Die Konzilsakten: Ein Monumentalwerk der Altertumswissenschaften

Die Bayerische Akademie stellte Eduard Schwartz (1858-1940)

Von Ernst Vogt und Martin Hose

MÜNCHEN. Mit dem Namen von Eduard Schwartz verbindet sich eine der größten philologischen Leistungen des 20. Jahrhunderts: die Edition der Akten der ökumenischen Konzilien von Ephesos (413), Chalkedon (451) und Konstantinopel (553). Dieses ambitionierte Projekt sah vor, die Akten aller ökumenischen Synoden bis zum 9. Jahrhundert herauszugeben, kam aber nach Schwartz‘ Tod 1940 weitgehend zum Stillstand. Die Bayerische Akademie der Wissenschaften setzte 1968 eine Kommission ein, um die Protokolle und Dokumente der verbleibenden Konzilien, deren Glaubensentscheidungen von der westlichen wie auch der östlichen Kirche als verbindlich anerkannt wurden, in wissenschaftlich zuverlässigen Ausgaben zugänglich zu machen. Aus Anlass des 150. Geburtstages von Eduard Schwartz stellte die Akademie das Editionsprojekt der Öffentlichkeit vor.

Am 2. Weihnachtstag des Jahres 1918, wenige Wochen nach dem Ende des für Deutschland verlorenen 1. Weltkrieges, schrieb Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der führende Klassische Philologe seiner Zeit, an den 60-jährigen Eduard Schwartz, der kurz zuvor seinen Straßburger Lehrstuhl verloren hatte und von dessen drei Söhnen zwei Opfer des Krieges geworden waren: „Hochverehrter lieber Herr College, Ihr Brief erschütterte mich so, daß ich gar nicht zu antworten vermochte. Ich sehe in Ihnen den, der die Leiden dieses Ragnarök [des altnordischen Götterschicksals] in vorbildlicher Schwere tragen muß. Aber ich sehe auch den, der sie in der ungebrochenen wissenschaftlichen Arbeit überwinden wird. Ihre Concilien sind ... von Göttingen übernommen; von 1927 stehen die Mittel der Lagardestiftung zur Verfügung: darauf kann man schon vorher Schulden machen. ... Wo ihr eignes Lebensschiff wieder vor Anker geht, ist noch unsicher, aber seien Sie sicher: man vergißt Sie nicht, selbst jetzt nicht. ... Und nun drücke ich Ihnen nur warm und treu die Hand: leben Sie, schaffen Sie: wir können Sie nicht entbehren.“

Unfreiwilliger Umzug nach Göttingen

Schwartz, den Wilamowitz mit diesem Brief zu ermutigen suchte, gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der Klassischen Philologie seiner Zeit. In Kiel 1858 in eine holsteinische Pastoren- und Akademikerfamilie geboren, wuchs er in Göttingen auf, wo er das Studium der Sprachwissenschaft und Klassischen Philologie begann, um es in Bonn bei Usener und Bücheler, in Berlin bei Mommsen und in Greifswald bei Wilamowitz fortzusetzen. Bonn war der Ort von Promotion (1880) und Habilitation (1884). In rascher Folge erreichten Schwartz Rufe: 1887 nach Rostock, 1893 nach Gießen, 1897 nach Straßburg und 1902 nach Göttingen. Freilich folgte er dem Ruf nach Göttingen nicht ganz freiwillig, sondern fügte sich damit Plänen von Wilamowitz.

Schwartz fühlte sich ungeachtet der familiären Verbindungen nicht wohl in Göttingen: 1909 nahm er einen Ruf nach Freiburg an, um dem Elsass wieder näher zu sein. 1913 kehrte er auf den Straßburger Lehrstuhl zurück. Während des 1. Weltkriegs engagierte er sich als Rektor der Universität für die reichsdeutsche Sache - mit der Folge, dass er im November 1918 von den Franzosen vertrieben, seine Habe einschließlich seines wissenschaftlichen Apparats zurückgehalten wurde. 1919 konnte Schwartz die durch den Tod von Otto Crusius vakante Professur in München übernehmen. Der Bayerischen Akademie gehörte er sei dem gleichen Jahre an. Ihr Präsident war er von 1927 bis 1930. Seine zweite Wahl zum Präsidenten ignorierte 1936 der Reichswissenschaftsminister Rust und ernannte stattdessen einen durch nationalsozialistische Gesinnung 'ausgewiesenen' Kandidaten. Schwartz starb 1940 in München.

