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Weltbeglückungstheorie
Frisch ediert: Quellen zu den Anfängen der deutschen Sozialpolitik

Von Michael Stolleis

MAINZ. Das seit vielen Jahren betriebene Editionsvorhaben „Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik“ ist in den letzten Jahren kräftig vorangekommen, vor allem dank der Energien der Sozialhistoriker Hansjoachim Henning, Florian Tennstedt und Wolfgang Ayaß. Von den geplanten fünfunddreißig Bänden sind seit 1982 dreiundzwanzig erschienen, die meisten von ihnen in den letzten zehn Jahren. Quelleneditionen sind mühsam und finden oft auch nicht genügend öffentliche Anerkennung. Alle benutzen sie, aber nur wenige möchten sich dieser Kärrnerarbeit selbst verschreiben. Im neuesten Band geht es nun um die öffentliche Debatte der „Sozialen Frage“ in den beiden Jahrzehnten zwischen der Gründung des Norddeutschen Bundes und dem eigentlichen Beginn der staatlichen Sozialpolitik im Jahre 1881.

Die Schwierigkeiten, eine solche „öffentliche Debatte“ zu dokumentieren, liegen auf der Hand. Es gibt eine Überfülle bekannten Materials. Zusätzlich wird Unbekanntes ans Licht gezogen, hier etwa aus der Krakauer Universitätsbibliothek. Die relevanten Stimmen sollen zu Wort kommen, die Denkschriften, Zeitungsartikel, Parlamentsreden, Parteiprogramme, Firmenrundschreiben, Professorenbriefe sollen ein Bild ergeben. Aber Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven liefern verschiedene Bilder. Alle gesellschaftlichen Kräfte der Reichsgründungszeit haben sich artikuliert, die entstehenden Gewerkschaften ebenso wie Arbeitgeberverbände und Parteien, aber auch viele einzelne Unternehmer, Sozialreformer und Geistliche beider Konfessionen, die bürgerliche Frauenbewegung sowie akademische Nationalökonomen und Juristen.

Soll der Staat sich einschalten?

Die „Soziale Frage“ als Faktum war unbestritten, aber bei der Therapie drehte sich alles um die Frage: Wie weit soll und darf sich der Staat einschalten, und was soll und kann die Gesellschaft selbst leisten? Die Manchester-Schule predigte Freiheit und wollte die Schlote rauchen lassen, der entstehende Wohlstand werde schon von selbst nach unten durchsickern. Die Arbeiterbewegung und sich formierende Sozialdemokratie schwankte zwischen dem Willen zum revolutionären Kampf und der Hoffnung auf staatliche Intervention. Die Kirchen setzten wesentlich auf örtlich verankerte Sozialarbeit, Festigung der Familie und bessere Erziehung. Das nationalliberale Bürgertum verfolgte mit wachsender Zustimmung Bismarcks Einigungspolitik und den industriellen Aufschwung, leugnete auch die „Soziale Frage“ keineswegs, war aber gespalten, ob und wie man zu reagieren habe.

Die Arbeitgeber kombinierten teils den „Herr im Haus“-Standpunkt Alfred Krupps mit weitsichtigen Förderprogrammen, teils setzten sie weiter auf einen liberalen antisozialistischen Kurs, teils wünschten sie nach der Krise von 1873 den regulierenden Staat herbei. Entsprechend breit gefächert waren die Vorschläge der Parteien, der Sozialdemokraten, der Nationalliberalen, der Konservativen, des Zentrums und der Christlich-Sozialen.

Sozialpolitik als Weltbeglückungstheorie

Als sich 1873 mit Konjunkturüberhitzung und „Gründerkrach“ die Sorgen vermehrten, setzten hektische Aktivitäten ein. Die Nationalökonomen bildeten zwei mit „manchesterlich“ und „kathedersozialistisch“ grob und polemisch bezeichnete Lager. Der Band dokumentiert ausführlich die Gründung des aus diesem Konflikt 1872/73 hervorgegangenen „Vereins für Socialpolitik“ bis zur Versammlung von Eisenach im Oktober 1872. „An zweihundert Mann vom Fach / tagten jüngst in Eisenach / Und gemeinsam trieben sie / Weltbeglückungstheorie“, reimte anschließend der „Kladderadatsch“.

