
„Etymologika“ – Hamburger Akademieprojekt zur Essenz der Wörter
Projekthomepage / Online-Edition vom Etymologicum Gudianum
Das Projekt im Podcast „Wissenschaft als Kompass“ der Akademie der Wissenschaften in Hamburg
Schlaglicht, Folge 13: Wie entsteht die historisch-kritische Edition vom Etymologicum Gudianum?
Was verraten Worte über das Denken vergangener Jahrhunderte? Das Projekt „Etymologika“ der Akademie der Wissenschaften in Hamburg hebt seit 2020 einen bislang unterschätzten Schatz der europäischen Wissensgeschichte – die griechischen etymologischen Lexika.
Etymologische Wörterbücher, die Etymologika, zählen zu den bedeutendsten lexikographischen Leistungen der antiken und mittelalterlichen Wissensgeschichte. Seit der Antike über Byzanz bis in die Renaissance und frühe Neuzeit hinein wurden sie kontinuierlich produziert, genutzt und erweitert. Ihr Name verweist auf die Suche nach dem étymon, der „wahren Bedeutung“, der Essenz eines Wortes.
Archiv der Wörter
Der wahren Bedeutung der griechischen Etymologika geht seit 2020 das Akademieprojekt „Etymologika“ auf den Grund. „Mit unserem Akademieprojekt, das wir an der Universität Hamburg durchführen, widmen wir uns ihrer systematischen Erforschung. Wir wollen sichtbar machen, wie eng Sprache, Philosophie und Kultur miteinander verwoben sind“, betont Projektleiter Prof. Dr. Christian Brockmann, Professor für Klassische Philologie (Griechisch) und Leiter des Instituts für Griechische und Lateinische Philologie an der Universität Hamburg.
Das Hamburger Akademieprojekt trägt den ausführlichen Titel: „Etymologika. Ordnung und Interpretation des Wissens in griechisch-byzantinischen Lexika bis in die Renaissance. Digitale Erschließung von Manuskriptproduktion, Nutzerkreisen und kulturellem Umfeld“.
„Mit unserem Langzeitvorhaben im Rahmen des Akademienprogramms rücken wir einen zentralen, bislang wenig beachteten Teil des literarischen und sprachwissenschaftlichen Erbes Europas in den Fokus“, so Brockmann. „In den vielfach kopierten und adaptierten Etymologika spiegeln sich Vorstellungen von der Welt ebenso wider wie literarische Traditionen und sprachliche Normen“, erläutert Brockmann und ergänzt: „Deshalb sind sie Wissensspeicher. Anhand der Manuskripte und ihren Abschriften lässt sich die Rezeptions- und Nutzungsgeschichte des griechischen Wortschatzes über viele Jahrhunderte nachvollziehen.“

Im Fokus: Etymologicum Gudianum
Im Zentrum des Akademieprojekts steht die kritische Edition des Etymologicum Gudianum, eines der einflussreichsten griechischen etymologischen Lexika des Mittelalters überhaupt. Das Ursprungsmanuskript entstand im 11. Jahrhundert, in einem Kloster in Süditalien, und entwickelte sich rasch als Referenz für spätere Lexika – mit entsprechenden Änderungen und Erweiterungen. Während die Schreiber und Hersteller der Manuskripte in der frühen Zeit anonym bleiben, sind für das 15. Jahrhundert Produzenten und Skriptorien, die an der weiteren Verbreitung gearbeitet haben, auch namentlich bekannt. „Anders als heute bieten die Einträge weit mehr als knappe Worterklärungen: Sie verbinden sprachliche Herleitungen mit Zitaten aus antiker Literatur, mythologischen Bezügen und Spuren jahrhundertelanger Gelehrsamkeit“, so Brockmann.
Bis jetzt ist dieses Ursprungsmanuskript, das ein Arbeitsexemplar war, jedoch nur unvollständig ediert. Eine frühere Edition brach bereits bei den Lemmata des Buchstabens Zeta, des sechsten Buchstabens des griechischen Alphabets, ab und ließ damit rund zwei Drittel des Textes unbearbeitet. Genau an dieser Stelle setzt das Akademieprojekt an. Die neue kritische Edition des Etymologicum Gudianum umfasst zunächst alle Einträge zu Zeta und wird schrittweise erweitert. Bis zum Ende der Projektlaufzeit im Jahr 2037 soll der gesamte Textbestand vollständig kritisch ediert, erstmals ins Englische übersetzt und kommentiert vorliegen. „Zum ersten Mal wird dieses Werk in einer verlässlichen Edition weit über unsere Disziplin hinaus verständlich und zugänglich sein“, hebt Brockmann hervor.