Die Antike umfassend verstehen

Sein wissenschaftliches Werk ist imposant; das Schriftenverzeichnis weist mehr als 380 Titel auf; Schwartz gehörte zu den größten analytischen Begabungen seiner Generation, er war ein ebenso scharfsinniger wie konsequenter Leser und Interpret der antiken Literatur. Eben diese besondere Fähigkeit des Eindringens in die Texte ist jedoch ambivalent. So grandios Schwartz als Analytiker von Historiographie war (seine zupackenden Behandlungen der Geschichtswerke eines Appian oder Cassius Dio beeindrucken noch heute, nach 100 Jahren, jeden, der sich mit diesen Autoren ernsthaft befasst), so verfehlt erscheinen aus heutiger Sicht seine 'Schichtenanalysen' etwa der homerischen Epen.

Diese Begabung ist auch die wesentliche Grundlage für den Bereich seines Werkes, der weiterhin festen Bestand in der Wissenschaft hat, die Editionen. Bahnbrechend war seine Ausgabe der Euripides-Scholien (1887/ 1891). Schwartz' weitere Editionsarbeit steht in Zusammenhang mit einem Fachverständnis, das ihm eine Sonderstellung in der Philologie seiner Zeit zuweist: Für ihn erschöpfte sich die antike Literatur nicht in einer klassizistischen Reduktion auf kanonische Texte, sondern er war in der Lage, Antike umfassend zu verstehen: unter Einschluss des Christentums.

Diese Auffassung des Fachs war zu seiner Zeit ungewöhnlich, da sich die Klassische Philologie seit ihrer Etablierung als eigenständiger Disziplin von der Theologie und zumal Patristik abgrenzte: Christiana non leguntur - anders Schwartz, der bereits 1888 eine Edition des Apologeten Tatian vorlegte. Infolge dieser Interessen wäre Schwartz prädestiniert gewesen, sich in ein Großprojekt der deutschen Geisteswissenschaft einzubringen, das Berliner Akademie-Unternehmen der Herausgabe der Griechischen Christlichen Schriftsteller. Doch dies geschah nicht; zwar gab Schwartz für dieses Corpus die Kirchengeschichte des Euseb heraus (1903ff.), doch erwies sich, dass die Chemie zwischen Harnack, dem Kopf dieses Unternehmens, und Schwartz nicht stimmte. Schwartz blieb dem Großprojekt darauf fern, begann aber ein Vorhaben, das kaum weniger ambitioniert war als das Berliner Corpus.

Schwartz ließ 25 Bände der Konzilsakten erscheinen

Auf sein Betreiben beschloss die Wissenschaftliche Gesellschaft in Straßburg 1909, die Akten der ökumenischen Konzile und Synoden bis zu derjenigen des Jahres 879/80 kritisch herauszugeben. Die Texte dieser Akten sind wichtige Zeugnisse der griechischen und lateinischen Sprache und als solche von hoher Bedeutung für den Philologen. Noch größer ist natürlich ihre Bedeutung für Historiker und Theologen, da auf den ersten (acht) Konzilien die Grunddogmen der christlichen Kirche formuliert werden: das Glaubensbekenntnis, die Stellung Marias in der Kirche, die zwei Naturen in der einen Person Christi, der Sinn und die Zulässigkeit der Bilderverehrung.

Möglich geworden war das große Unternehmen durch ein Vermächtnis des Straßburger Verlagsbuchhändlers Trübner. Schwartz ging unverzüglich an die Arbeit. Bereits 1914 konnte der erste Band des monumentalen Werkes erscheinen, der den Herausgeber als Meister der philologischen Methode zeigt, die mit umfassendem historischen Verständnis verbunden ist. Der 1. Weltkrieg verzögerte freilich für Jahre die Arbeit. Die gesammelten Materialien und Vorarbeiten, die im Verlaufe des Krieges mehrfach in Sicherheit gebracht werden mussten, kamen nach dem Verlust des Elsass erst 1919 wieder in den Besitz von Schwartz, der, wie Wilamowitz im zitierten Brief geraten hatte, die Edition fortsetzte, nun in München und unter der Ägide der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Schon 1922/23 konnte ein weiterer Band publiziert werden, jetzt im Verlag de Gruyter, in dem der Verlag Trübner aufgegangen war und bei dem die Edition der Konzilsakten seither erscheint. Von einer Fülle von Einzelstudien vorbereitet, begleitet und ausgewertet ließ Schwartz insgesamt 25 Bände bzw. Faszikel des monumentalen Unternehmens erscheinen, so dass bei seinem Tod am 13. Februar 1940 die Ausgabe der Akten der in das Altertum fallenden Konzilien fast vollständig vorlag – eine für einen einzelnen schier unfassliche Leistung.

