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Andreas Urs Sommer mit Nietzsche-Statue
Projekt des Monats

Juni | Nietzsche frisch kommentiert – Prof. Dr. Andreas Urs Sommer im Interview

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Kurzinterview mit Prof. Dr. Andreas Urs Sommer

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Die Werke von Friedrich Nietzsche (18441900) gelten als fundamental für das Selbstverständnis modernen Denkens. Aber was hat er eigentlich gedacht? Antworten gibt der „Nietzsche-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Über die Detektivarbeit des Kommentierens sprachen wir mit Projektleiter Prof. Dr. Andreas Urs Sommer.

Herr Professor Sommer, warum ist ein Kommentar zu Nietzsches Gesamtwerk wichtig?

Nietzsche ist bis heute ein Kultautor. Es gibt unglaublich viele Interpretationen. Seine Werke haben großen Einfluss beispielsweise auf Literatur, Kunst, Philosophie, Psychologie, Religions- und Kulturkritik – und das weltweit. Einen übergreifenden Kommentar zu seinem Gesamtwerk gab es allerdings nicht. Mit unserem Akademieprojekt untersuchen wir erstmals umfassend Nietzsches Werke in ihrem geistes- und kulturgeschichtlichen Kontext und stellen damit ein neues wissenschaftliches Werkzeug zum Verständnis von Nietzsches Denken bereit. Unser Kommentar versteht sich als eine Art Dienstleistung für die Nietzsche-Leserinnen und -Leser.

Könnten Sie uns anhand eines Nietzsche-Zitats Einblick in Ihre Arbeit geben? 

Nehmen wir das Zitat: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ aus der Götzen-Dämmerung. Es steht für eine Tendenz des späten Nietzsche, die Dinge so markig auf den Punkt zu bringen, dass man ihn auf jeden Fall hört. Für uns als Kommentatoren ist dieser Satz eine große Herausforderung: Er steht scheinbar ohne jeden unmittelbaren Kontext da, ist also nicht in einem längeren Text eingebettet. Unsere Arbeit als Kommentatoren und Kommentatorinnen beginnt damit, dieses Zitat in Kontexte zu stellen und seine argumentative Struktur durchsichtig zu machen. Wir zeigen, dass Nietzsches Texte nicht allein auf einem Gipfel der Geistesgeschichte stehen – abgelöst von allem, was bis dahin gedacht worden ist, und womöglich auch abgelöst von allem, was seither gedacht worden ist. Und damit leisten wir Pionierarbeit, jedenfalls mit Blick auf das gesamte Œuvre Nietzsches! Mit unserer Arbeit zeigen wir, dass Nietzsche in vielfältigster Hinsicht auf die Herausforderungen seiner eigenen Zeit antwortet und dass er ein hochresponsiver Denker ist. Ein Denker, der ständig mit Antworten um sich wirft. Das tut er aber nicht, um definitive Antworten zu geben, sondern um das Denken flüssig zu halten. Und das ist ein entscheidender Nebeneffekt unserer Kontextualisierung, zu zeigen, dass es kein Festschreiben des Denkens gibt, wie bei anderen Philosophen.

Nietzsche unterscheidet sich also von anderen Philosophen?

Nietzsche vollzieht eine Art von Mimikry: Er tut so, als wäre er ein Philosoph, der die letzten Worte findet, Entscheidendes sagt und damit vermeintlich definitive Festlegungen vollzieht, wie das andere Philosophen vor ihm und auch nach ihm getan haben. Aber wenn man genau hinschaut, stellt man fest: Das ist nicht so. Nietzsche ist ein Denker, der sich ständig ins Wort fällt. Und genau das macht der Kommentar im Detail sichtbar.

Was genau nehmen Sie in den Kommentaren unter die Lupe?