Aus diesen vielstimmigen Debatten modelten sich allmählich die Grundlagen der Sozialpolitik heraus, die dann mit der Kaiserlichen Botschaft von 1881 und der Arbeiterversicherung (1883 bis 1889) wirklich in Gang kam. Der Band dokumentiert damit die Inkubationszeit unseres heutigen, in seinen Grundlinien damals geschaffenen Systems. Speziell anhand der hier ausgiebig dokumentierten Entstehung des „Vereins für Socialpolitik“ kann man studieren, wie sich der Grundgedanke Bismarcks herausbildete, die politischen Kräfte in Richtung auf öffentliche oder genossenschaftliche Kassen gegen die Risiken Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter zu bündeln. Auf diese Weise wurden Sicherungen geschaffen, in denen alte wohlfahrtsstaatliche Prinzipien und konservativer Staatssozialismus, kirchliches Engagement und Selbstverwaltung miteinander verbunden werden konnten.

Von Trennlinien und Zweckbündnissen

Den „sozialistischen Irrlehren“ sollte das Wasser abgegraben werden. Die weitere Geschichte dieser Sicherungen ist bekannt. Aber ihre Vorgeschichte ist noch nie so dicht dokumentiert worden. Die 161 Dokumente aus der Zeit von 1863 bis 1881, darunter auch eine Reihe von substantiellen Berichten preußischer Handelskammern, können naturgemäß kein widerspruchsfreies Bild ergeben. Dazu laufen die Trennlinien und Zweckbündnisse zu sehr durcheinander. Am ehesten denkt man an das Stimmen der Instrumente im Orchester, bevor Bismarcks Politik 1878 mit dem Richtungswechsel dann einsetzte. Aber ohne diese publizistische Vorbereitung wäre die neue und riskante Politik auch nicht durchsetzbar gewesen. Die unterschiedlichen Konzepte lagen mehr oder weniger bereit.

Wirtschafts- und Sozialhistoriker werden die Dokumente ebenso nutzen können wie die Historiker der öffentlichen Meinung und der Mentalitäten. Auch die noch ungeschriebene Gründungsgeschichte des „Vereins für Socialpolitik“ ist ein Stück vorangekommen. Der Band ist in jeder Hinsicht gut benutzbar. Es gibt Kurzregesten vor den Dokumenten, sorgfältige Erklärungen zu Personen und Sachen, verlässliche Orts-, Personen- und Sachregister. Man mag die geisteswissenschaftlichen Langzeitvorhaben der Akademien als langsame Riesenschildkröten verspotten. Im vorliegenden Fall bewegt sich die Schildkröte rasch und wird ihr Ziel hoffentlich bald erreichen.

Der Text erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.09.2007, Nr. 212 / Seite 34). Prof. Dr. Michael Stolleis ist der geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Instituts für Europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Herausgabe der Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik wird im Akademienprogramm gefördert.

Bibliographische Angaben:
Stremmel, Ralf; Tennstedt, Florian; Fleckenstein, Gisela (Bearb.); unter Mitarbeit von Peterle, Margit und Rust-Schmöle, Gisela: Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867–1914, I. Abt.: Von der Reichsgründungszeit bis zur kaiserlichen Sozialbotschaft (1867–1881), Band 8: Grundfragen der Sozialpolitik in der öffentlichen Diskussion: Kirchen, Parteien, Vereine und Verbände, AWL. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2006. ISBN 978-3-534-13433-5, Preis: 69,90 Euro.



Kontakt:

Petra Plättner und Sieglinde Olszowy,
Pressestelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz
Geschwister-Scholl-Str. 2
55131 Mainz.
Tel.: 06131 / 577 106
pressestelle@adwmainz.de.
www.adwmainz.de



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