Wir können alles. Außer Hochdeutsch
MARBURG. Der Dialekt stirbt, lautet die vorherrschende Ansicht nicht nur linguistischer Laien, sondern auch der Sprachwissenschaft. Er werde immer weiter vom Hochdeutschen verdrängt und schließlich ganz verschwinden. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass es sich hier um eine Fehlprognose handelt: In vielen Regionen stirbt der Dialekt nicht, sondern verändert sich rasant. Zudem spricht kaum ein Deutscher lupenreines Hochdeutsch, sondern vielmehr eine regional gefärbte Annäherung an die Standardsprache. Der Fachterminus hierfür ist Regiolekt. Er verrät durch Aussprache, Sprachmelodie, Lexik und Grammatik die Herkunft eines Menschen, schafft Identität – und unterliegt einem ständigen Wandel. Diese Dynamik untersucht das Projekt Regionalsprache.de (REDE), das 2008 ins Akademienprogramm aufgenommen wurde. Bis 2026 wird nun die Marburger Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, mit jährlich knapp 800.000 Euro gefördert.
Wer zwischen Mainz und Saarbrücken zu Hause ist, der hat sicher Folgendes im Ohr: „Der Kuchen ist köstlich, den hat die Tanja mitgebrung!“ Man stutzt. Lernt nicht jedes Schulkind, dass das Verb bringen gemischt konjugiert wird – also bringen – brachte – gebracht statt schwach bringen – bringte – gebringt oder stark bringen – brachte – gebrungen?

von „bringen“ immer weiter. In weiten Landstrichen wird nun „gebrungen“ verwendet.
Anders in der genannten Region, und nicht nur bei der älteren Generation. Auch und gerade bei den Jungen hört man gebrung. „Im rheinfränkischen Dialekt setzt sich die starke Konjugation von bringen allmählich durch, und kaum einer stört sich daran“, beobachtet Prof. Dr. Jürgen Erich Schmidt, Projektleiter von Regionalsprache.de und Direktor des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas in Marburg. Vor allem jedoch: „Was wie ein hartnäckiges Überbleibsel eines alten Dialekts klingt, ist tatsächlich in seiner Verbreitung ein Phänomen aus neuerer Zeit, ein Beispiel für Dialektdynamik.“ Doch warum breitet sich ausgerechnet die Form gebrung aus, die so deutlich vom Hochdeutschen abweicht?
Lokale Kommunikationsgemeinschaften lösen sich auf und werden zu regionalen
Der Grund liegt einerseits in universalen Sprachgesetzmäßigkeiten, andererseits in den regionalen Kommunikationsgemeinschaften. „Verben werden im Hochdeutschen zumeist stark oder schwach flektiert. Die Form gebracht hingegen muss als Ausnahme von der Regel gelernt werden“, sagt Schmidt. „Alle Kinder in Deutschland verwenden deshalb irgendwann in ihrem Spracherwerbsprozess auch einmal gebrungen oder gebringt, denn dies sind die regulären Formen. Mit vier Jahren machen sie es noch in 50 Prozent der Fälle falsch.“ Normalerweise werde das von den Erwachsenen korrigiert. Anders jedoch in regionalen Kommunikationsgemeinschaften, in der gebrung als sprachliche Alternative existiert. Schmidt: „In einem 20. Jahrhundert mit seinen Flüchtlingsströmen und wachsender Mobilität haben es am Ende immer mehr Kinder mit Erwachsenen zu tun, für die gebrung kein Fehler mehr ist – und damit ist die Bremse aus dem Sprachwandelprozess raus. Eine neue Form setzt sich in einer ganzen Landschaft durch und wird Teil der Regionalsprache.“

