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HEIDELBERG. Nicht nur Waren wurden entlang der Seidenstraßen transportiert, auch neue Glaubensrichtungen und weltliche Ideen fanden hier ihren Weg in neue Regionen. Die ersten auf dieser Route waren Jäger. Das Ende der Eiszeit brachte ein wärmeres Klima und so kamen sie bereits im 9. Jahrtausend vor Christus aus den nördlichen Steppen und südlichen Ebenen in die zunehmend bewaldete, wildreiche Hochgebirgsregion. Steinböcke, Blauschafe, Schraubenziegen und ganze Jagdszenen ritzten sie in die Felsen. Sich selbst verewigten die Wildbeuter lediglich, indem sie die Umrisse ihrer Hände und Füße nachzeichneten. Noch mehr als diese uralten Zeugnisse faszinieren Prof. Dr. Harald Hauptmann und sein Team jedoch die 5000 Jahre alten Giganten aus der Bronzezeit, die mit erhobenen Armen über die Berge wachen.
„Mit ihren strahlenförmigen Haarsträhnen muten sie fast wie Astronauten an“, sagt Hauptmann über die rätselhaften Hünen. Sechzig dieser gesichtslosen Gestalten haben die Forscher am Oberen Indus gefunden, im angrenzenden Ladakh nochmals zehn. Niemand weiß bisher genau, was es mit ihnen auf sich hat. Geister könnten es sein oder Dämonen, vielleicht auch Götter. „Eine lokale Legende erzählt von einem riesenhaften Wesen, das unter der Erde lebt. Erhebt es sich, bebt die Erde. Vermutlich reichen solche Mythen bis in das 3. Jahrtausend vor Christus zurück“, erklärt Hauptmann. Diese neue Vorstellungswelt ist vielleicht mit den aus den Steppen- und Bergregionen Kasachstans und Sibiriens eingewanderten Nomaden der Okunev-Kultur verbunden. Dort haben die frühesten Rinderzüchter stilisierte Masken in Stein gehauen Masken, wie sie im Karakorum eine herausragende Gigantenfigur trägt. „Ein weiter Weg vom Altai-Gebirge bis zum Karakorum“, sagt Hauptmann. „Solche Verbindungen aus prähistorischer Zeit sind Neuland für die Forschung. Das macht es für uns so spannend.“
Die Skythen verewigten sich im Wüstenlack
Und die Vorstöße aus den nördlichen Steppen und dem Altai hörten nicht auf: Nachdem im 2. Jahrtausend vor Christus vor allem Ackerbau und Viehzucht in die Gegend kamen und auch die ersten Händler, die das für die Bronze-Legierung unentbehrliche Zinn über die Berge transportierten , gehörte das 1. Jahrtausend vor Christus den Skythen bzw. Saken. Die legendären Reiternomaden, berühmt durch ihren meisterhaften Goldschmuck, importierten den eurasischen Tierstil; vom Oberen Indus bis nach Ladakh und Westtibet sind ihre fein stilisierten Steinböcke, Hirsche und Raubtiere im Wüstenlack der Felsen eingraviert. „Solche Funde sind etwas Besonderes“, erklärt Harald Hauptmann. „Wir wussten zwar aus der antiken Geschichtsschreibung, dass die Skytho-Saken bis nach Nord-Westindien eingebrochen sind, aber Denkmäler ihrer Präsenz in der Hochgebirgsregion waren jedoch kaum bekannt.“ Umso mehr reizte es bereits Karl Jettmar, den Gründer der Heidelberger Forschungsstelle, ihre Spuren am Karakorum-Highway zu verfolgen. „Für ihn war die Entdeckung eines Felsbilds im eurasischen Tierstil der Ausgangspunkt für das ganze Forschungsprojekt“, sagt Hauptmann. „Wir können nun zeigen, dass es auch jenseits des Gebietes zwischen dem Schwarzen Meer und Sibirien großartige Darstellungen der östlichen Skythen gibt.“
Den ersten Forschungsreisenden und britischen Verwaltungsbeamten waren in diesen schwer zugänglichen Bergländern nur einige der unzähligen buddhistischen Felsgravuren und großen Reliefs aufgefallen, die vom Vordringen der Religion nach Norden erzählen. Hingegen waren ihnen die in den weitgehend verschlossenen Stammesgebieten im oberen Industal liegenden Bilder von skythischen Steppennomaden und auch die von Soldaten des persischen Großkönigs im 6. Jahrhundert vor Christus eingravierten stilisierten Pferde, Fabelwesen und Kriegerfiguren, die von der Ostexpansion des Riesenreiches kündeten, unbekannt. „Die buddhistischen Felsbilder sind in der Tat herausragend, weil sie Indologen wie Archäologen so vielfältige Facetten dieser Zeit zeigen“, erklärt Hauptmann. Ab dem 1. Jahrhundert vor Christus setzte sich die neue Religion auch im Industal durch und erreichte zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert ihre höchste Blüte.