Die Kontextualisierung findet auf mehreren Ebenen statt, zunächst einmal im einzelnen Werk. Wir fragen: Passt dieser Satz zu Überlegungen, die vorher oder nachher im selben Buch geäußert werden? Oder grenzt er sich davon ab? In der Tat ist Nietzsche ein Denker in Antithesen. Das ist die erste Ebene der Kontextualisierung. Die zweite Ebene ist die Genese des konkreten Gedankens: Wie hat sich der Gedanke formiert? Das versuchen wir über den Nachlass herauszufinden, über seine Notizen, die noch nicht vollständig ediert sind. Dort finden wir vielleicht etwas, was uns zeigt, wie er überhaupt zu diesem Gedanken kam. Die dritte Ebene die des Gesamtwerkes: Wie kam Nietzsche zu dieser Überlegung „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“? Gibt es da etwas, was vielleicht 20 Jahre früher in diese Richtung gewiesen hat? Dann ist da noch die vierte Ebene: die innerhalb der zeitgenössischen Diskussion. Wie reagiert der Spruch auf bestimmte Vorstellungen in Nietzsches Zeit, im gegebenen Fall insbesondere in der Medizin, in der Diätetik? Ihm geht es nicht so sehr um die physische Abhärtung, sondern vielmehr um die geistige Abhärtung. Es geht um das „Sich wappnen müssen“ in einer Welt, in der es keine Götter mehr gibt. Eine weitere Dimension und fünfte Ebene wäre dann eine geistesgeschichtliche Kontextualisierung im umfassenden Sinn. Und schließlich noch die Rezeptionsgeschichte. Gerade dieser Spruch „Was mir nicht umbringt, macht mich stärker“ hat vielfach Anklang gefunden – bei so unterschiedlichen Gestalten wie Ernst Jünger, Carl Zuckmayer und Albert Camus.

Das hört sich so an, als könnten Sie gleich mehrere Leben mit der Kommentierung verbringen. Wie weit sind Sie schon mit Ihrem Projekt?

Die Kommentierung ist tendenziell ein unendliches Geschäft. Und deswegen ist eine wichtige Tugend des Kommentators und der Kommentatorin auch die Beschränkung. Wir haben 15 Jahre Zeit für unser Akademie-Projekt. Wir sind jetzt noch nicht ganz auf der Zielgeraden, aber wir sehen sie vor uns. Das bedeutet, dass wir die ganzen Ebenen der Kontextualisierung nicht in extenso ausschöpfen. Wir möchten Leserinnen und Leser haben, die mit den Kommentaren etwas anfangen können.

Wie lang ist ein Kommentar zu einem Zitat wie diesem?  

Der Kommentar umfasst hier knappe anderthalb Seiten. Das ist also überschaubar. Wir haben eine breite Leser- und Nutzerschaft. Die Kommentare werden meist nicht von A bis Z gelesen, sondern situativ genutzt. Unsere Kommentare sind so aufgebaut, dass wir vor den Einzelstellenkommentaren einen Überblickskommentar bieten. Dieser ordnet die Schrift als Ganzes ein und fragt, wie sie entstanden ist, in welcher Lebens- und Denklage sich Nietzsche befand. Auch den Manuskriptbestand und aus welchen Quellen Nietzsche geschöpft hat, versuchen wir zu rekonstruieren.

Welche Rolle spielt dabei der Nachlass Nietzsches? Verspricht er neue Erkenntnisse?

Unbedingt. Der Nachlass ist sozusagen die Werkstatt Nietzsches. Er umfasst rund 37.000 Seiten. Dieser Nachlass ist nur teilweise erschlossen, was wir gerne ändern würden. Eine digital-genetische und kommentierte neue Edition ist dringend notwendig – am besten open-access. Wünschenswert wäre es zudem, eine kollaborative Kommentierungsplattform zu entwickeln.

Was könnte eine kollaborative Plattform bewirken?

Unser Kommentar könnte dann ergänzt werden von Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, die immer wieder neue Funde machen, neue Quellen erschließen, die wir noch nicht kennen. Ein Kommentar ist Stückwerk und braucht die Mitarbeit vieler. Und wenn man unseren Kommentar als Grundstein eines noch viel weiter reichenden Gebäudes nimmt, dann wäre es für die weltweite Forschungsgemeinschaft sehr zu begrüßen, wenn auch die Kommentarbände für alle digital frei zugänglich wären.

Nietzsches Nachlass ist von enormer Bedeutung und wird vielleicht zum UNESCO-Weltdokumentenerbe auserkoren. Ziel des Programms ist es, dokumentarische Zeugnisse von außergewöhnlichem Wert in Archiven, Bibliotheken und Museen zu erhalten und weltweit zugänglich zu machen. Die Einreichung ist erfolgt. Jetzt heißt es abwarten und Daumen drücken.

Herzlichen Dank für das interessante Interview, Herr Professor Sommer!

(Das Interview führte Katrin Schlotter Ende April 2022.)


Kontakt

Sebastian Zwies
Leiter Koordinierung
Akademienprogramm

 

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sebastian.zwies@akademienunion.de