|
STENDAL. Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) gilt als Begründer der Klassischen Archäologie und der Kunstwissenschaft in Deutschland. Seine in Europa und Nordamerika schon im 18. Jahrhundert weit verbreiteten Schriften zur Kunst der Antike waren Grundtexte der Bewegung des Klassizismus und hatten bis ins 20. Jahrhundert großen Einfluss auf die Wissenschaft wie auf die literarische Kultur. Sein Werk wird durch eine neue, innerhalb des Akademienprogramms herausgegebene Edition für die Forschung erschlossen.
Die Geschichte der Rezeption seines Werkes steht heute mehr denn je im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses an Winckelmann. Nachdem Winckelmanns Schriften durch den Fortgang der Forschung in vielen Details sachlich überholt waren, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit zunächst auf die Person, ihren Lebensweg vom Stendaler Schustersohn zum Oberaufseher aller Antiken im päpstlichen Rom und zur europäischen Berühmtheit, bis hin zu ihrem Tod von Mördershand. Beginnend mit Goethes „Winckelmann“-Abhandlung wurde der Mensch zum Heros, wurde sein Werk als „veraltet“ vernachlässigt. Dem Werk aber wendet man sich heute erneut und mit neuen Fragestellungen zu. Das ist der Ausgangspunkt auch der neuen Edition.
Die erste und zugleich die letzte vollständige Edition der Werke Winckelmanns besorgte 1825-1829 Joseph Eiselein. Sie galt bis heute als maßgebend und zitierfähig trotz ihrer offenkundigen Mängel. Eiselein wollte nicht allein dokumentieren; er war bestrebt, Winckelmann zu verbessern, ihn dem damaligen Stand der Forschung anzunähern. So ist das Hauptwerk, die „Geschichte der Kunst des Alterthums“ bei Eiselein eine nie begründete Kompilation der ersten und der zweiten postumen Auflage.
Winckelmanns Argumentation wird nachvollziehbar gemacht
Ziel der Akademie-Ausgabe ist es nun, die publizierten Schriften Winckelmanns und zur Publikation geeignete Teile aus dem umfangreichen handschriftlichen Nachlass nicht nur kritisch ediert vorzulegen, sondern die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Texte durch Kommentierung wieder voll verständlich zu machen. Erst wenn man z. B. die erwähnten antiken Objekte identifizieren kann, Objekte, von denen viele inzwischen ihren Aufstellungsort, ihre Benennung, ja ihr Aussehen (etwa durch Wegnahme neuzeitlicher Ergänzungen) verändert haben, begreift man die Argumentation Winckelmanns. Dasselbe gilt für Anspielungen auf zeitgenössische gelehrte Diskussionen, Zitate antiker Autoren ohne Quellenangabe und vieles mehr. Selbst spezialisierte Archäologen sind heute auf einen Kommentar angewiesen, wenn sie Winckelmanns Ausführungen wirklich nachvollziehen wollen, und noch mehr bedarf es der Kommentierung, wenn Archäologen und andere Altertumswissenschaftler, wenn Kunsthistoriker, Germanisten, Historiker und Philosophen sich interdisziplinär mit Winckelmann auseinandersetzen. Hierzu leistet der Kommentar auch insofern Vorarbeiten, als er den wissenschaftlichen Diskurs der Zeit Winckelmanns mit dem unserer Tage konfrontiert.
Neue Bände erschienen
Erschienen sind im Rahmen der innerhalb des Akademienprogramms herausgegebenen Edition seit 1996 die Abhandlung „Von der Restauration der Antiquen“ (Band I, aus dem Nachlass), die Schriften zu den Entdeckungen von Herkulaneum (Band II, 1-3), die Schriften zur antiken Baukunst (Band III) und die Beschreibungen der Kunstwerke in den Villen und Palästen Roms (Band V, aus dem Nachlass). Vorgelegt wurde auch die „Geschichte der Kunst des Alterthums“ (Band IV, 1), wobei die erste und die postume zweite Auflage erstmals nebeneinander abgedruckt wurden. Zu diesem Hauptwerk erschienen kürzlich zwei umfangreiche Kommentarbände: ein Katalog aller erwähnten antiken Objekte (1400 Eintragungen) mit Abbildungen (Band IV, 2) sowie ein Allgemeiner Kommentar (Band IV, 3). Bereits druckfertig sind Winckelmanns „Anmerkungen“ zur Geschichte der Kunst (Band IV, 4). In Vorbereitung ist zur Zeit die Edition der „Monumenti Antichi Inediti“.
Zur Durchführung des bis 2017 terminierten Projekts hat die Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, bei der Winckelmann-Gesellschaft in Stendal eine Arbeitsstelle eingerichtet. Die Winckelmann-Gesellschaft ist Mitherausgeber der Edition; sie verfügt in Stendal über spezialisierte Archiv- und Bibliotheksbestände.
Der Klassische Archäologe Prof. Dr. Adolf Heinrich Borbein ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Projektleiter der historisch-kritischen und kommentierten Ausgabe von J.J. Winckelmanns Werken. Die Edition wird im Akademienprogramm gefördert.
Bibliographische Angaben:
Hofter, Mathias René; Rügler, Axel; Borbein, Adolf H. (Bearb.); mit Beiträgen von Kuhn-Forte, Brigitte und Tacke, Nikolaus: Johann Joachim Winckelmann, Geschichte der Kunst des Alterthums. Katalog der antiken Denkmäler, Band 4,2, Mainz: Philipp von Zabern, 2006. ISBN 978-3-8053-3745-8, Preis: 82 Euro.
Kontakt:
Petra Plättner und Sieglinde Olszowy
Pressestelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz
Geschwister-Scholl-Str. 2
55131 Mainz. Tel.: 06131 / 577 106
pressestelle@adwmainz.de.
www.adwmainz.de
|