Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
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Bewegung, Erneuerung, Mobilisierung aller Kräfte

Eine Würdigung des scheidenden Unionspräsidenten Gerhard Gottschalk

Von Peter Graf Kielmansegg

Prof. Dr. Gerhard Gottschalk. Foto: AKUD, Lars Reimann

Gerhard Gottschalk hat sein Amt als Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zur Verfügung gestellt – ein Jahr vor der Zeit –, um sich noch einmal mit ganzer Kraft der Wissenschaft zuzuwenden. Jeder wird diese Entscheidung respektieren. Aber die Frage liegt nahe: Hatte er Anlass zur Resignation?

Die letzten fünf Jahre haben den Präsidenten der Union in der Tat gefordert, wie keiner der Vorgänger Gerhard Gottschalks gefordert war. Es waren die Jahre, in denen die in der Union zusammengeschlossenen Akademien endgültig aus jenem eher beschaulichen Dasein herausgerissen wurden, in dem sie Jahrzehnte lang gelebt hatten; herausgerissen vor allem durch zwei Stellungnahmen des Wissenschaftsrates, die die Akademien in das Blickfeld der Politik rückten: die Evaluation des Akademienprogramms zum einen, die Empfehlung zur Errichtung einer Nationalakademie zum anderen. Gerhard Gottschalk hat sich den Herausforderungen, die in diesem Erwachen einer kritischen öffentlichen Aufmerksamkeit lagen, entschlossen, mit einem geradezu leidenschaftlichen Engagement für die Sache der Akademien gestellt. Und er ist nicht müde geworden, den Akademien klarzumachen, dass auch sie auf die neuen Verhältnisse mit neuen Antworten reagieren müssten; dass Bewegung, Erneuerung, Mobilisierung aller Kräfte das Gebot der Stunde seien.

Was das Akademienprogramm angeht, so hat die gemeinsame Anstrengung – begünstigt durch den Regierungswechsel 2005 – zweifellos Früchte getragen. Das Akademienprogramm ist heute, anders als noch vor wenigen Jahren, ein anerkanntes, verlässlich etabliertes Programm geistes- und sozialwissenschaftlicher Langzeitforschung mit beträchtlichem Zukunftspotenzial. Der Beitrag Gerhard Gottschalks zu diesem Erfolg lag vor allem darin, dass er wie kein Präsident vor ihm auf der politischen Bühne für die Akademien und das ihnen anvertraute Programm geworben hat. Ohne die Bereitschaft der Akademien, an denen die Forschungsarbeit des Akademienprogramms ja geleistet wird, aus den kritischen Anfragen des Wissenschaftsrates wirklich Konsequenzen zu ziehen, hätte dieses Werben nicht erfolgreich sein können. Aber das Umgekehrte gilt eben auch: Ohne die unermüdliche Überzeugungsarbeit des Unionspräsidenten in den Berliner Kulissen wäre den – auf sich allein gestellten – Akademien der Schritt in eine neue Epoche in der Geschichte des Akademienprogramms, und darum handelt es sich, wohl auch nicht gelungen.

Die Nationalakademie ist ein ganz anderes Thema. Hier war die Union mit ihrem Präsidenten viel weniger in der Lage, aus eigener Kraft zu gestalten. Viele mächtige Mitspieler, mächtiger als die Union, bestimmten den Gang der Dinge. Gerhard Gottschalk hat, obschon skeptisch, was die Erfolgschancen angeht, getan, was ihm möglich war, um zu einer von allen deutschen Akademien gemeinsam getragenen Lösung zu gelangen. Wo die Dinge heute stehen, weiß man. Noch sind die letzten Entscheidungen nicht gefallen. Aber auch wenn die Union, was keineswegs ausgeschlossen ist, am Ende der Verlierer sein sollte, behält Gerhard Gottschalk recht. Er hat sich in seinem Handeln von der Überzeugung leiten lassen, dass keine Lösung Legitimität für sich beanspruchen kann, die die Akademien der Länder, vom 18. Jahrhundert an die eigentlichen Träger der Akademientradition in Deutschland, einfach übergeht. Diese Überzeugung hat die besseren Argumente für sich.

Dass Amt des Präsidenten der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften ist ein schwieriges Amt. Die mächtigen Wissenschaftsorganisationen wollen die Union nicht recht als Ihresgleichen gelten lassen. Und im Binnenverhältnis sind die Akademien gegenüber der Union sehr auf ihre Autonomie bedacht. Der Präsident der Union kann ihnen nur zureden. Jedes Urteil muss diese engen Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeiten in Rechnung stellen. Gerhard Gottschalk hat sich in den fünf Jahren seiner Präsidentschaft von den ungünstigen Rahmenbedingungen nie entmutigen lassen. Er hat sich der Sache der Akademien mit einer fast jugendlichen Vitalität angenommen – allein das Pensum an Reisen, das er sich auferlegte, um der Union in den internationalen Gremien der Akademienwelt eine Stimme zu verschaffen, ist staunenswert. Auch die Fähigkeit, Enttäuschungen wegzustecken, die in jedem Amt – und ganz besonders in diesem – überlebenswichtig ist, zeichnete ihn aus. Die Akademien, in deren Dienst er fünf Jahre seines Lebens gestellt hat, haben Grund, ihm dankbar zu sein.

Sie mögen das Ihre dazu beigetragen haben, dass Gerhard Gottschalk am Ende amtsmüde war. Jetzt sind sie gut beraten, wenn sie die beiden Kernbotschaften seiner Amtszeit im Gedächtnis behalten: Die Akademien der Wissenschaften müssen die Frage nach dem Sinn ihrer Existenz auf neue Weise beantworten, lautet die eine. Die Akademien der Länder werden das überzeugend nur tun können, wenn sie eine Union nicht nur dem Namen nach sind, sondern auch als Union handeln, die andere.

Prof. Dr. Peter Graf Kielmansegg ist Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Vizepräsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften


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