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Auf den Seitenwegen der Seidenstraße
Jedes Jahr brechen Heidelberger Forscher für zwei Monate nach Pakistan auf. Ihr Ziel: die Felsbildgalerien am Karakorum-Highway


HEIDELBERG. Wenn die Heidelberger Akademieforscher rund um Prof. Dr. Harald Hauptmann derzeit zur Arbeit gehen, müssen sie erst einmal die eiskalten Fluten des Oberen Indus überqueren. Pakistanische Goldwäscher haben ihnen ein Floß gebaut und leiten sie an den tückischen Strudeln vorbei, am Nordufer wartet noch ein kleiner Aufstieg auf sie. Die Mühe lohnt sich: Denn dort, wo Hindukusch, westlicher Himalaya und Karakorum zusammenstoßen, verlaufen seit Jahrtausenden wichtige Verkehrsrouten, die China und Zentralasien mit dem indo-pakistanischen Subkontinent verbinden. Am Rande dieser uralten Wege haben Nomaden und Händler, Krieger und Wallfahrer ihre Spuren hinterlassen. Die Felsbildgalerien, die sie in den Stein ritzten, gehören zu den umfangreichsten, ältesten und vielfältigsten der Welt. Seit den 80-er Jahren sind Heidelberger Wissenschaftler dabei, die 50 000 Zeichnungen und 5000 Inschriften in zehn Schriftsystemen für die Nachwelt zu sichern – seit dem Jahr 2000 wird das Projekt in einer zweiten Förderphase im Akademienprogramm mit jährlich 275.000 Euro finanziert.

Zwei Monate lang gehen Harald Hauptmann und seine Kollegen Jahr für Jahr einen Teil dieser Hochgebirgsrouten im Norden Pakistans systematisch ab. Sie orten neue Felsbildstationen, klettern zu den Terrassen in den Hängen und inventarisieren die Jagdszenen, Götter, Giganten und persischen Rösser, die Buddhas und die Graffiti der durchreisenden Händler. Während Geodäten der Universität Karlsruhe (TH) mittels GPS die genaue Lage dieser einzigartigen Quellen kartieren, machen die Heidelberger Fotos der Felsen, beschreiben die Szenen, ordnen sie inhaltlich ein und kopieren besonders komplizierte Zeichnungen auf Folien. Auch archäologische Überreste interessieren sie, sofern man sie ohne zusätzliche Ausgrabungen erkennen kann.

Kulturgeschichte einer seit jeher strategisch wichtigen Region

Nach und nach bearbeiten die Forscher so in einer deutsch-pakistanischen Kooperation ein Gebiet, das fast doppelt so groß ist wie die Schweiz – und sammeln Puzzleteile für die Monographienserie, die das Team um Harald Hauptmann zusammen mit Fachgelehrten aus Deutschland, England, Frankreich und Pakistan veröffentlicht. Die Publikationen sollen die Felsbilder in die Bibliotheken der Welt holen und dabei helfen, die Kulturgeschichte dieser seit jeher strategisch wichtigen Region zwischen den Großmächten zu erhellen. Viele der 751 Highway-Kilometer liegen bereits hinter den Wissenschaftlern, etwa 35 000 Bilder und 3000 Inschriften der unterschiedlichsten Volksgruppen haben sie dokumentiert. Die Zeit drängt. 2016 sollen die zentralen Felsbildregionen durch einen riesigen Stausee überflutet werden.

Dabei entdecken sie noch immer überraschende Einträge in diesem steinernen Gästebuch der Seidenstraße, die ihnen Ansätze für weitere Forschungen liefern. „Im Grunde muss man nur die Augen offen halten“, sagt Hauptmann und fügt hinzu: „Entlang des Highways haben wir es ja relativ leicht, schließlich steigen wir nicht auf die Achttausender wie den Nanga Parbat.“ Die alten, einstmals beschwerlichen Handelswege führten meist durch die Täler; der Karakorum-Highway, den die pakistanische Armee und chinesische Arbeiter in den siebziger Jahren in die Schluchten sprengte, folgt diesen Pfaden ziemlich genau.

Mit einer Hindukusch-Expedition kam der Deutsche Karl Jettmar

Der Straßenbau zerstörte bereits einige Bildstationen, machte jedoch gleichzeitig ihre systematische Erforschung möglich. Zwar berichtete bereits 1905 der Chefsekretär des britischen Büros in Gilgit, Ghulam Muhammed, von den Bildern, und auch der Forschungsreisende Marc Aurel Stein hatte 1941 auf sie hingewiesen. Doch erst Karl Jettmar, der 1955 als Teilnehmer einer deutschen Hindukusch-Expedition das Gebiet und seine Menschen kennen lernte, schaffte es 1980 zusammen mit dem pakistanischen Gelehrten Ahmad Hasan Dani, ein deutsch-pakistanisches Forschungsprojekt zu den teilweise über 10.000 Jahre alten Bildern ins Leben zu rufen. Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften übernahm die Forschungsstelle vier Jahre später.

Auch wenn die Straße den Freiluft-Arbeitsplatz etwas weniger abenteuerlich gemacht hat – die Bedingungen sind immer noch extrem: Die Völker Asiens zogen über bis zu 4000 Meter hohe Pässe, manche Felsbildstation liegt im militärischen Sperrgebiet der Waffenstillstandszone zu Indien, und zum Nordufer des Indus führt kaum eine Brücke. Hier, zwischen den Ortschaften Chilas und Gilgit, arbeiten die Mitarbeiter der Heidelberger Forschungsstelle im Moment. In den sonnenverbrannten Schluchten wird es selbst im Schatten bis zu 50 Grad Celsius heiß.

Die Mittagshitze schafft den Wüstenlack

So heiß, dass sich auf den Steinen Wüstenlack bildet. Verdunstendes Flusswasser und Tau sickert in alle Ritzen und löst dort Mangan- und Eisenoxide. Wenn die Schlucht gegen Mittag zur Backröhre wird, drängt das Gemisch wieder nach außen, die letzten Wassertröpfchen verdunsten und lassen eine Art braunschwarzen Firnis auf den Felshängen zurück. Die helle Grundfarbe des Steins wird nur sichtbar, wenn man ihn mit Werkzeugen aus Stein oder Metall bearbeitet – eine Tatsache, die schon vor Jahrtausenden Einheimische und Fremde nutzten, die durch diese Täler zogen und ihre Bilder hinterließen. Mit spitzen Keilen trieben sie Linien in die Krusten, schlugen Punkte in den Stein und hobelten ganze Flächen ab.

Die so geschaffene Open-Air-Galerie auf dem Dach der Welt sei neben der einzigartigen Bergkulisse auch für Touristen interessant, meinen die Heidelberger Forscher. „Das ist eine der politisch ruhigsten Gegenden Südasiens, Trekking-Touristen kommen ohnehin hierher und die Einheimischen sind überaus gastfreundlich“, sagt Martin Bemmann, ein Mitarbeiter der Akademie-Forschungsstelle. „Wer die Felsbilder jetzt noch sehen will, sollte sich in den nächsten Jahren auf den Weg machen.“ Sicherheitsbedenken hat er nicht: „Hier kann man gut leben und arbeiten.“


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