kleines Völkchen gegen die gemischte Flexion von „bringen“ wehrte und in
seinen Ortsdialekten „gebrungen“ verwendete. Die Nachbardialekte allerdings
kannten durchaus eine Form, die in ihrem Klang dem standardsprachlichen
„gebracht“ ähnelte.
Für Prof. Dr. Jürgen Erich Schmidt sind solche Sprachbesonderheiten keinesfalls Kleinigkeiten, sondern sie sind exemplarisch, Teile eines Puzzles: Wenn im Jahr 2026 durch das Projekt Regionalsprache.de alle Teile zusammengefügt sind, wird dieses Puzzle zeigen, wie sich die ursprünglich lokalen Kommunikationsgemeinschaften auflösen und zu regionalen werden. Erstmals könne man dann wissenschaftlich gesicherte Aussagen darüber machen, in welchem Ausmaß sich unsere gesprochene Sprache zwischen den beiden Polen Ortsdialekt und Hochsprache tatsächlich verändert und welche Prozesse dabei zum Tragen kommen. „Diese neuen Formen der Regionalität werden das Deutsche im 21. Jahrhundert entscheidend prägen. Dagegen sind die Einflüsse des Englischen, auf die alle starren, eher oberflächlicher Natur“, sagt Schmidt.
Der „Deutsche Sprachatlas“ als Ausgangspunkt
Das Projekt Regionalsprache.de hat zwei große Teile: Zum einen sollen alle historischen Daten wie Sprachatlanten, Tonaufnahmen und die Forschungsliteratur zu den Regionalsprachen des Deutschen seit 1880 aufbereitet und in eine elektronische Plattform überführt werden. „Wir haben in Deutschland einen einzigartigen Datenschatz, auf dem wir aufbauen können“, sagt Schmidt und bezieht sich dabei auf das Mammutprojekt des Germanisten Georg Wenker, den „Deutschen Sprachatlas“. Zwischen 1877 und 1888 hatte Wenker in mehr als 44.000 Fragebögen aus 40.736 Schulorten des Deutschen Reiches hochsprachliche Sätze in den jeweils gebräuchlichen Dialekt übertragen lassen. Er schuf damit eine einzigartige Datenbasis zu den Ortsdialekten. Und die Sprachkarten, mit deren Hilfe er die Datenmassen in seinem Atlas auswertete, waren zukunftsweisend. Sie bilden nun den Ausgangspunkt: „Wir konnten im Vorgängerprojekt, dem „Digitalen Wenkeratlas (DiWA)“, zeigen, dass man auf dieser Basis und den Nacherhebungen, die ihnen folgten, im Laufe der Zeit den tatsächlichen Sprachwandel der gesprochenen Sprache in einer Exaktheit nachzeichnen kann, die einmalig in der Welt ist“, sagt Schmidt.
Der zweite große Teil des Projekts ist eine Neuerhebung des deutschen Sprachgebrauchs in der Gegenwart. „Wir haben im heutigen Deutschland ein umfangreiches Spektrum von der Standardsprache bis hin zu tiefstem Dialekt. Das ist in den Regionen sehr unterschiedlich – und wird jetzt erstmals an 150 Orten dokumentiert.“ Dazu fährt das Marburger Team durch die Lande und erhebt in einem Raster von fünf Situationen mit verschiedenen Sprechergruppen Daten.

Eine Hauptinformantengruppe sind neben Dialektsprechern vor allem die Polizisten, die Notrufe entgegennehmen: „Die anonymisierten Notrufe sind für uns eine besonders interessante Datenklasse, weil es für die Polizisten sprachlicher Alltag ist, diese am Telefon anzunehmen und zu beantworten“, erklärt Schmidt. „Das heißt, wir ‚belauschen’ einen völlig unverfälschten, für den Polizisten natürlichen Sprachgebrauch in einer konstant gehaltenen, wohldefinierten Situation.“ Anschließend werde bei den gleichen Informanten die standard- und regionalsprachliche Kompetenz getestet: Sie lesen in ihrem besten Standarddeutsch Mustertexte, sprechen die historischen Wenkersätze im Dialekt und übertragen den alten Ortsdialekt ins Hochdeutsche. Am Ende wird dann noch in zwei natürlichen Gesprächssituationen der tatsächliche, alltagssprachliche Sprachgebrauch ausgelotet.
Eine für jedermann zugängliche interaktive Forschungsplattform
Die Ergebnisse beider Projektteile werden in einer interaktiven Forschungsplattform zusammengeführt – mit dynamisch überblendbaren Sprachkarten, die Sprachwandel Schritt für Schritt sichtbar machen, mit Texten und Literaturquellen, mit Tonaufnahmen der alten Ortsdialekte und den aktuellen Materialien zum modernen Sprachgebrauch aus verschiedenen Zeitstufen. Alle Teile sollen unmittelbar aufeinander bezogen und vergleichend analysiert werden können.
Damit werde nicht nur die wissenschaftliche Analyse des Sprachwandels und der Variationsbreite des Deutschen ermöglicht, betont Schmidt. Auch praktische Anwendungen wie industrielle Spracherkennungssysteme in Navigations- oder Diktiergeräten könnten profitieren. „Und die Polizisten haben auch einen Vorteil: Mithilfe unserer Daten kann man sehr genau feststellen, aus welcher Region – oder sogar aus welchem Ort – ein Erpresser oder Geiselnehmer kommt, mit dem man nur telefonischen Kontakt hatte. Die Fahndung nach Straftätern wird also zielgerichteter.“
