Bildung: Zwischen Humanismus und Ökonomie

Wilhelm von Humboldt entwarf ein Bildungsideal, das die Vervollkommnung des Menschen in den Mittelpunkt stellte. Es sollte in der Entfaltung der Persönlichkeit münden, ohne dass damit noch ein weiteres, darüber hinausreichendes Ziel intendiert war. Spätestens seit der Bologna-Reform und dem Wunsch, die Berufsfähigkeit bereits nach drei oder vier Jahren durch einen Bachelor zu gewährleisten, ist die Bildungsdiskussion in einer Diskussion über Ausbildung aufgegangen: Die Erlangung eines sicheren Berufes, eines höheren Einkommens und des sozialen Aufstiegs stehen seitdem gänzlich im Mittelpunkt der Bildungsdebatte.

  • 10. Dezember 2015

    Bildung - Zwischen Humanismus und Ökonomie

    Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste

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Der Trend, die „employability“ als Ziel der Bildung zu betrachten, ohne Beachtung der humboldtschen Tradition, ist besonders in den Forderungen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu erkennen. Sie empehlt die generelle Erhöhung der Akademikerquoten mit dem Hinweis, dass die Arbeitslosenrate unter Akademikern besonders gering sei. Auch die Wirtschaft sieht in der stärkeren Ausrichtung auf die Arbeitsmarktfähigkeit eine positive Entwicklung und begründet dies u. a. mit der immer weiter steigenden Komplexität der Berufe und der internationalen Konkurrenz. Möchte man Europa aber mit anderen Weltregionen vergleichen, muss man auf die unterschiedlichen Ausgangslagen achten. Indien beispielsweise bendet sich in einer ganz anderen wirtschaftlichen und sozialen Lage als Deutschland oder Frankreich. Denn während die meisten europäischen Länder damit zu kämpfen haben, dass Akademiker keinen Beruf ausüben können, der ihrem Bildungsstand entspricht, versuchen Länder wie Indien ihren sehr niedrigen Anteil an Akademikern zu erhöhen. Bildungsziele müssen demnach zwar unter Berücksichtigung des internationalen Vergleichs aber auch der speziellen Bedürfnisse von Gesellschaften formuliert werden.

Generell ist jedoch auch zu fragen, ob die Konzentration auf die Bedürfnisse von Unternehmen förderlich für die gesellschaftliche Entwicklung ist. Ist Bildung tatsächlich mit Berufsfähigkeit gleichzusetzen? Welche Rolle spielen Globalisierung und internationale Vernetzung für diese Fragen? Welche Vorund welche Nachteile hat das derzeitige Bildungssystem und wie könnte es optimiert werden?

Es diskutieren:

Prof. Dr. Andreas Gestrich
Deutsches Historisches Institut London, Max Weber Stiftung

Prof. Dr. Justus Haucap
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie (DICE), Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth
Universität zu Köln

Moderation: Andrea Lueg
Deutschlandfunk/WDR 5

Linkdossiers und Eingangsstatements der Podiumsmitglieder finden Sie auf
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