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Projekt des Monats

Januar | Kultig: Neuentdeckung Jahrtausende alter hethitischer Festrituale

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Vor mehr als 3000 Jahren herrschten die Hethiter über ein Großreich (17. bis 13. Jh. v. Chr.), das sich vom Westen der heutigen Türkei bis in den Libanon erstreckte. Wie hielten sie ihr Reich zusammen und welche Rolle spielten Festrituale dabei? Das erfahren Sie im Interview mit Prof. Dr. phil. Daniel Schwemer, dem Leiter des Akademieprojekts an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz.

Während der späten Bronzezeit zählten die Hethiter neben den Ägyptern, Babyloniern und Assyrern zu den bedeutendsten Völkern und Kulturen. Die Hauptstadt des hethitischen Großreiches befand sich in Boğazköy-Hattuša (ca. 1650 bis 1180 v. Chr.) in der Zentraltürkei. Seit 1906 finden dort Ausgrabungen statt, seit 1931 unter der Federführung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Seither wurden fast 30.000 Tontafeln mit Keilschrift entdeckt, die seit 2001 Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes sind. Sie liefern reichhaltige Informationen über die Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft und nicht zuletzt die religiösen Traditionen der Hethiter und ihrer Nachbarn. Unter den Keilschrifttexten finden sich sogenannte Festritualtexte (nahezu 10.000 Fragmente), die seit 2016 im Akademieprojekt „Corpus der hethitischen Festrituale“ der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz erforscht und zugänglich gemacht werden. Diese Texte sind meist, aber nicht ausschließlich, in hethitischer Sprache verfasst, der ältesten bezeugten indogermanischen Sprache.

 

Im Herbst 2023 gab es eine Sensation: Die Istanbuler Abteilung des DAI entdeckte bei der Grabung inBoğazköy-Hattuša einen Ritualtext in hethitischer Sprache mit einer Rezitation in einer bisher gänzlich unbekannten Sprache. Was hat es damit auf sich, Herr Professor Schwemer?

Die Hethiter waren offensichtlich daran interessiert, Rituale in fremden Sprachen aufzuzeichnen. Ritualtexte, die von Schreibern des hethitischen Königs verfasst wurden, spiegeln verschiedene Traditionen und Sprachen des spätbronzezeitlichen Anatoliens wider. Dort wurde nicht nur Hethitisch gesprochen, sondern auch Luwisch und Palaisch, zwei weitere anatolisch-indoeuropäische Sprachen, die eng mit dem Hethitischen verwandt sind, sowie Hattisch, eine nicht-indoeuropäische Sprache. Mit dem neuen Fund kommt noch eine weitere Sprache hinzu: die Sprache von Kalašma, die es noch zu entdecken gilt. Bei der Dokumentation und Auswertung des neu gefundenen Texts arbeiten wir eng mit Forscherinnen und Forschern vom DAI sowie mit türkischen Universitäten und Museen zusammen.

Wie bedeutend ist die Entdeckung einer neuen Sprache für Ihr Akademieprojekt?

Ehrlich gesagt, das wissen wir noch nicht. Grundsätzlich sind für unser Projekt Texte in Sprachen, die nicht das Hethitische sind, von zentraler Bedeutung, denn: Die Verwendung von nicht hethitischen Texten als Rezitationen im Götterkult in den Tempeln und den Heiligtümern sind ein zentraler Bestandteil der hethitischen Kultpraxis. Sie sind Teil der offiziellen Religionsausübung, die vom Königshof geleitet und den Schreibern und Beamten aufgezeichnet wurde. Der Neufund zeigt, dass es tatsächlich noch Traditionen gibt, von denen wir gar nichts wussten. Inwieweit dieser Neufund eine „Eintagsfliege“ ist, können wir derzeit nicht einschätzen. Vielleicht finden sich noch weitere Texte in dieser bis dato unbekannten Sprache – erst dann können wir sehen, ob diese lokale Tradition in umfangreicher Weise Eingang in den vom Königshaus gepflegten Kult im gesamten Land Eingang gefunden hat.

Welchen Stellenwert hatten Kultrituale bei den Hethitern?

Wie viele andere alte Kulturen gingen die Hethiter davon aus, dass das Wohl und Wehe der Menschen grundsätzlich vom Wohlwollen der Götter und damit auch vom Wohlbefinden der Götter abhängt. Dies zu garantieren war Aufgabe des Königs. Er fungierte als oberster Priester, als oberster Kultfunktionär des Landes. Man glaubte, dass er eine besonders enge Beziehung zu den Göttern hat, nicht zuletzt auch deshalb, weil er von den Göttern beauftragt wurde, das Land zu regieren. Die korrekte, umfangreiche und in schöner Weise durchgeführte Erfüllung der Kultpflichten gegenüber den Göttern galt als essenziell für das Wohlergehen des Königs und des gesamten Landes.

Und wie hat der Königshof die Kultrituale umgesetzt?

