
Ihrer Zeit voraus: Fremdsprachenlehrwerke der Frühen Neuzeit
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Projektseite FSL digital der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
Projektseite FSL digital der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz
Biographie Dr. Josephine Klingebeil-Schieke
Kurzinterview mit Projektleiterin Prof. Dr. Andrea Rapp
Podcast „Sozusagen“: Alte Sprachlehrbücher - und was sie uns erzählen
Wie ein Akademienprojekt die Praxis des Sprachenlernens und die Lebenswelten der Frühen Neuzeit von 1450 bis 1700 sicht- und erforschbar macht.
Ob in der Schule, bei der Arbeit, auf Reisen oder in der Freizeit – unser Alltag ist von Europas Sprachenvielfalt geprägt. Das war auch schon in der Frühen Neuzeit gelebte Realität. Über die Verständigung innerhalb des europäischen Sprachraums und das Erlernen von Sprachen zur damaligen Zeit wissen wir allerdings wenig. Bis jetzt.
Genau hier setzt das Akademienprojekt „Historische Fremdsprachenlehrwerke digital. Sprachgeschichte, Sprachvorstellungen und Alltagskommunikation im Kontext der Mehrsprachigkeit im Europa der Frühen Neuzeit (FSL digital)“ an. Das Vorhaben mit Arbeitsstellen in Berlin, Hamburg und Darmstadt/Mainz wird seit April 2024 gemeinsam von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz durchgeführt. Spätestens in 18 Jahren wird dank des Akademienprojektes nachvollziehbar sein, wie Menschen im Lauf der Frühen Neuzeit Sprachen erlernten, worüber sie sich austauschten und, nicht zuletzt, wie sich Sprachen verbreiteten und wandelten.
Mehrsprachigkeit: europäische Normalität
„Wer heute Fremdsprachen lernt, tritt in eine jahrhundertealte Tradition ein – die ebenso lebendig wie relevant ist“, sagt Dr. Josephine Klingebeil-Schieke, Arbeitsstellenleiterin des Vorhabens in Berlin. In der Frühen Neuzeit waren die Menschen innerhalb Europas mobil. Wer pilgerte oder grenzüberschreitend arbeitete – etwa als Kaufmann, Handwerker, Söldner, Gesandter oder Musiker – musste sich verständigen können. „Mehr als eine Sprache zu sprechen, war aber weit mehr als nur eine praktische Notwendigkeit, sondern avancierte in gehobenen Schichten zum prestigeträchtigen Ideal“, so Klingebeil-Schieke. Man gab sich weltgewandt, die Damen parlierten etwa im Salon auf Französisch, die Kinder adeliger Familien lernten mehrere Sprachen und gingen ins Ausland, um ihre Kenntnisse zu vertiefen. Aber auch weniger betuchte Menschen, wie reisende Händler oder Soldaten, waren auf Fremdsprachenkenntnisse angewiesen. „Die Vorstellung von einer Sprache pro Land ist merkwürdig fest verankert, entwickelte sich aber erst im 19. Jahrhundert zusammen mit der politischen Idee von Nationalstaaten. Anders als heute oft angenommen, war und ist Europa hochgradig mehrsprachig.“

Einblicke in den (Sprach-)Alltag
Wie mehrsprachig Europa damals schon war, das bezeugen die Fremdsprachenlehrwerke aus der Frühen Neuzeit: Sie wurden intensiv rezipiert und entsprechend vermutlich auflagenstark publiziert, so dass viele Werke bis heute erhalten sind. „Fremdsprachenlehrwerke eignen sich perfekt für die Untersuchung historischer Kommunikationsformen. Sie ermöglichen tiefe Einblicke in die Geschichte des Fremdsprachenlernens und -lehrens“, erläutert Klingebeil-Schieke. Neben grammatischen Erläuterungen und Wortlisten sind es vor allem sogenannte Musterdialoge, die gesprochene Sprache rekonstruierbar machen. „Diese Dialogbeispiele spiegeln die Kommunikation früherer Jahrhunderte wider: Sie geben den Menschen auf der Straße erstmals eine Stimme, zeigen die gesprochene Sprache, die damals im Alltag in Gebrauch war – in verschiedensten Regionen Europas.“ Und sie drehen sich meist um konkrete Alltagsszenen: Gespräche auf dem Markt, in der Herberge, bei Tisch oder auf Reisen. Sie geben überdies Auskunft über nahezu alle Bereiche der Lebenswirklichkeiten frühneuzeitlicher Gesellschaften. Es ist also wirklich an der Zeit, mit einem langfristig ausgerichteten Akademienprojekt die Fremdsprachenlehrwerke, die in den großen Forschungsbibliotheken, aber auch in vielen kleineren europäischen Städten verstreut bewahrt werden, ins Licht der Forschung zu rücken und zugänglich zu machen.
