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BERLIN. Es war an einem Freitag morgen, als die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, einen ziemlich großen Stein ins Wasser warf. Sie erklärte einem Rundfunksender, dass sie eine Entscheidung getroffen habe. Sie wolle, dass die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina die künftige Deutsche Akademie der Wissenschaften, also die bereits seit langem im Gespräch befindliche Nationalakademie Deutschlands, werde. Damit brach die Ministerin abrupt einen weitgehend abgeschlossenen Verhandlungsprozess zwischen ihr, den sechzehn Wissenschaftsministern der Länder, der Leopoldina, acatech, der Akademienunion und den in der Allianz zusammengeschlossenen Forschungs- und Forschungsfördereinrichtungen ab. Einen Verhandlungsprozess, der lange gedauert hatte und mühsam für alle Beteiligten gewesen war, in dessen Verlauf es aber zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik gelungen war, eine Einigung der unterschiedlichen Partner auf eine gemeinsame Lösung herbeizuführen.
Zunächst waren alle mit Ausnahme der Leopoldina überrascht davon, wie diese gemeinsam erarbeitete Lösung von zweien der Partner so einfach vom Tisch gewischt werden sollte. So richtig überzeugend und gut fand eigentlich auch keiner die in Aussicht gestellte Ersatzlösung mit Ausnahme der Leopoldina natürlich. Die völlig unverdienterweise am heftigsten geschlagenen acht Akademien der Wissenschaften, die sich zur Union zusammengeschlossen haben, begannen sich zu wehren.
Sie verwiesen in einer Presseerklärung sowie in einer persönlichen Stellungnahme des Präsidenten der Akademienunion zunächst einmal auf die Fakten. Die da lauten: Das für solche Entscheidungen zuständige Gremium ist die Bund-Länder-Kommission (BLK) bzw. ihre Nachfolgeeinrichtung, auf deren Tisch nach wie vor der gemeinsam von allen Partnern vorgelegte Antrag auf Gründung der Deutschen Akademien der Wissenschaften (DAW) liegt. Darüber hinaus hatte der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen 2004 dezidiert die Gründung einer neuen Institution für die Politik- und Gesellschaftsberatung sowie die internationale Vertretung der deutschen Wissenschaft gefordert und sich ausdrücklich gegen die Umwandlung einer bestehenden Einrichtung und gegen den bloßen Zusammenschluss bestehender Einrichtungen ausgesprochen. Genau dieser Knackpunkt hatte ja allen Beteiligten die große Mühe gemacht.
Man darf vermuten, dass der Wissenschaftsrat keine der bestehenden Einrichtungen für geeignet hielt, die von ihm gewünschten Aufgaben wahrnehmen zu können. Und das ist neben dem Aspekt eines schlicht unwürdigen Umgangs mit den national und international renommierten Unionsakademien auch das Hauptargument gegen die von der Bundesministerin ins Auge gefasste Lösung: Man kann Politik- und Gesellschaftsberatung nicht ohne die Geistes- und Sozialwissenschaften betreiben. Über diese verfügt die Akademie der Naturforscher Leopoldina nur sehr marginal, d.h. in Form von einzelnen, jüngst erst zugewählten Wissenschaftlern. Die Leopoldina müsste also sollte sie die nationale Aufgabe wirklich alleine stemmen sollen erst mühsam aufbauen, was die Unionsakademien schon längst haben und wofür sie sowie (dank ihrer im Akademienprogramm erbrachten Forschungsleistung) die deutsche Wissenschaft im In- und Ausland berühmt sind: einen Schwerpunkt in den Geistes- und Kulturwissenschaften.
Das aber wäre eine Verschwendung vorhandenen Potentials und würde die sowieso schon komplizierten Wissenschaftsstrukturen in Deutschland weiter verkomplizieren: Neben acht bereits bestehenden Akademien, die das gesamte Fächerspektrum abdecken, und einer speziellen Fachgruppenakademie (der Deutschen Akademie für die Technikwissenschaften acatech) soll im Schnellverfahren eine Akademie der Naturforscher zu einer weiteren, das gesamte Fächerspektrum abdeckenden Akademie entwickelt werden. Diese würde dann zur Deutschen Akademie der Wissenschaften erhoben und den anderen „vor die Nase gesetzt“, sollte aber fallweise, also „je nach Lage“, mit der nationalen Fachgruppenakademie acatech und einer der acht in der Union zusammengeschlossenen Akademien zusammenarbeiten.
So ein ungeordnetes, Konflikte geradezu herbeirufendes, der Sache nicht dienliches Durcheinander kann niemand und vor allem nicht der politische Zuwendungsgeber als Empfänger der wissenschaftlichen Politikberatung wollen. Deshalb kann man davon ausgehen, dass mit etwas Abstand zu dem besagten Freitag bei allen Beteiligten die Bereitschaft, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und eine wirklich gute Lösung auszuarbeiten, wächst. Die Akademienunion selbst und mit ihr ihre Mitgliedsakademien werden das ihnen Mögliche zu einer solch guten Lösung beitragen.
„Aus den Akademien“ wird Sie aktuell informieren. Myriam Hönig
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