Das Hartmann von Aue-Portal. Eine Internet-Plattform als Forschungsinstrument


Nachdem der Computer immer mehr zu einem Werkzeug und zugleich einem Medium geworden war,(#1) begannen wir 1994 zusammen mit WINFRIED LENDERS (Bonn) Pläne für ein komplexes elektronisches Instrument der Hartmann-Forschung zu entwickeln und die Textdaten für das neue Medium vorzubereiten. Zunächst konzentrierten wir uns auf die Entwicklung einer Arbeitsfassung des Portals als Offline-Version, da die CD damals noch als die geeignetere digitale Publikationsform erschien. Unsere internationale Zusammenarbeit wurde unterstützt durch die Alexander von Humboldt-Stiftung im Rahmen ihres Transcoop-Programms; die Kooperationsergebnisse wurden 1997 unter dem Titel 'Hartmann 2000' der internationalen Fachöffentlichkeit vorgestellt(#2) und von ihr mit breiter Zustimmung aufgenommen. Angesichts des raschen Siegeszugs des Internets haben wir uns bald danach entschlossen, die Daten für eine Online-Version aufzubereiten und mit einer erweiterten Materialbasis eine internetbasierte Forschungsplattform aufzubauen.

Die Aufbereitung der Daten erfolgte unter Anwendung der modernen Datenbanktechnologien und des durch das World Wide Web-Consortium (w3c) empfohlenen Datenauszeichnungsstandards XML (eXtensible Markup Language). Das Konzept des Hartmann von Aue-Portals strebt den Aufbau einer Plattform an, die als Ausgangspunkt und Grundlage für jede philologische Beschäftigung mit den Werken Hartmanns dienen kann.(#3) Im Zentrum des Konzepts stehen daher der Text und seine Überlieferung sowie die grundlegenden Werkzeuge ihrer Erschließung.

Die im Netz zur Verfügung gestellten Ressourcen für jedes einzelne Werk Hartmanns sollten zunächst aus hochauflösenden Farbfaksimiles der Handschriften und Fragmente(#4) und deren diplomatischen Transkriptionen bestehen, d.h. den Grundlagen für die Erstellung eines kritischen Textes. Der kritische Text sollte dem Benutzer des Portals immer in der letzten maßgebenden Edition in Buchform vorliegen, denn er bildet in der jeweils aktuellen Form den zentralen Bezugspunkt des Portals.

Der publizierte kritische Text ist auch die Grundlage für die Lemmatisierung, bei der vom Philologen jeder Wortform des Textes eine grammatische Angabe und eine Kontextübersetzung ins Deutsche und Englische zugeordnet wird. In besonderen Fällen werden die grammatischen Angaben oder Kontextübersetzungen durch 'Fußnoten' erläutert. Der auf diese Weise lemmatisierte Text bildet den Input für die automatische Generierung von KLIC-Konkordanzen (Key Lemma In Kontext), Reimindices, rückläufigen Indices und Namenregister. Aus den Kontextübersetzungen wird ein Kontextwörterbuch generiert, das die Rohform eines Textwörterbuchs repräsentiert.

Für das Portal sollen die Möglichkeiten der Verlinkungstechnik extensiv genutzt werden, damit der Benutzer alles, was er sucht, so rasch und so leicht wie möglich finden kann. Wir experimentieren noch mit verschiedenen Verfahren und Schnittstellen, um einem möglichst großen Benutzerkreis, der vom interessierten Laien und Studienanfänger bis zum Hartmann-Spezialisten reicht, die Materialien in optimaler Form zugänglich zu machen. Die datentechnologischen Arbeiten sind weitgehend abgeschlossen, die philologischen Arbeiten jedoch nur etwa zur Hälfte.

Das Konzept wurde entwickelt anhand der Materialien zum 'Armen Heinrich', weil dieser kleine und überschaubare Text im akademischen Unterricht besonders häufig benutzt wird und daher Rückmeldungen seitens der Benutzer am ehesten zu erwarten sind. Die Arbeiten zum 'Erec' und den Liedern sind weitgehend abgeschlossen, die Materialien werden in nächster Zeit im Portal zur Verfügung gestellt werden. Das Portal ist unter URL http://www.fgcu.edu/rboggs/Hartmann/HvAMain/HvAHome.htm und http://www.HVA.uni-trier.de zugänglich.(#5) Zu einer ausführlichen Benutzereinführung gelangt man vom Eröffnungsbildschirm durch Anklicken des Buttons 'The Execution' unter der Rubrik 'Introduction'.

Prof. Dr. Roy A Boggs, Florida Gulf Coast University, Fort Myers, FL 33965-6565
E-Mail: rboggs@fgcu.edu
Prof. Dr. Kurt Gärtner, FB II der Universität Trier, Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren, D-54286 Trier
E-Mail: gaertner@uni-trier.de

1 Vgl. K. GÄRTNER, Die EDV als Werkzeug und Medium der Edition, in: Zur Überlieferung, Kritik und Edition alter und neuerer Texte. Beiträge des Colloquiums zum 85. Geburtstag von Werner Schröder am 12. und 13.Ý März 1999 in Mainz, hg. von K. GÄRTNER und H.-H. KRUMMACHER (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse Jg. 2000, Nr. 2), Stuttgart 2000, S. 273-288.
2 R. A. BOGGS, K. GÄRTNER und W. LENDERS, 'Der Arme Heinrich' in Multimedia Format. Transitions to the Next 100 Years, in: Maschinelle Verarbeitung altdeutscher Texte V. Beiträge zum Fünften Internationales Symposion Würzburg 4.-6. März 1997, hg. von ST. MOSER, P. STAHL, W. WEGSTEIN und N. R. WOLF, Tübingen 2001, S. 211-229.
3 Vgl. R. BOGGS, Old and New Beads: A New Philology from an Information Systems Perspective, in: Magister et amicus. Festschrift für Kurt Gärtner, hg. von V. BOK und F. SHAW, Wien 2003, S. 265-268, und ders.: ad fontes - Hartmann von Aue: A Knowldge Base for Philology, in: Computerlinguistik. Was geht, was kommt? Festschrift für Winfried Lenders, hg. von G. WILLÉE, B. SCHRÖDER und H.-CHR. SCHMITZ, Sankt Augustin 2003, S. 22-25.
4 Die Bibliotheken haben in der Regel das Projekt durch die Bereitstellung von Aufnahmen und die Publikationserlaubnis unterstützt; besonders zu danken haben wir den großen öffentlichen Bibliotheken in Berlin, Heidelberg, München, Stuttgart und Wien.
5 Für die Förderung des Portal-Projekts haben wir den bereits genannten Institutionen und Bibliotheken zu danken sowie Studierenden, Mitarbeitern und Kollegen von der Florida Gulf Coast University und den Universitäten Bonn, Trier und Würzburg.  -- Zum stand des Projekts vgl. auch  den zuletzt erschienenen Beitrag : Das Hartmann von Aue-Portal.  Eine Internetplattform als Forschungsinstrument. In: Zeitschrift für deutsches Altertum  und deutsche Literatur 134 (2005) 134-137; auch im Internet unter:
http://web.uni-marburg.de/hosting/zfda/maphil023_gaertner.html