Von Kelten, Slawen und Germanen

Enzyklopädisches Großprojekt der Göttinger Akademie abgeschlossen

GÖTTINGEN. Nach jahrzehntelanger Arbeit ist ein gewaltiges Forschungsprojekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, das „Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“, abgeschlossen worden. Das Lexikon wurde mit Mitteln aus dem Akademienprogramm gefördert und ist mit 35 Bänden ein unentbehrliches Hilfsmittel für Archäologen, Historiker, Philologen und viele andere. Es richtet sich als enzyklopädisch angelegte Zusammenschau modernster interdisziplinärer und internationaler Altertumsforschung an Fachwissenschaftler, ist aber auch für Laien gewinnbringend.

Mit dem Forschungsprojekt ist ein Unternehmen des Anglisten und Naturwissenschaftlers Johannes Hoops aufgegriffen worden, der in den Jahren von 1911 bis 1919 eine erste Auflage des Reallexikons der Germanischen Altertumskunde in vier Bänden vorlegte. Es war von Beginn an ein vielbeachtetes Standardwerk, das zwei Forschungsgenerationen als Nachschlagwerk diente. Anfang der 1960er Jahre erkannte die Göttinger Akademie den Wert des Werkes und unterstützte die Planung für eine deutlich erweiterte Neuauflage. Im Laufe der Jahre haben neben den Herausgebern bis zu 40 Fachberater und 1443 Autorinnen und Autoren aus 27 Ländern an dem Lexikon gearbeitet. Die Bände sind im Durchschnitt 620 Seiten stark und bieten insgesamt 5124 Artikel mit 3376 Abbildungen und 952 Tafeln. Der Verlag Walter de Gruyter, Berlin und New York, hat den Druck des Werkes von1973 bis 2008 übernommen.

Blick verschiedenster Fachrichtungen auf das frühe Europa

Interdisziplinär fasst die Enzyklopädie die Forschungsergebnisse einer Reihe von Wissenschaften zusammen, um ein möglichst lebensnahes Bild des germanischen Altertums entstehen zu lassen: Zu den bereits von Hoops geschickt verknüpften Fächern Archäologie, Geschichtswissenschaft und Philologie kommen weitere benachbarte Disziplinen hinzu, einschließlich der Naturwissenschaften, die nicht nur zu präzisen Datierungen verhelfen, sondern wesentliche Beiträge zur Kulturgeschichte bieten, wie beispielsweise Archäobiologie und Archäozoologie, Klimatologie oder Anthropologie.

Die in dem Werk berücksichtigte Zeitspanne reicht auf dem Kontinent von der Jungsteinzeit über die Bronzezeit bis zur Karolingerzeit und im Norden und Osten sowie in England bis zum Ende der Wikingerzeit. Außer Germanen und Römern werden die benachbarten Völkerschaften und Kulturen – wie die Kelten und die Slawen – behandelt, ebenso die gegenseitige kulturelle Beeinflussung von Germanen und Römern. Umfassend werden die Lebensverhältnisse vergangener Zeiten, technische und kulturelle Leistungen, gesellschaftliche und politische Organisationsformen sowie kultische und religiöse Bräuche beschrieben und in einen überregionalen Zusammenhang gestellt. Das Werk könnte daher auch „Lexikon der Altertumswissenschaften Mittel- und Nordeuropas“ heißen oder „Lexikon zur Frühgeschichte Europas“.

Das Reallexikon der Germanischen Altertumskunde ist in eine Reihe zu stellen mit dem Neuen Pauly, Enzyklopädie der Antike, erschienen von 1996 bis 2003, und dem Lexikon des Mittelalters, erschienen 1980 bis 1998. Es deckt thematisch Raum und Zeit zwischen diesen beiden Enzyklopädien ab.

Lexikon wurde durch Ergänzungsbände komplettiert

Für die Archäologie war Prof. Dr. Heiko Steuer (Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters, Universität Freiburg) der zuständige Herausgeber, für die Philologie Prof. Dr. Heinrich Beck (Universität Bonn) und für die Geschichtswissenschaft Prof. Dr. Dieter Geuenich (Universität Duisburg-Essen). Die Redaktion lag in den Händen von Prof. Dr. Rosemarie Müller in der Arbeitsstelle bei der Göttinger Akademie.

Für zahlreiche Themen, die im Lexikon nicht ausreichend behandelt werden konnten, wurde eine eigene Reihe gegründet, die „Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“. So sind seit 1986 mehr als 60 Bände erschienen, ebenfalls im Verlag Walter de Gruyter. Lange Jahre, von 1971 bis 1991, wurde die Arbeit am Lexikon durch die Akademiekommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas geführt, und die Texte vor allem zu seinerzeit noch nicht aufgearbeiteten Stichwörtern wurden durch spezielle Symposien vorbereitet, von Themen wie „Wort und Begriff ,Bauer’ “, „Dorf der Eisenzeit“ über „Handwerk“ oder „Handel und Verkehr“ bis zu „Haus und Hof in vor- und frühgeschichtlicher Zeit“. Die Ergebnisse dieser Tagungen wurden in 17 Bänden als Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen vorgelegt. (alo.)

Kontakt:

Adrienne Lochte
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
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