Wege und Irrwege der deutschen Rechtschreibreform

Im Umgang mit der Rechtschreibung hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Statt auf die Lernenden schaut man nun wieder auf die Leser

BONN. „Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat die strittigen Bereiche der seit 1998 in den Schulen eingeführten Reform weitgehend auf den alten Stand zurückgeführt. Die revidierte Reform wurde auch von den Printmedien in allen wesentlichen Punkten übernommen. Damit ist die Gefahr einer Orthographiespaltung nun wohl endgültig gebannt“, schreibt Werner Besch, Professor für Sprache und ältere deutsche Literatur der Universität Bonn. Er vertrat die Akademienunion im Rat für deutsche Rechtschreibung und verschaffte dort den skeptischen Stimmen der Wissenschaftsakademien Gehör. In seiner Schrift „Wege und Irrwege der deutschen Rechtschreibreform“ blickt er nun auf die Arbeit des Rates zurück. Das Schlusskapitel hat er „Aus den Akademien“ in überarbeiteter Form zur Verfügung gestellt.


von Werner Besch

Es gibt eine gewachsene Schriftkultur. Diese ist kaum noch durch linguistische Systematisierung veränderbar. Sie hat einen hohen Grad von Veränderungs-Immunität erlangt, ob man das nun mag oder nicht. Diese Einsicht verdankt sich einem Paradigmenwechsel in der Reformdiskussion, wie er im Rat für deutsche Rechtschreibung bestimmend zum Ausdruck kam.

Der Paradigmenwechsel ist markiert durch den Wechsel der Zielvorstellungen. Alle Reformvorschläge der letzten hundert Jahre, auch die von 1998, waren vornehmlich auf die Schreibenden, speziell sogar auf Schüler, ausgerichtet. Man hatte doch eine Alphabetschrift, also ein Korrespondenz-Instrument zur gesprochenen Sprache, eine Phonographie – im Gegensatz etwa zu Wortschriften, wie z.B. im Chinesischen. Aber die Korrespondenz zwischen 'geschrieben' und 'gesprochen' im Deutschen war und ist völlig unbefriedigend, belastet vor allem durch allerlei Phänomene der langen Schreibgeschichte.

Als Hauptprobleme gelten:

  • fehlendes 1:1 Verhältnis von Zeichen und Laut, daher oft Buchstabenvarianz für ein-und-denselben Laut
  • fehlende Systematik in der Bezeichnung der Vokalquantität
  • Großschreibung der Substantive, auch substantivierter anderer Wortarten, als deutscher Sonderweg
  • Silbentrennung; Zusammen- und Getrenntschreibung
  • Schreibung von Fremdwörtern
  • sodann Interpunktion, insbesondere Regeldichte im Komma-Bereich u.a.m.

Warum nicht systematisieren? Warum die Klagen der Lehrer und die Nöte der Schüler über viele Generationen hin überhören? Warum nicht nachhelfen durch etwas mehr stringente Regulierung? Warum nicht auch auf diesem Feld sogar soziale Barrieren mindern? (Schlagwort: Selektion durch schwierige Orthographie!) Ja, warum nicht? Wer will die meisten dieser Intentionen tadeln?

Als junger Dozent hatte ich viel Verständnis für eine solche Sehweise. Jahrzehnte eigener Sprachgeschichtsforschung haben meinen Standpunkt verändert. Wie? – das ist gleich zu sagen. Die Reformer von 1998 jedenfalls, darunter durchaus ausgewiesene Germanisten, haben sich noch ganz an den alten „Dauerauftrag: Reform“ gehalten. Der ist aber, wie auch der Blick in Nachbarsprachen zeigt, inzwischen storniert, d.h. aufgehoben. Die Schriftkulturgemeinschaft akzeptiert ihn nicht mehr. Warum?

In der Zielorientierung treten jetzt die Leser ganz in den Vordergrund. Ausschlaggebend ist der Usus, d.h. das weithin akzeptierte Schriftbild. Es ist für Generationen Besitz geworden, also für viele Millionen, zuzüglich Garant für rasche Sinnerfassung. Ja, dieses Schriftbild ist für viele Millionen der Sprachgemeinschaft recht eigentlich die Sprache, Schrift nicht nur ein Medium des Transponierens von gesprochener Sprache, von Oralität. Änderungen des Schriftbildes und damit gegen den Usus werden gleichsam als Sprachverlust empfunden und abgelehnt. Das gilt heutzutage ebenso für Französisch, Englisch und andere Kultursprachen.

