichtig? Spätestens im 3. Jh. n. Chr. entwickelte sich der Buddhismus in Kuča zur vorherrschenden Religion. Etwa ab dem 5. Jh. entstanden zehn Klosteranlagen, die zu den schönsten in Zentralasien zählen und noch immer viele Rätsel aufgeben. Seit 2014 ist die größte und bekannteste Anlage, Kizil, Teil der UNESCO-Welterbestätte Seidenstraßen: das Straßennetzwerk des Chang'an-Tianshan-Korridors. Die Anlagen in den weichen Felsen umfassen allein in Kizil über 300 Höhlen; weitere finden sich in Kumtura, Simsim, Kizilgaha und anderen Fundorten. Sie dienten Mönchen als Meditations-, Wohn- und Versammlungsorte; die bemalten Höhlen waren Orte des Kultes für buddhistische Gemeinden aus benachbarten Ortschaften, aber auch für vorbeiziehende Karawanen. „Die Klöster waren von größter Bedeutung für den gelebten Buddhismus, wie zahlreiche Inschriften und Manuskripte zeigen. Säkulare Dokumente bezeugen, dass die Klöster in den Handel involviert waren“, erläutert Zin.

Die Sprache der Religion war Sanskrit; die Sprache der Klöster, der säkularen Verwaltung und der herrschenden Elite des Landes, deren Vertreter sich mit exquisiten Waffen und in den langen Mänteln der Reiter darstellen ließen, war Tocharisch, ebenso wie Sanskrit eine indogermanische Sprache. Die Kultur der Tocharer war iranisch geprägt, ihr Reich im Lauf der Zeit mehr oder weniger stark von China abhängig, ihre geistige Kultur aber war indisch.

Die Region erlebte in ihrer wechselhaften Geschichte Zeiten der Abhängigkeit von Tang-China und von Tibet. Selbst die seit dem 9. Jh. herrschenden Uiguren, so zeigen es die Malereien, führten die tocharische Kultur weiter.

Manuskripte und Gemälde als unschätzbare Quelle

Kein Wunder, dass die Manuskripte eine wertvolle Quelle von Informationen über Religion und Alltagskultur der Tocharer und später der Uiguren sind. Gleiches gilt für die Malereien in den Kulthöhlen aus dem 5. bis 10. Jh., die etwa ein Drittel der Höhlen ausmachen. Sie zeigen Bildnisse von Buddhas, Bodhisatvas, Gottheiten oder Dämonen; die meisten Malereien haben narrativen Charakter. „Die Tocharer haben am traditionellen indischen Buddhismus festgehalten und ihn unabhängig von chinesischen Einflüssen bewahrt, vielleicht als Teil ihrer Identität“, betont Zin. „Das Repertoire der Geschichten, die in einer Höhle illustriert wurden, wurde mit der Zeit immer umfangreicher“, berichtet sie und hebt hervor: „Man sieht nicht nur die Personen, zu denen der Buddha spricht, sondern auch worüber“ (siehe Bildergalerie). Interessant ist auch, dass die Platzierung der Bilder einem festen Plan folgte und den Weg zur Erlösung darstellte. Betrachtet man die filigranen Malereien heute, spürt man ihre Bedeutung – künstlerisch, historisch, aber auch spirituell.

Katrin Schlotter


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