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Ein Stück deutscher Aufklärung
Wissenschaft zu popularisieren ist keine neue Idee. Bereits Gottsched versuchte, das Wissen seiner Zeit möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen

LEIPZIG. Goethe mochte ihn gar nicht und Lessing wetterte, wenn sein Name fiel. Dennoch: Johann Christoph Gottsched (1700-1766) gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten der deutschen Frühaufklärung und strebte u.a. als Leipziger Professor für Poesie eine Reform der deutschen Sprache sowie die Erneuerung des deutschen Dramas an. Seine umfangreichen Korrespondenzen und Kontakte belegen etwa 6.000 Briefe von und an Gottsched, die nun in einer historisch-kritischen Edition erschlossen werden. Band eins ist im Sommer 2007 erschienen, Band zwei soll im Frühjahr 2008 folgen. Das Projekt ist an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt und wird im Akademienprogramm gefördert. Ein Gespräch mit Arbeitsstellenleiter Prof. Dr. Detlef Döring über einen streitbaren Menschen und unermüdlichen Wissensvermittler.

Wenn man Goethe und Lessing Glauben schenkt, war Gottsched ein eher unangenehmer Mensch: eitel, pedantisch, streitlustig. War die Einschätzung der Zeitgenossen richtig?

Döring: Ja und nein. Diese Äußerungen unserer Klassiker darf man nicht als objektiv betrachten, die haben aus den literarischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit heraus geurteilt. Lessings Behauptung z.B., dass Gottsched keinerlei Bedeutung für das deutsche Theater gehabt hätte – das ist schlicht falsch. Sicher war Gottsched sehr von sich eingenommen und beanspruchte in einigen Gebieten des wissenschaftlichen und literarischen Lebens eine dominierende Rolle. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass damals alle Gelehrten sehr auf ihre Bedeutung und Würde bedacht waren. Literarische Streitigkeiten standen auf der Tagesordnung. Gottsched bildete hier keine Ausnahme; außerdem hatte er auf vielen Gebieten durchaus einiges geleistet, worauf er mit Genugtuung zurückblicken konnte. Selbst über Deutschland hinaus fand er Beachtung.

Man hat Gottsched auch vorgeworfen, er sei ein Regelpoet.

Döring: Anleitungen, wie man dichtet, waren damals in Mode, an den Universitäten wurde Poesie sogar gelehrt. Gottscheds Theaterstück „Der sterbende Cato“ war ein Programmstück, in dem er zeigen wollte, wie man in deutscher Sprache eine Tragödie zu verfassen habe, die den angeblich zeitlos gültigen Regeln der Dichtkunst entspricht. Der Sturm und Drang wehrte sich dann dagegen, dass nach Lehrbuch gedichtet werden sollte. Gottsched verlor an Bedeutung; seine poetischen Schriften bilden heute nur noch eine Lektüre für Seminare.

Warum brauchen wir dann eine Edition seiner Briefe?

Döring: Kaum eine Quelle kann die großen Wirkungen, die von Gottsched ausgingen, besser dokumentieren als seine Korrespondenz. Wir verfügen damit über ein äußerst wichtiges Material, um die Geschichte der Aufklärung in Leipzig, Mitteldeutschland und darüber hinaus erforschen zu können. Die Aufklärung aber wirkt bis in unsere Gegenwart; sie bildet eine der Grundlagen der Moderne.

Können Sie Beispiele nennen, wo die Edition neue Erkenntnisse verspricht?

Döring: Nehmen Sie zum Beispiel das blühende Verlagswesen in Leipzig zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die großen Verlagsarchive in Leipzig sind samt und sonders verloren gegangen. Das wichtige Kapitel, darüber wie die Schriften der Aufklärung publiziert wurden, kann man daher nur schwer rekonstruieren. Da kommt man über Gottscheds Briefe ein ganzes Stück weiter, denn er trat als Vermittler zwischen Autoren und Verlegern in Aktion: Wie handelte man Honorare aus? Wie hoch waren die Auflagen? Wie funktionierte der Vertrieb? Solche und andere Fragen werden im Briefwechsel immer wieder traktiert. Gottsched wohnte seit Mitte der 30er Jahren sogar im Haus seines Verlegers Breitkopf und unterhielt auch zu anderen Verlegern Leipzigs gute Kontakte. Er wurde von auswärtigen Autoren geradezu bombardiert mit Manuskripten, deren Publikation er in den meisten Fällen erfolgreich vermitteln konnte. Gottsched hat die erste germanistische Fachzeitschrift begründet: „Beyträge zur critischen Historie der deutschen Spache“. Dort haben viele Gelehrte aus dem protestantischen Deutschland mitgearbeitet, meist anonym. Über den Briefwechsel können wir in vielen Fällen mit Sicherheit erschließen, wer welche Artikel beigetragen hat.
Ein anderes Beispiel bildet Gottscheds öfters aufgelegtes und in mehrere Sprachen übertragenes Lehrbuch „Die Weltweisheit“, in dem er für höhere Schulen und Hochschulen die von Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff entwickelte Philosophie, die das Denken der frühen Aufklärung weithin prägte, in populärer Form vermittelte. Außerdem fasste er dort das naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit zusammen. Aus dem Briefwechsel erfahren wir, wie das Werk aufgenommen wurde. Da gibt es Briefe von enthusiastischen Lehrern, die es im Unterricht verwenden wollen, aber auch kritische Stimmen.