Man hat diese Fixierung auf die Schrift getadelt, sie als Lernunwilligkeit der Alten gedeutet, denn Schrift sei nur ein sekundäres Notierungssystem, daher veränderbar, sei aber nicht die Sprache selbst.

Die neueren Forschungen über 'Schriftlichkeit und Mündlichkeit' haben uns gelehrt, genauer hinzusehen: Verschriftung entwickelte Selbstoptimierung für rasches und genaues Verstehen. Verschriftung muss ja kompensieren, was die gesprochene Sprache selbstverständlich hat, nämlich den konkreten Partnerbezug, die konkrete Situation, die konkrete Betonung, das Zeigefeld, alles Non-Verbale. – Ein schönes Beispiel ist der Bereich „Getrennt- und Zusammenschreibung“: getrennt = das normale sitzen bleiben (Stuhl); zusammen = neue Semantik sitzenbleiben (Schule). Gesprochen markiert die Betonung den Unterschied, geschrieben = die Getrennt- oder Zusammenschreibung! Optimierung der Verschriftung mit sparsamsten Mitteln!

Verschriftung gewinnt als Medium neue Ausdrucksmittel. Die Reform von 1998 hat hier und an anderen Stellen zerstörend eingegriffen. Daran ist sie zu einem guten Teil gescheitert. Sie hat Systematisierung gegen den Usus gestellt. Usus ist eben nicht stupide Notierform, sondern stabilisierende Schriftkulturgemeinschaft mit innovativer Optimierungspotenz.

Der Romanist Wolfgang Raible stellt 1991 ganz pragmatisch fest: „Hat sich eine Graphie einmal durchgesetzt, so gilt, dass die Chance einer Änderung umso geringer wird, je größer die Zahl der Leser ist, die die Sprache in ihrer augenblicklichen Scripta beherrschen.“

Reformer haben das z.T. als Lernverweigerung der 'Besitzenden' (= Erwachsenen) gesehen. Das lässt sich aber nicht auf diesen einfachen Nenner bringen.

Unsere Schriftlichkeit ist „Ausdrucksmittel unserer Gesamtkultur, unseres öffentlichen und privaten Lebens. Schriftkultur ist aber auch in einem weiteren Verständnis die aktive Tradierung ... bedeutender Denkmäler vergangener Schriftlichkeit. Schriftkultur ist das Gedächtnis neuerer Kulturnationen.“ Sie hat eine Zeit und Raum überwindende Funktion und damit hängt auch „die außerordentliche Stabilität der Verschriftungsnormen zusammen“, ungeachtet mancher historisch bedingter Unebenheiten. Schriftkultur bedeutet immer auch ein Stück „historisch bedingter Identität“. Sie erlangt Veränderungsimmunität im Lauf ihrer Geschichte. Das ist der wesentliche Grund für das bisherige Scheitern von Orthographiereformen in Deutschland – auch anderswo!

Die Reform von 1998 orientierte sich erkennbar am Phonographiekonzept für Schreibende. Das zielte auf Erleichterung und Systematisierung des Schreibens. Dahinter standen vor allem Grundschullehrer, Didaktiker, Soziolinguisten, bildungs- und sozialpolitische Gruppierungen. Sie haben allerdings noch nicht erkannt, dass ihr Anliegen nur einen kleinen Sektor der Schriftkultur in den Blick nimmt, Eingriffe z.T. mehr stören als bessern können. Reformkommissionen dieser Zusammensetzung „neigen oft zu einer berufsbedingten Überschätzung ihrer Rolle“.

Bibliographische Angaben:

Besch, Werner: Wege und Irrwege der deutschen Rechtschreibereform von 1998. Korrekturen des 2004 eingesetzten Rates für deutsche Rechtschreibung. Vorträge der Klasse für Geisteswissenschaften der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, G 409. Paderborn: Schöningh, 2007. ISBN 978-3-506-76337-2, Preis: 8,90 Euro.




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