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MÜNCHEN. Bundespräsident Horst Köhler zeichnete am 9. November 2007 Prof. Dr. Gerhard A. Ritter, em. Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften mit dem „Preis des Historischen Kollegs“ aus. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. In seinem Vortrag im Anschluss an die Preisverleihung bezeichnete Ritter den Fall der Mauer und seine Folgen als „tiefe Zäsur in der europäischen und Weltgeschichte“. Zur Wiedervereinigung habe es „keine politisch realisierbare Alternative“ gegeben, auch wenn im Einzelnen Fehler gemacht worden seien. Er schloss mit der Aufforderung, der friedlichen Revolution von 1989 ein nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossplatz zu widmen.
Ritter hatte zuletzt mit seinem weit über die Fachgrenzen hinaus gelobten Werk „Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates“ (C.H. Beck: München 2006) wissenschaftliches Neuland betreten. Im Mittelpunkt stand dabei die Wirtschafts- und Sozialpolitik zwischen dem Fall der Mauer und der Bundestagswahl vom Oktober 1994. Ritter analysierte den Prozess, den er als „Entstehung der Sozialunion“ bezeichnet, auf der politischen und der ministeriellen Ebene. Dazu stützte er sich auf bisher unveröffentlichte Quellen, aber auch auf Interviews mit politischen Akteuren. Der Preisträger zog das Fazit, der deutsche Sozialstaat weise im internationalen Vergleich trotz aller politischen Umbrüche eine erstaunliche Kontinuität auf.
Die Anforderungen für den Preis des Historischen Kollegs, auch bekannt als „deutscher Historikerpreis“, erfülle Ritter „in geradezu beispielhafter Art und Weise“, sagte Klaus Hildebrand (Bonn) in seiner Laudatio. Gerhard A. Ritter beschäftigt sich seit langem mit der deutschen Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, ausgehend von Untersuchungen zur Arbeiterbewegung im Wilhelminischen Reich. Daneben bilden die englische Geschichte, auch in vergleichender Perspektive, sowie das Partei- und Regierungssystem in England und Deutschland insbesondere Rechtsstaat und Föderalismus, Parlamentarismus und Sozialstaat die Schwerpunkte seines wissenschaftlichen Interesses.
Wissenschaftsminister Thomas Goppel betonte in seinem Grußwort, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte sei „Mahnung, gibt uns Orientierung und manchmal so hoffen wir es zumindest auch Hilfestellung bei der Lösung aktueller Probleme.“ Er würdigte die Bedeutung der privaten Förderer, die das Historische Kolleg unterstützen. Das diesjährige Preisgeld hat der Freundeskreis des Kollegs unter dem Vorsitz von Hilmar Kopper zur Verfügung gestellt. Lothar Gall, Vorsitzender des Kuratoriums des Historischen Kollegs, hob in seinem Grußwort hervor, dass die Finanzierung des zeitweise gefährdeten Historischen Kollegs für 2007/2008 dank des „außerordentlichen Engagements“ bayerischer Unternehmen gesichert sei. „Ab 2009 rechnen wir wieder mit einer stabilen staatlichen Finanzierung.“
Das Historische Kolleg, gegründet 1980, ist ein „Institute for Advanced Study“ der historisch orientierten Wissenschaften. Es bietet hervorragend qualifizierten Wissenschaftlern des In- und Auslandes die Möglichkeit, sich für ein Jahr besonderen Forschungsvorhaben zu widmen. Historisches Kolleg und Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften werden über eine gemeinsame Stiftung betrieben. Außerdem ist der Präsident der Akademie, Prof. Willoweit, ex officio Mitglied des Kuratoriums des Historischen Kollegs.
Seit 1983 vergibt das Historische Kolleg alle drei Jahre einen deutschen Historikerpreis, der das wissenschaftliche Gesamtwerk eines Historikers auszeichnet. Grundlage für die Auszeichnung ist ein herausragendes Werk, das wissenschaftliches Neuland erschließt, über die Fachgrenzen hinaus wirkt und in seiner sprachlichen Gestaltung vorbildhaft ist. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert und wird vom Bundespräsidenten verliehen. Mit dem Preis wurden bereits der Althistoriker Alfred Heuß, die Mediävisten Arno Borst und Johannes Fried, die Neuzeithistoriker Reinhart Koselleck, Thomas Nipperdey und Wolfgang Reinhard, der Ägyptologe und Kulturhistoriker Jan Assmann und zuletzt 2004 der Wiener Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer ausgezeichnet.
Kontakt: Dr. Ellen Latzin
Pressereferentin der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
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