Mehr als 1000 Werke für ein Parallelkorpus
„Unter den sehr, sehr unterschiedlichen Fremdsprachenlehrwerken haben wir für unser Akademienprojekt Werke ausgewählt, in denen das Deutsche als Ausgangs- oder Zielsprache auftritt. Das sind rund 1.000 Werke.“, berichtet Klingebeil-Schieke. „Wir wollen sie für Forschung und Öffentlichkeit erschließen, untersuchen und zugänglich machen, und zwar vollständig digitalisiert, nachhaltig aufbereitet, philologisch tief bearbeitet. Wir stellen sie für weitere wissenschaftliche Analysen bereit, selbstverständlich auch für andere Disziplinen. Unsere Aufgabe ist, eine Art Sprachdatenbank, ein Parallelkorpus, aufzubauen, in dem dann alle am Inhalt interessierten Menschen diese Quellen durchsuchen können.“
Die Arbeitsstelle in Darmstadt bearbeitet die Wörterbuchteile, Glossare und Vokabellisten. Das Hamburger Team untersucht überwiegend die grammatischen Erläuterungen, die Vorworte und vielleicht auch mal Briefvorlagen. Und in Berlin werden die parallelen Musterdialoge erforscht. Erstmals wird es möglich sein, die historischen Wurzeln der heutigen Mehrsprachigkeit in Europa aus der Perspektive der alltagssprachlichen Praxis des Fremdsprachenerwerbs und der Fremdsprachen- und Wissensvermittlung in der Frühen Neuzeit zu ergründen.
Ihr Name ist Programm: Sprachmeister
Viele dieser Lehrwerke stammen nicht von Universitätsgelehrten, sondern von sogenannten „Sprachmeistern“, also Praktikern, die selbst viel gereist waren und das Gehörte niederschrieben. Alltagsnah, dialogisch, mehrsprachig und zielgruppenorientiert – und das schon in der Frühen Neuzeit! Das älteste Beispiel eines Sprachlehrwerkes, das nur handschriftlich überliefert ist, stammt von Georg von Nürnberg, einem fränkischen Sprachmeister, der Mitte des 15. Jahrhunderts in Venedig Kaufleuten, aber auch Staatsbediensteten Deutsch beibrachte. „Es ist nicht nur das erste bekannte Exemplar eines Lehrwerkes für Wirtschaftsdeutsch, sondern es enthält ganze Gespräche, in denen es ums Kaufen, Verkaufen und ums Feilschen geht. Auch Beispiele für Smalltalk und Benimmregeln werden vermittelt“, erläutert die Arbeitsstellenleiterin.
Ein weiteres, herausragendes Beispiel sind die Colloquia et dictionariolum (lateinisch für Gespräche und kleines Wörterbuch) von Noël de Berlaimont – verfasst in den 1520er Jahren. Aus dem zunächst zweisprachigen Werk entwickelte sich im Lauf der nächsten Jahrhunderte ein zehnsprachiger Sprachführer! Die verschiedenen Sprachen sind so in Spalten angeordnet, dass man aus jeder der Sprachen in jede andere übersetzen kann. Außerdem gibt es nicht nur einzelne Sätze zu bestimmten Themen in verschiedene Sprachen, sondern auch hier jeweils ganze Dialoge für verschiedenste Situationen. In der Frühen Neuzeit kam man also schon leicht ins Gespräch – ganz ohne moderne Übersetzungstools.
Mehrsprachigkeit erleben – und erhalten
Mit seinen etwa 1000 Werken, die das Akademienprojekt digitalisieren und erforschen wird, ist schon jetzt eines klar: Es öffnet historische Quellen für Wissenschaft und Öffentlichkeit, macht unterschiedliche Perspektiven sichtbar und zeigt, wie Sprache Brücken baut: zwischen Menschen, Regionen und sozialen Milieus. Damit stärkt das Akademienprojekt das Bewusstsein für Europas sprachliche Vielfalt. „Neben der wissenschaftlichen Arbeit ist es mir ein großes Anliegen, in Bildungseinrichtungen zu gehen, um zu zeigen, welche Bedeutung Europas Mehrsprachigkeit – und das Sprachenlernen – hat“, sagt Klingebeil-Schieke. „Es geht nicht darum, eine Sprache perfekt zu können, sondern viele ein bisschen – und miteinander ins Gespräch zu kommen. Damals wie heute.“




Kontakt
Sebastian Zwies
Leiter Koordinierung
Akademienprogramm
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