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MARBURG. Maschinen sollen das Leben einfacher und effizienter machen – doch sobald man mit seinem Navigationsgerät kommunizieren will, sich von der Bahn eine telefonische Fahrplanauskunft erhofft oder mit einem modernen Diktiersystem Zeit sparen möchte, fangen die Probleme an: Die regionale Färbung unserer Umgangssprache kommt uns in die Quere, die Maschine versteht nur die Hälfte. Abhilfe könnte unter anderem eine genaue Analyse der derzeit gesprochenen Regiolekte bieten. Ein Gespräch mit dem Projektleiter von „Regionalsprache.de (REDE)“, Prof. Dr. Jürgen Erich Schmidt.

Was macht die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine so schwierig?

Prof. Schmidt: Es ist ein Fakt, dass fast jeder bestimmte Anteile der Regionalsprachen verwendet – sei es nun Sprachmelodie, Aussprache, Lexik oder Grammatik. Eine solche regionale Prägung der Sprechsprache ist praktisch nicht vermeidbar, schließlich werden die meisten Menschen auch heute noch in einem bestimmten Sprachraum mit seinen regionalen Merkmalen sozialisiert. Die Frage ist nur, wie stark man vom Hochdeutschen abweicht. Während bei manchen Menschen die regionalen Merkmale nur von Experten wahrgenommen werden, haben andere – man denke an Schwaben, Bayern oder Sachsen – eine sehr deutliche regionale Prägung. Das bereitet der maschinellen Spracherkennung natürlich Probleme. Aufgrund der Daten, die wir in den kommenden Jahren sammeln und auswerten wollen, könnte es an diesen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine zu deutlichen Verbesserungen kommen. Wir werden solche Systeme zwar nicht selbst entwickeln, aber wir können die Nutzung unserer Ergebnisse anbieten, die die Regionalität für eine Maschine besser beherrschbar machen. Im Moment ist es für solche Kooperationen noch zu früh – wir haben gerade erst mit der Erhebung begonnen.

Sie untersuchen die Regionalsprachen des Deutschen und unterscheiden zwischen Dialekten und Regiolekten. Was hat es damit auf sich?

Unter „Dialekt“ verstehen wir die traditionellen, auf den Ort beschränkten und stark vom Hochdeutschen abweichenden Sprechweisen. Auf der Basis dieser Lokaldialekte ist in den Regionen des Deutschen seit dem 19. Jahrhundert jeweils ein landschaftliches Hochdeutsch entstanden. Ursache war der Versuch, die Schriftsprache auszusprechen. Dieser Versuch konnte – vor der Existenz einer einheitlichen Aussprachenorm – aber nur zu regional geprägten Ausspracheweisen führen. Aus diesem landschaftlichen Hochdeutsch sind unsere heutigen Regiolekte entstanden. Sie haben regionale Prägung, sind aber großräumiger als die alten Lokaldialekte. Die so entstandenen modernen Regionalsprachen haben deshalb auch eine ähnliche Ausdehnung wie die großen, alten Dialektverbände wie das Obersächsische, das Mittelbairische oder das Ostfränkische. Aber nach dem Gesagten ist klar, dass beispielsweise die sächsische Umgangssprache (Regiolekt) nicht mit den alten sächsischen Ortsdialekten (Dialekt) gleichgesetzt werden darf. Beide zusammen bilden eine moderne sächsische Regionalsprache.

Wir unterscheiden heute in Deutschland rund 15 Regionalsprachen, die jeweils mindestens aus zwei Varietäten bestehen: Dialekt und Regiolekt. Somit gibt es auch zumindest zwei Sprechergruppen: Die eine Gruppe – es ist inzwischen die kleinere – beherrscht noch den alten Dialekt. In manchen Regionen wird dieser nur mit den Menschen am Ort bzw. den Menschen, mit denen man zusammen aufgewachsen ist, gesprochen und verändert sich kaum. In anderen Regionen, etwa in der Schweiz oder im süddeutschen Raum, ist der Dialekt noch überregionales Kommunikationsmittel. Und dann gibt es eine zweite, sehr große Sprechergruppe: Diese beherrscht keinen Dialekt mehr, sondern ist schon im Regiolekt aufgewachsen. Und dazu kommt natürlich die Kenntnis des Hochdeutschen, das von den Menschen entweder schon frühkindlich oder aber später durch Medien und Schule erworben wird.

Wissen Sie bereits, wie sich diese Sprechergruppen in Deutschland verteilen?

Klar ist, dass es ein deutliches Süd-Nord-Gefälle gibt, aber die genaue Verteilung festzustellen ist eine der Aufgaben unseres Projektes. Viele sprachdemoskopische Untersuchungen krankten bisher daran, dass jeder etwas anderes unter „Dialekt“ versteht. Befragt man die Menschen zu ihrer Dialektkenntnis, so stellt sich jeder etwas anderes darunter vor und die Ergebnisse sind daher sehr fragwürdig. Unsere Herangehensweise ist hingegen objektiv: Wir stellen an 150 Orten mithilfe von Sprachaufnahmen fest, was die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in verschiedenen realen Situationen tatsächlich sprechen. Das Team fährt also durch die Lande und erhebt mittels eines Rasters von fünf Situationen die Daten für verschiedene Sprechergruppen. Am Ende – das zeigen die ersten Ergebnisse schon – werden wir wissen, wer welche Sprachformen beherrscht und in welchen Situationen er bzw. sie diese verwendet.

