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Limes und Legion: neue Funde, neue Einblicke

Projektseite Limes und Legion

Interview mit Prof. Dr. Bemmann (23.02.2023)

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Einst prägten römische Legionen das Leben am Niederrhein, über fünf Jahrhunderte lang. Ihre Spuren sind bis heute erhalten, aber längst nicht erforscht. Was es am Niedergermanischen Limes neu zu entdecken gibt, erfahren Sie hier im Interview zum Akademieprojekt „Limes und Legion“.

Im Interview: Projektleiter Professor Dr. Jan Bemmann und Dr. Uta Schröder, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, beide am Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Das Akademieprojekt „Limes und Legion – Die Wirkmächtigkeit römischer Militärpräsenz am Niedergermanischen Limes. Edition und Interpretation archäologischer Quellen“ der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste hat sich seit 2022 Großes vorgenommen: Bislang nicht oder unzureichend erforschte archäologische Funde aus über 200 Jahren zu analysieren – zusammen mit Partnern und mit digitalen und naturwissenschaftlichen Methoden. Das Ziel: in der Projektlaufzeit von 18 Jahren die Funde wissenschaftlich zu erschließen und als edierte Quellen für zukünftige Forschungen erstmals umfassend zugänglich zu machen. 

Der Niedergermanische Limes, dessen 44 Fundstätten seit 2021 zum UNESCO Weltkulturerbe zählen, erstreckt sich über rund 400 Kilometer vom Rheinischen Massiv südlich von Bonn bis zur niederländischen Nordseeküste.

Was macht den Niedergermanischen Limes mit seinen Legionslagern Bonn, Neuss, Xanten und Nijmegen für Ihre Forschungen besonders spannend?

Professor Bemmann: Die Außengrenze des Römischen Reiches am Niederrhein war keine feste, sondern eine „fluide“ Grenze: der Rhein. Entlang des Rheins bestand eine breite Kontaktzone mit reger Mobilität – und das über fünf Jahrhunderte. Und dort, wo die Grenzen fließend sind, nähern sich Kulturen an. Aufgrund der langen Verweildauer der Legionen und ihrer bislang unerforschten Spuren haben wir beste Voraussetzungen, zivilgeschichtliche Aspekte, wie etwa die Rolle des Militärs als Motor für die regionale Wirtschaftsentwicklung oder auch technische Innovationen, neu zu erforschen. 

Dr. Schröder: Seit dem frühen 19. Jahrhundert fanden entlang des Rheins und vor allem in den Legionslagern von Bonn, Neuss, Xanten und Nijmegen zahlreiche Grabungen statt. Bis heute sind viele dieser Grabungen gar nicht, kaum oder nur in veralteten Veröffentlichungen vorgelegt. Mit unserem Akademieprojekt werden wir diese blinden Flecken ausleuchten – und erstmals viele dieser Quellen auswerten. Damit gewinnen wir neue Erkenntnisse, nicht nur zu den Legionsstandorten, sondern auch zu ihrem unmittelbaren Umfeld, etwa zu den Zivilsiedlungen und Gräberfeldern. Diese Fundplätze sind sehr, sehr wichtige Vergleichsorte, die man in Bezug stellen kann, sobald die Quellen ediert sind. Die Chronologie ist hierbei ein entscheidender Faktor, da wir – und auch nachfolgende Generationen – Entwicklungen über einen langen Zeitraum erforschen und nachverfolgen können. 

Könnten Sie diese Entwicklungen kurz skizzieren?

Professor Bemmann: In den Epochen vor der Ankunft der Römer lebten die Menschen in dörflichen Strukturen, die auf Selbstversorgung ausgerichtet waren. Es gab weder Stadtanlagen, noch eine ausgeprägte soziale Differenzierung. Und dann kamen die Römer – und alles ging von 0 auf 100. Erste Legionen wurden unter Kaiser Augustus (regierte 31 v. Chr.–14 n. Chr.) am Rhein stationiert, der sich unter Kaiser Claudius (regierte 41–54 n. Chr.) zur Grenze entwickelte. Die Römer errichteten fortan Militärstützpunkte für tausende Legionäre, die versorgt sein mussten. Sie beschafften Waren aus dem Mittelmeerraum, gründeten Städte und bauten Wirtschaft und Landwirtschaft aus. Kurz: Sie brachten völlig neue Konzepte, was Wirtschaften, Leben und Technologie anging; diese strahlten auf die gesamte Region am Niederrhein und auch darüber hinaus aus. 

Dr. Schröder: Bei meinem Teilprojekt, dem Legionslager Neuss und seinem Umfeld, bietet sich die Möglichkeit, den Wandel eines römischen Militärstandorts vom Beginn der römischen Kaiserzeit bis in die Spätantike hinein zu verfolgen. Mit der Zeit entstand dort eine regionale Ausprägung der römischen Sachkultur, in die lokale und fremde Traditionen einflossen. Ob Münzen, Kleidung, Tonwaren oder andere Gebrauchsgegenstände – anhand der Funde über einen langen Zeitraum hinweg können wir nachweisen, wie sich Gemeinschaften unterschieden, annäherten oder wie weit Handelsnetze reichten, um nur einige Aspekte zu nennen. 

