Ein Staudamm bedroht die Felsbildgalerien
Die meisten Notizen im Gästebuch der Seidenstraße werden 2016 geflutet. Von ihnen bleiben nur die Publikationen der Heidelberger Forscher. Und ein Zentrum, das sie gemeinsam mit pakistanischen Partnern aufbauen.

CHILAS / GILGIT / HEIDELBERG. Das Land braucht Energie!, hat der pakistanische Präsident Pervez Musharraf im Jahr 2006 beschlossen. 450 Megawatt soll daher der geplante Diamer-Basha-Staudamm westlich von Chilas liefern. Ein ehrgeiziges Projekt: Mit einer Staumauer von 270 Metern soll er höher werden als der chinesische Drei-Schluchten-Damm, für den 115 Quadratkilometer großen Stausee müssen 32 Dörfer im Schatten des Nanga Parbat weichen. Auch 90 Prozent der zentralen Felsbildgalerien im Diamer-Distrikt werden versinken – insgesamt 70 bekannte Stationen mit etwa 32.000 Zeichnungen und Inschriften.

„Wir sind nicht gegen den Staudamm“, betont Prof. Dr. Harald Hauptmann, der Leiter der Heidelberger Forschungsstelle zu den Felsbildern und Inschriften am Karakorum-Highway. „Die Menschen vor Ort sind auf eine sichere Energieversorgung angewiesen und eine durchdachte künstliche Bewässerung wird der Landwirtschaft in der Region nützen.“ Nur etwas mehr Zeit wünscht er sich. Zeit, um wirklich alles zu katalogisieren, was die Jahrtausende von der späten Steinzeit bis heute überdauerte, aber dann für immer verloren sein wird. „Die Kunstwerke werden ja nicht einfach untergehen, sondern im Wasser des Indus auch von Sand und Geröll abgeschliffen“, erklärt er.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Zumindest auf Fotos und Zeichnungen sollen sie daher für kommende Generationen erhalten bleiben. Etwa drei Viertel der betroffenen Felsbilder und Inschriften haben die Forscher bereits analysiert, der Rest soll so schnell wie möglich folgen. Mit Hochdruck kartiert Hauptmanns Team in Zusammenarbeit mit Geodäten aus Karlsruhe außerdem die antiken Wegführungen, die Kontrollstationen und Festungen, die Siedlungsplätze und die Gräberfelder.

Im Moment können sie daran noch weitgehend ungestört arbeiten, bereits im Juli jedoch sollen – trotz noch unsicherer Finanzierung – die ersten Bagger rollen. Der Highway muss für die schweren Baumaschinen verbreitert und teilweise verlegt werden, Sprengungen und Tunnelbohrungen nehmen keine Rücksicht auf die Zeugnisse, die frühe Jäger und Sammler, eindringende Steppenvölker und buddhistische Pilger, sogdische Händler ebenso wie Einheimische bis zur Islamisierung hier hinterließen. Die Infrastruktur für den Damm hat Vorrang. Schließlich soll er nicht nur die tosenden Wassermassen des Oberen Indus effektiv nutzen, sondern auch den mit deutscher Hilfe erbauten Tarbela-Staudamm 315 Kilometer flussabwärts entlasten und damit dessen Lebenszeit erhöhen. Weitere Dämme sollen folgen.

Der Norden Pakistans entwickelt sich

Doch Gefahr droht den Felsbildern auch von anderer Seite: Der Güterverkehr zwischen China und Pakistan hat so stark zugenommen, dass der Highway aus den 70-er Jahren ohnehin kaum noch ausreicht; zusätzlich werden durch die bislang fast unberührte Landschaft Öl- und Gasleitungen verlegt. Die Bevölkerung wächst, immer neue Siedlungen entstehen. „Die brauchen Baumaterial“, erklärt Hauptmann. „Und dabei ist es den Menschen erst einmal egal, ob auf den Steinen, die sie zerschlagen, nun uralte Zeichnungen sind.“ Andere haben Raubgrabungen als Geldquelle entdeckt und verhökern archäologisch wertvolle Funde auf den Märkten. Für die Wissenschaft, aber auch für die Region selbst sind diese Kunstwerke dann ebenfalls verloren.

Um das Bewusstsein für das eigene kulturelle Erbe zu wecken, planen die Wissenschaftler um Harald Hauptmann daher in Zusammenarbeit mit der Aga-Khan-Stiftung in Gilgit ein „Northern Areas Cultural Center“. Eine Bibliothek mit Literatur über die Region soll es dort geben und eine Kopie des Heidelberger Archivs für die Felsbilder, einen Saal für Veranstaltungen und ein kleines Museum. Eine Ausstellung zum Reichtum der Volksgruppen, über die Geschichte der Landschaft bzw. der Bergbesteigungen kann sich Hauptmann dort vorstellen, schließlich ist der Nanga Parbat, der 8125 Meter hohe deutsche Schicksalsberg, Ziel zahlreicher deutscher Expeditionen gewesen. „Das wäre dann auch für die Trekking-Touristen ein Anziehungspunkt“, sagt er. Vor allem aber wollen die Heidelberger dort Repliken der wichtigsten Felsbilder ausstellen: „Leider kann man ja den Stein nicht aus dem Fels herausschneiden, die schönsten und wichtigsten Bilder wären ohnehin nicht transportabel.“

Dreidimensionale Repliken der wichtigsten Gravuren

Mit 3-D-Laserscannern haben sie deshalb bereits im letzten Jahr vier besonders wichtige Gravuren eingelesen und versuchen sie nun mithilfe von Computerfräse und Airbrushtechnik detailgetreu nachzubilden. Um die Farbigkeit genau zu treffen, werden in diesem Jahr noch so genannte Ortho-Fotos angefertigt. Sie sind so berechnet, dass sie Oberflächen-Texturen ohne Unschärfen und Perspektiv-Verzerrungen wiedergeben können, wenn sie auf ein dreidimensionales Objekt projiziert werden. Die 100 wichtigsten Bilder sollen mithilfe der verschiedenen Techniken als 3-D-Aufnahmen verewigt werden, so dass auch andere Museen später Modelle anfertigen könnten. „Das ist nicht billig, aber unsere Versuche sind erfolgversprechend“, meint Hauptmann. Ein entsprechender Förderantrag dafür liege bereits beim Finanzministerium in Pakistan, auch die Weltbank oder die Asienbank, die das Staudamm-Projekt finanzieren, seien mögliche Geldgeber.

„Wir betrachten es als unsere Aufgabe, nicht nur die Kulturgeschichte der Region zu erforschen, sondern auch deren Erhaltung an Ort und Stelle voranzutreiben“, sagt er. Im pakistanischen Kulturministerium und der Karakoram International University in Gilgit sei dieses Anliegen bereits sehr positiv aufgenommen worden. Nicht zuletzt, weil die Region – trotz aller Unruhen in Pakistan – vom Tourismus lebt. Einen Bauplatz für das „Northern Areas Cultural Center“ gibt es bereits, eine Ausschreibung für Architekten steht bevor. Und so hoffen die Heidelberger, dass nicht nur am Karakorum-Highway bald die Bagger rollen, sondern auch auf der Baustelle in Gilgit.




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