Eine ganze Reihe von Beamten war nur damit beauftragt dafür zu sorgen, dass die Kultfeste nach dem Kalender an den verschiedenen Orten zur rechten Zeit und in der richtigen Weise durchgeführt werden. Und um das gewährleisten zu können, hat man Keilschrift auf Tontafeln als Instrument der Informationsspeicherung verwendet. Die Keilschrift wurde in verschiedenen Zusammenhängen genutzt, etwa für Staatsverträge, Briefe usw. Ein großer Teil der Tontafeln wurde nicht nur in der damaligen Hauptstadt Ḫattuša, sondern auch an anderen Orten gefunden. Das zeigt, dass der Kult sowohl in der Hauptstadt als auch in den verschiedenen anderen Städten und Heiligtümern des Landes sehr wichtig genommen wurde.

Welche Bedeutung hatten die Festritualtexte?

Für die korrekte Erfüllung des Kultes wurde eine umfangreiche Bürokratie organisiert, die dann wiederum diese Festritualtexte produziert hat. Die Festritualtexte sind knapp formulierte fachsprachliche, oft umfangreiche Vorschriften zur Durchführung des Kultes zu bestimmten, meist jahreszeitlich festgelegten Anlässen. Sie dienten zur Erinnerung, zur Organisation, vielleicht auch dazu, Feste weiterzuentwickeln und anzupassen. All das geschah schriftlich. Dank dieser Texte, die bis heute erhalten sind, wissen wir überhaupt etwas über die verschiedenen Kulte im Land und wie man diese durchführen musste. Und in dieser Dichte ist das tatsächlich selten in alten Kulturen überliefert. Für uns ist es ein Glücksfall, dass diese Texte in einem solchen Ausmaß Teil der schriftlichen Überlieferung geworden sind. Die ‚Festrituale‘ sind mit nahezu 10.000 Fragmenten die umfänglichste Textgruppe der in Ḫattuša gefundenen Keilschrifttexte.

Wie gehen Sie in Ihrem Akademieprojekt vor?

Mit unserem Akademieprojekt „Corpus der hethitischen Festrituale“ (HFR) rekonstruieren wir dieses Textkorpus und erschließen es in Form von web-basierten Editionen. Die erste Stufe unseres Projektes bestand darin, die Festritualtexte in all ihren Fragmenten sorgfältig zu transliterieren, also die Keilschrift in lateinische Buchstaben zu transferieren und das Ganze in eine digitale Datenbank einzuspeisen. Dieses Basiskorpus ist Anfang 2022 online gegangen. Es bildet den Grundstock unserer Arbeit und wird Jahr für Jahr mit Neufunden erweitert. Das Basiskorpus ist durchsuchbar und öffentlich zugänglich.

Derzeit befinden wir uns in der zweiten Stufe unseres Projektes. Unsere erste Edition kommt im Januar 2024 heraus. Die kritischen Editionen, die ebenfalls online erscheinen, umfassen Einleitungen, Umschriften und Übersetzungen für ausgewählte einzelne Feste und Rituale. Diese Editionen werden in den nächsten Jahren einen Großteil unserer Arbeit einnehmen.

Und die dritte Stufe besteht darin, Studien in Buchform vorzulegen, die mehrere Festrituale in einer religionshistorischen, verwaltungshistorischen Analyse genauer besprechen, dokumentieren und in die Geschichte der Hethiter insgesamt einbetten. Zwei Bücher sind derzeit in Vorbereitung, und zwar zu den Frühlings- und Herbstfesten. Das sind zwei große Wendepunkte im hethitischen Kultjahr mit sehr umfangreichen Ritualen, die für das Verständnis der hethitischen Religionsgeschichte besonders wichtig sind, weil sie viele, viele lokale Rituale in große, vom König geleitete Rituale zusammenfassen. Und in diesen Büchern kann man dann auch Kommentare finden zur Theologie dieser Rituale und ihrer Entwicklungsgeschichte.

Und was finden Sie persönlich besonders spannend an Ihrem Vorhaben?

Was mich besonders interessiert, ist die Frage, wie die staatlich organisierte Ausübung von Religion durch den König zur Dauerhaftigkeit und Stabilität dieses hethitischen Königreichs beigetragen hat. Auch die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen den Kultritualen und der hethitischen Geschichte insgesamt ist faszinierend. Welche Strategien haben die Könige eingesetzt? Worin haben sie sich unterschieden? Worauf lagen die Schwerpunkte? Und in welcher Beziehung stehen die Kultrituale zu anderen hethitischen Ritualen? All das, so ist meine Hoffnung, können wir am Ende des Projektes darstellen können.

Ihr Projekt kommt Ende 2036 zum Abschluss. Wagen Sie jetzt schon einen Ausblick?

Schon jetzt sehen wir, dass sich die Kulttexte auf das gesamte Reich beziehen und deswegen auch unterschiedliche Traditionen und Sprachen berücksichtigen, nicht nur die der Hauptstadt. Daher kann man sagen, dass die Kulttexte als Instrument der Herrschaftssicherung, Stabilität und der Kohäsion dieses fragilen frühen Territorialreiches dienten. Da gab es natürlich auch andere militärische Methoden – das ist klar – aber der Kult spielt eine entscheidende Rolle.

Herzlichen Dank, sehr geehrter Herr Professor Schwemer, für die interessanten Einblicke!


Kontakt

Sebastian Zwies
Leiter Koordinierung
Akademienprogramm

 

06131 / 218 528 17
sebastian.zwies@akademienunion.de