Wie würden Sie Gottscheds Verdienste zusammenfassen?

Döring: Gottsched machte die Ideen und Kenntnisse seiner von der Aufklärung geprägten Zeit einem breiteren Publikum zugänglich. So hat er moralische Wochenschriften gegründet wie die „Vernünftigen Tadlerinnen“ und später Zeitschriften wie „Das Neuste aus der anmutigen Gelehrsamkeit“, wo Wissen aus allen Disziplinen verbreitet wurde – sogar aus der Astronomie! Er hat wie kein anderer für Übersetzungen der Grundlagenwerke der westeuropäischen Aufklärung gesorgt. Wichtig war er auch bei der Gründung von Gelehrten-Gesellschaften, die sich ähnlich den Akademien außerhalb der Universität wissenschaftlichen Themen widmeten.

Der erste Band der Edition ist 2007 erschienen, der zweite soll im Frühjahr 2008 folgen. Was kann man aus diesen Bänden erfahren?

Döring: Gottsched kommt 1724 von Königsberg nach Leipzig und schlägt hier eine relativ rasche akademische Karriere ein, die wir im einzelnen verfolgen können. Er übernimmt außerdem die Leitung der „Deutschen Gesellschaft“ und baut sie nach allen Seiten aus. Sie wurde eine erste Akademie der Sprache und Dichtung, wenn man die heutigen Begrifflichkeiten verwenden will. Schließlich können wir beobachten, wie er über Leipzig hinaus durch seine Werke, z.B. mit seiner „Critischen Dichtkunst“ oder mit der vorhin erwähnten „Weltweisheit“ bekannt wird.

Wie ist die Edition angelegt?

Döring: Grundlage sind die 5000 Briefe an Gottsched, die in der Leipziger Universitätsbibliothek Albertina lagern. Wir haben weltweit nach ergänzendem Material gesucht, also vor allem nach Briefen von Gottsched, konnten aber leider nur begrenzt fündig werden. Wir drucken in ca. 25 Bänden chronologisch die Briefe an und von Gottsched ab. 2024 soll die Edition fertig vorliegen.
Wichtig ist auch, dass wir nicht nur die Briefe des Herrn Gottsched, sondern auch seiner nicht unbekannten Frau Luise Adelgunde Victorie einbeziehen. Die Briefe überschneiden sich oft thematisch, die Ehepartner korrespondieren mit den gleichen Briefpartnern und nehmen in ihren Schreiben darauf Bezug. So wird auch eine der wichtigsten weiblichen Korrespondenzen des 18. Jahrhunderts erstmals der Forschung vollständig (soweit überliefert) zugänglich gemacht.

Waren andere Frauen von Gelehrten auch so aktiv?

Döring: Nein, das ist eine Besonderheit der Frau Gottsched. Sie war eben nicht nur die Frau des Professors Gottsched, sondern wirkte selbst als eine bedeutende Autorin und Übersetzerin. Sie kann als die erste weithin anerkannte Wissenschaftlerin im deutschen Sprachraum gelten. Es gab natürlich gelehrte Frauen vor ihr, aber keine wirkte in einem solchen Maße.

Was macht die Arbeit an so einer Edition aufwändig?

Döring: Manche Handschrift ist nur schwer lesbar, aber da kann man sich reinfinden. Die Kommentare sind weit zeitaufwändiger. Ich nenne nur ein Beispiel: Gottsched kam ja aus Ostpreußen und erhielt daher zeitlebens von dort zahlreiche Briefe. Natürlich wird in diesen Schreiben auch auf Lokalereignisse in Königsberg Bezug genommen, die man heute nur noch mit großem Zeitaufwand ermitteln kann, wenn überhaupt. Das Pressewesen war erst schwach ausgeprägt, man kann also nicht einfach in den Zeitungen der damaligen Zeit nachschauen – zumal die auch mangelhaft überliefert sind. Wenn wir nur den Brieftext bringen würden, wären wir rasch fertig. Doch wer soll das ohne Kommentierung verstehen? Das hätte nur geringen Gebrauchswert.

Die Fragen stellte Dr. Annette Schaefgen

Bibliographische Angaben:
Gottsched, Johann Christoph: Briefwechsel. Unter Einschluss des Briefwechsels von Luise Adelgunde Victorie Gottsched. Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig hrsg. von Detlef Döring und Manfred Rudersdorf. Bd. 1: 1722 – 1730. Hrsg. von Detlef Döring, Rüdiger Otto und Michael Schlott unter Beteiligung von Franziska Menzel. Berlin, New York: de Gruyter, 2007. ISBN: 978-3-11-018381-8 und 3-11-018381-1, Preis 168 Euro.


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