„In unserem Akademieprojekt legen wir sehr viel Wert auf das Zusammenspiel von naturwissenschaftlichen Untersuchungen und unseren traditionellen archäologischen Methoden.“
Prof. Dr. Bemmann

Welche Methoden setzen Sie ein, um das Leben der Legionäre und Zivilbevölkerung zu erforschen?

Professor Bemmann: In unserem Akademieprojekt legen wir sehr viel Wert auf das Zusammenspiel von naturwissenschaftlichen Untersuchungen und unseren traditionellen archäologischen Methoden, um umfassende Erkenntnisse über Fernkontakte und lokale Bräuche der einstigen Bewohner des römischen Gebiets zu gewinnen. So wird beispielsweise ein Gräberfeld in der Bonner Irmintrudisstraße gleichzeitig archäologisch wie anthropologisch bearbeitet. Im Rahmen einer Dissertation erforscht Alessia Bareggi Osteobiographien am römischen Limes anhand von Skelettresten. Sie hat ein Frauenskelett untersucht, das eine verheilte Fraktur am Bein hatte. Die Frau, wir nennen sie „Limb Lady“, wurde dennoch sehr alt, was bedeutet, dass sie auch nach dieser Fraktur lange versorgt werden konnte, was schon sehr erstaunlich für diese Zeit ist.

Einblicke ins Alltagleben der damaligen Zeit, etwa zu Ernährungsgewohnheiten, Gesundheit oder Mobilität der Bewohner, erhalten wir dank aufwendiger Analysen. Von der Genetik bis zur Mikrobiologie – was den Einsatz moderner Methoden angeht, sind wir vorne dabei. Es tut sich immens viel, weil wir mit immer weniger Probenmaterial eigentlich immer mehr herausfinden. Aber wir arbeiten auch ganz konventionell, zum Beispiel, wenn es um die Verbreitung von Münzen oder Keramik geht. Das hängt ganz von den Teilprojekten und Funden ab. 

Wie arbeiten in Ihrem Akademieprojekt Universitäten, Museen und Denkmalpflege zusammen? 

Professor Bemmann: Einen so großen Fundus kann man nur über einen langen Zeitraum und zusammen mit kompetenten Partnern bewältigen. Das Bonner Landesmuseum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), unser Schlüsselpartner, hat seine Fundstücke aus den Magazinen geholt, gesichtet und digital erfasst. Auf diesem Fundus bauen wir in unserem Akademieprojekt auf.

Neben dem Landesmuseum und unserer Bonner Universität wirken auch die Universitäten in Nijmegen und München, das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland sowie weitere Museen mit. So verbinden wir nicht nur unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven, sondern erhalten auch Zugang zu verschiedenen Archiven. 

Und wo finden sich Ihre Forschungsergebnisse?

Dr. Schröder: Wir beziehen in erster Linie unser Material aus den Archiven und bearbeiten das Ganze. Die Daten, die wir erheben oder was wir digitalisieren, fließen in die jeweiligen Datenbanken, die es schon gibt, zurück. Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen können dort vor Ort auch schon mit unseren Daten weiterarbeiten. 

Professor Bemmann: Diese Vorgehensweise ist aus unserer Sicht nachhaltiger, als eine gesonderte digitale Plattform zu errichten. Denn die etablierten Datenbanken, mit denen die Fachwelt bereits arbeitet, werden dauerhaft gepflegt und bleiben langfristig erhalten. Unsere Ergebnisse publizieren wir aber auch ganz klassisch als Printpublikationen, etwa die beiden Tagungsbände zu unseren Fachkonferenzen in Bonn. Nächstes Jahr findet in Xanten eine große Feier zum UNESCO Weltkulturerbe statt, dort beteiligen wir uns mit einem Informationsstand. 

„Besonders wichtig ist mir, Forschungslücken zu schließen und die Quellen so zu bearbeiten, dass auch andere sie für ihre Forschung nutzen können.“

Noch eine Frage: Welche Chancen bietet Ihnen Ihr Akademieprojekt? 

Dr. Schröder: Das Akademieprojekt bietet große Chancen für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – wir können langfristig am Stück finanziert forschen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Besonders wichtig ist mir, Forschungslücken zu schließen und die Quellen so zu bearbeiten, dass auch andere sie für ihre Forschung nutzen können.

Professor Bemmann: Im Laufe des Akademieprojekts werden wir unzählige Quellen erstmals edieren. Im Zuge dessen werden wir uns von lieb gewonnenen Einsichten verabschieden müssen und viele überraschende, fundierte und nachprüfbare Erkenntnisse und Zusammenhänge gewinnen. Dieses Wissen geben wir weiter, in die Forschung, in die Öffentlichkeit und auch im Projekt selbst, von den alten Hasen an die jungen. Natürlich geht es auch um die individuellen Karrieren der Menschen, die im Projekt mitarbeiten. Dank der neugewonnenen Ergebnisse lassen sich Karrieren weiter pflegen. 

Herzlichen Dank Ihnen beiden für Ihre interessanten Einblicke und weiterhin viele Entdeckungen!

(Das Zoom-Interview fand am 13. Oktober 2025 statt, Fragen und Redaktion: Katrin Schlotter)


Kontakt

Sebastian Zwies
Leiter Koordinierung
Akademienprogramm

 

06131 / 218 528 17
sebastian.zwies@akademienunion.de