|
MAINZ / BERLIN. Das Bild vom Genie, dem eine höhere Macht Melodien diktiert, hält sich hartnäckig in der Vorstellung der Öffentlichkeit. Doch es ist falsch, wie zahlreiche im Akademienprogramm geförderte musikwissenschaftliche Editionen zeigen. Wie sie den Schaffensprozess eines Komponisten nachvollziehbar machen und wie die moderne Musikphilologie arbeitet, veranschaulichen Musikwissenschaftler nun in der Wanderausstellung „Klingende Denkmäler“. Sie ist derzeit an der Universität Basel zu sehen, begleitend ist jetzt ein Ausstellungskatalog erschienen, der die Faszination editorischer Arbeit begreifbar machen soll von der Quellensuche über die Klärung von Echtheitsfragen bis zur Herausgabe eines möglichst authentischen Notentextes.
Als einen repräsentativen Beitrag, um im „Jahr der Geisteswissenschaften“ auf die international sehr anerkannten musikwissenschaftlichen Editionsvorhaben aufmerksam zu machen, bezeichnen der Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, Prof. Dr. Gerhard Gottschalk, und die Präsidentin der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, Prof. Dr. Elke Lütjen-Drecoll, die Ausstellung „Klingende Denkmäler: Musikwissenschaftliche Gesamtausgaben in Deutschland“ und den dazu gehörigen Ausstellungskatalog, der das gesamte Material in Wort und Bild enthält.
Die auf Initiative der Fachgruppe Freie Forschungsinstitute in der Gesellschaft für Musikforschung entstandene Publikation bietet einen grundlegenden Einblick in die musikwissenschaftliche Editionstätigkeit in Deutschland. Wie eine Gesamtausgabe entsteht, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es in der Herangehensweise bei den verschiedenen Komponisten gibt, darüber gibt sie anhand von zahlreichen Dokumenten und fundierten Kommentaren Auskunft. Eindrucksvoll wird gezeigt, welch teilweise kriminologischer Spürsinn die Edition musikalischer Werke erfordert. Erklärende Texte und Abbildungen von Originalhandschriften dokumentieren die Differenziertheit und Vielfalt editorischen Arbeitens bei dem Weg von der Suche nach den Quellen über deren Bewertung, der Beschreibung der Werkgeschichte und Textgenese, bis hin zum Druck eines Werkes in der jeweiligen Gesamtausgabe. Damit wird auch ein Blick in die Werkstätten der verschiedenen Komponisten ermöglicht.
Denkmalpflege für die abendländische Musikkultur
Seit über 50 Jahren betreiben die musikwissenschaftlichen Editions- und Forschungsvorhaben „Denkmalpflege“ im eigentlichen Wortsinn, also im Bewahren und Erhalten jener Werke, die zum Kanon der abendländischen Musikkultur gehören und deren Notentexte sie in repräsentativen historisch-kritischen Ausgaben allgemein zugänglich machen.
Folgende Institutionen stellen ihre Arbeit vor:
Bach-Institut Göttingen und Bach-Archiv Leipzig, Beethoven-Gesamtausgabe Bonn, Brahms-Gesamtausgabe Kiel und Brahms-Institut Lübeck, Gluck-Gesamtausgabe Mainz, Hallische Händel-Ausgabe, Haydn-Institut Köln, Hindemith-Institut Frankfurt am Main, Orlando di Lasso-Gesamtausgabe München, Mendelssohn-Gesamtausgabe Leipzig, Neue Mozart-Ausgabe Salzburg, Max-Reger-Institut Karlsruhe, Schönberg-Gesamtausgabe Berlin, Schubert-Gesamtausgabe Tübingen, Schumann-Gesamtausgabe Düsseldorf und Zwickau, Telemann-Auswahlausgabe Magdeburg, Wagner-Gesamtausgabe München, Weber-Gesamtausgabe Detmold, Wissenschaftliche Edition des deutschen Kirchenlieds Kassel, Forschungsstelle Geschichte der südwestdeutschen Hofmusik im 18. Jahrhundert Heidelberg und Internationales Quellenlexikon der Musik (RISM) Frankfurt am Main.
Die Wanderausstellung ist seit dem 12. Oktober 2007 im musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel zu sehen. Anfang 2008 wird sie zunächst in die Universitätsbibliothek Bremen und anschließend in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften weiterziehen. Seit Oktober 2005 wurde sie bereits in zahlreichen deutschen Städten (u.a. in München, Tübingen, Kiel, Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Zwickau und Bonn) sowie anlässlich des Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft im August 2007 in Zürich gezeigt. (gb)
Bibliographische Angaben:
Klaus Döge, Ulrich Krämer und Salome Reiser: Klingende Denkmäler. Musikwissenschaftliche Gesamtausgaben in Deutschland. Kassel: 2007. ISBN 978-3-00-022346-4.
Kontakt:
Dr. Gabriele Buschmeier
Koordinatorin der musikwissenschaftlichen Editionen bei der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
Geschwister-Scholl-Str. 2
55131 Mainz. Tel.: 06131 / 577 122
Gabriele.Buschmeier@akademienunion.de
|