Der zweite große Teil ist die Integration aller historischer Daten (Tonaufnahmen, Sprachkarten, Forschungsliteratur und anderes mehr) zu den Regionalsprachen des Deutschen seit 1880. Da gibt es einen immensen Datenschatz. Wir haben im Vorgängerprojekt, dem „Digitalen Wenker-Atlas (DiWA)“, zeigen können, dass man auf der Basis der einmalig dichten Erhebung des Deutschen von 1880 und sämtlicher Nacherhebungen im Laufe der Zeit den tatsächlichen Sprachwandel der gesprochenen Sprache in einer Exaktheit nachzeichnen kann, die einmalig in der Welt ist. Damit kann man Erkenntnisse über die Prinzipien und Wege des Sprachwandels erhalten, mit denen man vor einigen Jahren nicht rechnen konnte.

Wirkt denn die jeweilige Regionalsprache auch identitätsstiftend?

Natürlich, die Regionalsprachen spielen eine ganz große Rolle für unsere Identität. Das sind schließlich die Kommunikationssysteme, die wir bereits als Kinder kennen gelernt haben. An den vertrauten regionalsprachlichen Formen erkennen wir Menschen, die einen ähnlichen regionalen Sozialisationshintergrund haben. Ich denke, dass diese Form der Identitätsmarkierung gerade unter den Bedingungen der Globalisierung und der transnationalen Kommunikation immer wichtiger wird.

Andererseits grüßt auch ein zugereister Wahlhamburger irgendwann mit „Moin, Moin“.

Das ist ein interessanter Punkt. Zunächst einmal ist das Beispiel bezeichnend dafür, wie wenig viele durchschauen, was sie verwenden. „Moin“ heißt ursprünglich „schön“ und ist eine Abkürzung von „Einen schönen Tag!“. Man sagt dort also statt „Schönen Tag!“ „Schön!“ oder „Schön, schön!“. Genauso wie andere die Grußformel mit „Tag!“ oder „Tach!“ abkürzen. Es ist also keinesfalls so, dass man am Nachmittag noch mit „Morgen!“ grüßt, wie es die zugereisten Hobbylinguisten vermuten. Das ist historisch falsch.

Das Beispiel zeigt außerdem, was in Regionen geschieht, in denen die echten Dialekte und Regionalsprachen weitgehend aufgegeben wurden: Wir gehen dann dazu über, einige wenige regionale Merkmale zu kultivieren und machen sie zu Symbolen informellen Sprechens. Da fließt dann ein „icke“ ein oder woanders ein „dat“ oder „moin“, wenn es familiär zugehen soll. Wobei die echten Sprecher des Regiolekts schnell merken, was los ist. Man kann eine Regionalsprache nicht durch das Aufschnappen so kleiner Einheiten übernehmen. Aber interessant für die identitätsstiftende Funktion der Regionalsprache ist, dass eben dies versucht wird.

Wenn Sie Fremde sprechen hören, können Sie den meisten auf den Kopf zu sagen, woher sie kommen?

Das stimmt vermutlich, wobei sich die Experten für forensische Sprechererkennung noch einmal verschiedene Merkmale genauer ansehen würden – zum Beispiel mit spektrographischen Methoden, die sehr exakte akustische Analysen erlauben. Solche Erkenntnisse werden auch bei polizeilichen Ermittlungen genutzt. Da werden Fragen beantwortet wie: „Wo ist der Erpresser eigentlich aufgewachsen, dessen Stimme wir auf dem Band haben?“ Das hat in vielen Fällen dazu geführt, dass die Identität eines Straftäters erkannt werden konnte oder andere, Unschuldige, als Verdächtige ausgeschlossen wurden.


Spektrographische Methoden kommen nicht nur in der polizeilichen Ermittlungsarbeit zum Einsatz,
sondern auch in der Erforschung der Regionalsprachen

Kam so die Zusammenarbeit Ihres Projektes mit der Polizei zustande?

Ja. Es gibt bereits seit vielen Jahren eine Zusammenarbeit zwischen der Universität Marburg und dem Bundeskriminalamt. Da sind Datenbanken entwickelt worden, die genau für diese forensische Sprechererkennung genutzt werden. Und wir nutzen im Gegenzug nun für „Regionalsprache.de“ unter anderem Aufnahmen von Notrufgesprächen, die für polizeiliche Zwecke aufgezeichnet wurden. Klar ist dabei natürlich, dass wir diese Sprachdaten nur in strikt anonymisierter Form auswerten.

Warum ist das Projekt für Sie als Forscher spannend?

Es bietet die einmalige Chance, ein Grundlagenprojekt zur Entwicklung des gesprochenen Deutschen durchführen zu dürfen. Ein Problem der Wissenschaft ist, dass große Umbrüche oft erst im Nachhinein bewusst werden und man sie dann mühevoll rekonstruieren muss. Wir dagegen haben die Gelegenheit, einen gewaltigen Umbruch unserer Sprache zu dokumentieren und zu erforschen – mit den historischen Daten aus dem 19. Jahrhundert, wo die mündliche Kommunikation zum allergrößten Teil im Dialekt stattfand, bis hin zur heutigen Alltagssprache, die neben dem Hochdeutschen stark vom Regiolekt geprägt ist.

Das Gespräch führte Dr. Annette Schaefgen.


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