„Ob ich’s zu Ende führen kann, steht dahin“

Albert Rehm, Schwartz' engster Kollege, berichtete über seinen letzten Besuch in den Tagen, in denen sich die tödliche Krankheit des 81-jährigen Schwartz bemerkbar machte: „Da wies er auf die Blätter auf seinem Tisch (sie enthielten die Kollationen für den gerade in Angriff genommenen Band) und sagte: ‚Ich hab’s gewagt, das noch anzufangen. Ob ich’s zu Ende führen kann, steht dahin. Aber die Aufgabe ist nicht besonders schwierig. Dieses Schlussstück können auch andere fertig machen.’“

Nach Schwartz' Tod wurden durch Vermittlung von Hans Lietzmann die Arbeitsunterlagen und die Edition der Akten des 5. Ökumenischen Konzils (Konstantinopel 553) dem jungen wissenschaftlichen Hilfsarbeiter in der Kirchenväterkommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften Johannes Straub anvertraut. Kriegsdienst, Gefangenschaft und die Tätigkeit auf althistorischen Lehrstühlen an den Universitäten Erlangen und Bonn bewirkten freilich, dass Straubs Ausgabe erst 1971 erscheinen konnte. Rudolf Schieffer hat dann das bis dahin vorliegende Werk in drei umfangreichen Indexbänden vorbildlich erschlossen.

Der ursprüngliche Plan von Schwartz, die Edition der Konzilsakten bis zum Jahr 879/80 fortzusetzen, geriet jedoch nicht in Vergessenheit. 1968 gründete die Bayerische Akademie auf Vorschlag des Byzantinisten Hans-Georg Beck eine Kommission für die Herausgabe einer 2. Serie der Acta conciliorum oecumenicorum, und Rudolf Riedinger wurde mit der Arbeit betraut. 1984 konnte dieser die Akten der Lateransynode von 649 und in den Jahren 1990, 1992 und 1995 in drei umfangreichen Bänden die Akten des 6. ökumenischen Konzils (Konstantinopel 680/81) vorlegen.

Die Akten des 7. ökumenischen Konzils von 787 in Nicaea liegen nun vor

1990 trat Erich Lamberz die Nachfolge Riedingers an. Er widmete sich der Edition der Akten des 7. ökumenischen Konzils von 787 in Nicaea, die das umfangreichste und bedeutendste Dokument zum byzantinischen Bilderstreit darstellen. Die Akten seiner ersten drei Sitzungen liegen nun in kritischer Edition mit reichen Beigaben vor: Dem griechischen Text ist die knapp einhundert Jahre nach dem Konzil abgefasste lateinische Übersetzung der Akten gegenübergestellt, die für die weitere Rezeption der Akten im lateinischen Westen von größter Bedeutung ist. Den griechischen wie den lateinischen Texten sind jeweils vier Apparate beigegeben, in denen die Textzeugen, die für das Textverständnis ausschlaggebenden Varianten der Überlieferung, die Quellen und die die Rezeption der Akten spiegelnden Testimonia aus anderweitiger Überlieferung vermerkt sind.

Zwei weitere Bände mit der Edition der folgenden Sitzungen des 2. Nicaenums sollen im Abstand von jeweils etwa zwei bis drei Jahren folgen. Zudem ist zu hoffen, dass in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem neuen Münchener Zentrum für Editionswissenschaft auch die Akten der Konzilien von 869/70 und 879/80, dem Plan von Schwartz entsprechend, noch in das Werk eingeschlossen werden können.

Die Autoren, Prof. Dr. Ernst Vogt (em. ord. Prof. für Klassische Philologie an der LMU München) und Prof. Dr. Martin Hose (ord. Prof. für Klassische Philologie an der LMU München), sind ordentliche Mitglieder der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Prof. Ernst Vogt ist Vorsitzender der Kommission für die Herausgabe einer 2. Serie der Acta conciliorum oecumenicorum; Prof. Martin Hose agiert als sein Stellvertreter.

Bibliographische Angaben zum neuen Band der Konzilsakten:
Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Acta conciliorum oecumenicorum. Series Secunda, Vol III: Concilium Nicaenum Secundum, Pars 1: Concilii Actiones I-III, hrsg. von Erich Lamberz. Berlin, New York: de Gruyter, 2008. ISBN 978-3110190021, Preis: 198,00 Euro.

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