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Forschung mit Reichweite: das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache“

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Akademienunion: Kurzinterview: Kurz nachgefragt ... bei Prof. Dr. Wolfgang Klein (Projektleiter DWDS bis 2021)

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Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS), das im Rahmen des Akademienprogramms entwickelt wurde, lässt nahezu keine Fragen zum deutschen Wortschatz offen. Kein Wunder, dass es rund 1,5 Millionen Menschen aus über 180 Ländern monatlich nutzen. 

Im Interview: Dr. habil. Alexander Geyken, Arbeitsstellenleiter des Akademieprojekts „Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache" sowie des "Zentrums für digitale Lexikographie der deutschen Sprache" an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW).

Herr Dr. Geyken, wenn Sie das DWDS in einem kurzen Satz erklären müssten: Warum sollte man es kennen? 

Mit mehr als 650.000 Artikeln ist das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) die umfassendste Wissensquelle zum deutschen Wortschatz. Neben dem modernen gegenwartssprachlichen Wörterbuch ermöglicht es auch den Zugriff auf historische Wörterbücher, insbesondere das Grimmsche Wörterbuch in dessen Erst- und Neubearbeitung und das Etymologische Wörterbuch des Deutschen. 

Das DWDS versteht sich als frei zugängliches „lexikalisches Informationssystem“ für die deutsche Sprache – was bedeutet das konkret für Nutzerinnen und Nutzer im Alltag?

Das DWDS ist unkompliziert über www.dwds.de abrufbar und für alle Interessierten kostenfrei zugänglich. Es hat sich als modernes Bedeutungswörterbuch für den aktuellen deutschen Wortschatz etabliert und wird von Nutzerinnen und Nutzern geschätzt, um unmittelbare sprachliche Fragestellungen zu klären. Wer einen Begriff nachschlägt, erhält fundierte Informationen zu dessen Wortherkunft, Grammatik und korrekter Schreibweise. Das Herzstück bilden dabei die präzisen Erläuterungen der Wortbedeutungen, die durch reale Verwendungsbeispiele sowie detaillierte Angaben zu gängigen Redewendungen ergänzt werden.

Darüber hinaus eröffnet das DWDS Möglichkeiten, die weit über das bloße Nachschlagen von Definitionen hinausgehen: Nutzerinnen und Nutzer können auf der Plattform eigenständig sprachliche Analysen vornehmen. Dies lässt sich an zwei Funktionen verdeutlichen: Die automatisch generierten Verlaufskurven, die auf sehr großen Textkorpora basieren, machen den zeitlichen Wandel des Wortgebrauchs sichtbar. So lässt sich etwa bestimmen, wann ein Wort aufkam, an Relevanz gewann oder auch wieder abnahm – etwa im spannenden Vergleich zwischen dem traditionellen „Turnschuh“ und dem modernen „Sneaker“. Eine weitere Besonderheit ist die Analyse regionaler Wortschatzunterschiede. Mit dem System lässt sich detailliert kartieren, wo man eher zum „Schuhlöffel“ greift und wo der „Schuhanzieher“ dominiert, wodurch sprachliche Grenzen und Übergangsbereiche im deutschen Sprachraum unmittelbar nachvollziehbar werden.

Das DWDS verzeichnet monatlich etwa 1,5 Millionen Nutzerinnen und Nutzer aus über 180 Ländern. Wer nutzt das DWDS besonders intensiv? Und was verrät das über den Stellenwert der deutschen Sprache in unserer Gesellschaft?

Ursprünglich fand das DWDS hauptsächlich in der akademischen Lehre Verwendung, etwa in germanistischen und sprachwissenschaftlichen Seminaren oder im Bildungswesen an Hochschulen. Inzwischen hat sich das Spektrum deutlich erweitert: Nutzerinnen und Nutzer aus vielen Bereichen, etwa den Medien, der Medizin, der Psychologie und dem Rechtswesen, greifen regelmäßig auf die Plattform zu. Geografisch liegt der Schwerpunkt zwar erwartungsgemäß auf Deutschland, Österreich und der Schweiz, doch fungiert das DWDS global als unverzichtbares, leicht erreichbares Referenzwerk für die internationale Germanistik und den Bereich Deutsch als Fremdsprache. Eine besonders engagierte Nutzergruppe bilden Literaturübersetzerinnen und -übersetzer, die das Portal als verlässliche Quelle nutzen, um die Genauigkeit von Wortbedeutungen abzusichern und die Authentizität sprachlicher Wendungen zu gewährleisten.

Zu guter Letzt, welche noch offene Frage zum deutschen Wortschatz erhoffen Sie sich, in Zukunft beantworten zu können? 

Es gibt an dieser Stelle natürlich einige komplexe linguistische Fragen, die unser Team intensiv beschäftigen. Eine derzeit noch offene Frage und zugleich eine unserer größten technischen Herausforderungen ist die zuverlässige automatische Verknüpfung von Beispielsätzen aus unserer Korpusdatenbank mit den jeweiligen Bedeutungsebenen im Wörterbuch. Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Das Wort Bank hat zwei Hauptbedeutungen im Wörterbuch, nämlich als ‚Finanzinstitut‘ und als ‚Sitzgelegenheit‘. Die Aufgabe besteht somit darin, jeden Satz aus der Datenbank, in dem das Wort Bank vorkommt, der richtigen Bedeutung zuzuordnen. Aufgrund der Größe der Datenbank – alleine für das Wort Bank haben wir über 4 Millionen Beispielsätze – muss diese Aufgabe vollautomatisiert gelöst werden. Die korrekte Zuweisung eines Textbeispiels zur passenden Bedeutungsebene im Wörterbuch gelingt bislang jedoch nur teilweise verlässlich. Besonders bei Wörtern mit mehreren Bedeutungen und teilweise feinen Bedeutungsnuancen stößt die automatisierte Verarbeitung noch an ihre Grenzen.

Interessanterweise ist diese Thematik nicht allein auf die Lexikographie begrenzt. Unter dem Fachbegriff der „Word Sense Disambiguation“ spielt sie eine zentrale Rolle für die maschinelle Übersetzung sowie diverse Felder der computergestützten Textanalyse. Mit dem geplanten Übergang des Projekts in das „Akademienzentrum für digitale Lexikographie des Deutschen” ab dem Jahr 2027 setzen wir auf Synergieeffekte im Bereich der KI-Entwicklung durch den engen Austausch mit unseren Partnern aus der Informatik an den Standorten München und Leipzig.

Eine nachhaltige Lösung dieser Frage durch fortschrittliche Algorithmen würde uns völlig neue Perspektiven für die dynamische Verknüpfung von (auch historischen) Primärtexten und Wörterbucheinträgen eröffnen. Dies würde nicht nur die Dokumentation unseres Wortschatzes erheblich erweitern, sondern auch die Aktualität des Wörterbuchs steigern, da neue Verwendungen schneller identifiziert werden könnten. Denn letztendlich basiert die Qualität eines jeden wissenschaftlichen Wörterbuchs auf der Tiefe und Genauigkeit, mit der es aus den zugrunde liegenden Textquellen erarbeitet wurde.

Besten Dank für die interessanten Einblicke, Herr Dr. Geyken, und weiterhin viel Erfolg!

(Das Interview erfolgte schriftlich am 3. Juni 2026; Fragen: Katrin Schlotter)



Kontakt

Sebastian Zwies
Leiter Koordinierung
Akademienprogramm

 

06131 / 218 528 17
sebastian.zwies@akademienunion.de