Auf der Suche nach dem Ursprung
Das Besondere – und auch die Herausforderung – des Akademieprojekts ist, das Urmanuskript des Etymologicum Gudianum zu entschlüsseln. „Es ist unglaublich spannend mit dem Arbeitsexemplar aus dem 11. Jahrhundert zu arbeiten. Dieses ist noch weitgehend erhalten und liegt in der Vatikanischen Bibliothek vor. Wir wollen den Text so edieren, wie die Autoren des Manuskripts es ursprünglich konzipiert hatten“, sagt Brockmann. „Und das bedeutet, dass wir den Text aus diesem Manuskript genauestens entziffern.“ Eine große Herausforderung, weil die vielen Randnotizen von verschiedenen Mitarbeitern und Gelehrten in verschiedenen Schriftformen schwer zu lesen sind. Teils sind die Schriftzüge verblasst, das Pergament verblasst, verschimmelt oder zerfressen. Hinzu kommt, dass rund 100 Seiten des Urmanuskripts fehlen. Hier kommen die über 40 Handschriften, die von dem Ursprungsmanuskript abstammen, ins Spiel: „Anhand der Änderungen in den Abschriften versuchen wir diejenige zu finden, die möglichst nah am Ursprungstext ist, so dass wir die fehlenden Seiten bestmöglich rekonstruieren können“, erklärt Brockmann (mehr dazu im Podcast „Wissenschaft als Kompass“ der Akademie der Wissenschaften Hamburg). Eine Pionierarbeit!
Manuskripte als lebendige Zeugnisse
Begleitend zur Edition untersucht das Hamburger Akademieprojekt die Produktion und Nutzung der Manuskripte selbst. Wer schrieb diese Lexika, wer benutzte sie, und in welchen sozialen und kulturellen Kontexten zirkulierten sie? Die Antworten führen tief in die Bildungs- und Wissensgeschichte des griechisch-byzantinischen Raums. „Am Ende erzählen die Etymologika nicht nur die Geschichte der Wörter, sondern auch die Geschichte der Menschen, die mit ihnen gearbeitet und sie genutzt haben“, so Brockmann. Die Edition ist auf 12 Bände angelegt, der erste Band erscheint voraussichtlich Ende des Jahres 2026.
Vom Pergament zur digitalen Wissensplattform
Parallel zur gedruckten Ausgabe entsteht die Online-Edition des Etymologicum Gudianum. „Die Plattform bietet erstmals den kritisch edierten griechischen Text mit englischer Übersetzung und ausführlichem Kommentar. Ergänzend dazu stellen wir auch digitale Bilder zahlreicher relevanter Manuskripte bereit“, so Brockmann. Nutzerinnen und Nutzer können so nachvollziehen, wie einzelne Einträge in unterschiedlichen Handschriften überliefert sind und wo sie sich befinden. „Text, Übersetzung, Kommentar und Manuskriptbild lassen sich erstmals miteinander in Verbindung bringen.“ (Wie das geht, erfahren Sie in der Einführung auf der Projektwebseite.)
Zudem integriert die Online-Ausgabe weitere etymologische Quelltexte, die z. T. bislang nicht ediert oder schwer zugänglich sind. Dies ermöglicht einen differenzierten Zugriff auf Texte, Varianten und Kommentare und eröffnet neue Wege für Forschung und Lehre. „Wer verstehen will, wie Wissen in Europa über Jahrhunderte organisiert wurde, muss verstehen, wie über Sprache nachgedacht wurde. Mit unserem Projekt machen wir sichtbar, wie vielschichtig die Text- und Bearbeitungsstufen der Etymologika sind und wie sie über Jahrhunderte als Wissensträger und Wissensvermittler dienten“, so Brockmann, „und das erstmals in gut lesbarem Englisch.“


Weiterführende Informationen:
Ringvorlesung vom 3. Juni 2024: Einblicke in das Langzeitvorhaben Etymologika
Schon gewusst, dass antike Etymologika anders funktionieren als heutige Etymologika?
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Sebastian Zwies
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