Wallfahrer und Händler auf dem Weg durch das Gebirge
Beeindruckende Bilder von Stūpas, also buddhistische Schreine, säumten nun gemeinsam mit plakativen Buddha-Figuren die Felsen, die dargestellten Episoden aus dem Leben Buddhas weisen auf enge Kontakte zur buddhistischen Welt jenseits der Schneeberge von Kaschmir und Gandhāra hin. „Durch die drei Reiche in der oberen Indusregion führte mittlerweile ein Seitenzweig der Seidenstraßen von China über die Oasenstädte Ostturkestans und die Bergpässe nach Indien“, sagt Harald Hauptmann. Kontrollstationen und Forts der lokalen Fürstentümer sicherten die ausgebauten Verkehrswege, entlang der Route wurden aber auch Klöster und andere überregional bedeutsame Heiligtümer errichtet. So gesellten sich zu den Händlern auch Wallfahrer. Weihungsformeln und Personennamen in Kharoşţhī, Brāhmī, Baktrisch, Parthisch, Sodgisch, Mittelpersisch, Chinesisch, Tibetisch und sogar einige hebräische Zeilen künden von der Internationalität der Wanderer.
Den Fernhandel kontrollierten die Sodgier, international denkende Kaufleute aus Samarkand, die den Warenfluss von den Westgrenzen Chinas bis zum Mittelmeer organisierten. „Wir haben sodgische Inschriften am Indus gefunden, die Namen der Händler angeben“, sagt Hauptmann. „Und von einigen wissen wir sehr genau: Der kam aus Samarkand!“ Auch sie hatten nicht nur Seide und andere Kostbarkeiten im Gepäck, sondern vermittelten ebenso neue Ideen aus anderen Teilen der Erde. Bilder iranischer Feueraltäre tauchten neben den buddhistischen Zeichnungen auf, selbst christliche Vorstellungen fanden ihren Weg in das Hochgebirge.
Mit der Streitaxt gegen Buddha
Mit dem weitgehend friedlichen Nebeneinander war es im 9. Jahrhundert vorbei. Abermals drangen indoeuropäische Reitervölker in die Berge vor und sie waren dem Buddhismus nicht gewogen. Regelrechte Schlachtszenen wurden nun in den Wüstenlack getrieben: Streitäxte schwingende Strichmännchen-Krieger reiten auf die Stūpas zu, um ihren Sonnenkult durchzusetzen; sanfte Buddhisten versuchen währenddessen, ihre Heiligtümer zu schützen. „Möglicherweise ging diese religiöse Gegenbewegung auch von den Bewohnern der umliegenden Hochgebirgsregionen aus“, sagt Hauptmann. „Genau wissen wir es nicht. Die Sonnensymbolik deutet auf heidnische Kulte der Region hin, Streitäxte finden sich hier auch später noch in der Volkskunst.“
Es folgte eine dunkle Zeit. Die Schrift verschwand, die buddhistischen Traditionen lebten nur vereinzelt im Norden und einigen Seitentälern des Indus weiter. Die seit dem 16. Jahrhundert einsetzende Islamisierung der entlegenen Hochgebirgsregion bereitete schließlich der Felskunst ein Ende. Heute droht dem Gästebuch der Seidenstraße von anderer Seite Gefahr: Wenn der geplante Diamer-Basha-Staudamm 2016 geflutet wird, werden große Teile der wichtigsten Felsbildregion am Karakorum-Highway für immer untergehen.
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