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Ein Nachlass von Weltrang
Der Kulturaustausch mit China war bereits Leibniz ein Anliegen. In der Potsdamer Leibniz-Edition wird dieser nun ganz konkret: Sie wird von einem chinesischen Wissenschaftler geleitet.

POTSDAM. Nicht erst seit der Aufnahme ins Weltdokumentenerbe ist das internationale Interesse an Leibniz’ Nachlass groß. Die deutsche Leibniz-Ausgabe ist die historisch-kritische Textgrundlage für die Leibniz-Forschung weltweit und gilt als Mutter vieler nationalsprachlicher Editionen: Die zehnbändige japanische Leibniz-Ausgabe beruht auf der so genannten Akademie-Ausgabe, ebenso The Yale Leibniz in den USA. Eine spanische und eine chinesische Ausgabe von 19 bzw. 12 Bänden sind in Vorbereitung. Dass die vier Arbeitsstellen der innerhalb des Akademienprogramms herausgegebenen Leibniz-Edition in Deutschland international und universitär vernetzt sind, versteht sich daher von selbst. Ein Gespräch mit dem Philosophen Wenchao Li, Leiter der Leibniz-Edition Potsdam.

Der Briefwechsel von Leibniz wird nun ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Was erhoffen Sie sich davon?

Li: Ich denke, dass Leibniz ohnehin der ganzen Menschheit gehört. Aber vielleicht hilft diese Ehrung, der deutschen Öffentlichkeit zu vermitteln, was man an diesem großen Universalgelehrten hat, denn auf ihn darf man nicht nur stolz sein, auf ihn sollte man stolz sein. Wenn ich im Ausland von meiner Arbeit an der Edition erzähle, bekommen die Gesprächspartner sogleich leuchtende Augen. Es herrscht eine große Ehrfurcht vor diesem Leibniz, der vieles so vorausschauend und so tief durchdacht hat. Das bewundert man. Und Leibniz’ Nachlass ist einzigartig. Aus meiner Erfahrung vor allem in Asien – also Japan, Korea und China –, aber auch mit amerikanischen und europäischen Kollegen, kann ich sagen, dass die Leibniz-Edition mit großem Interesse verfolgt wird.

Titelblatt der Novissima Sinica.


Was macht den Nachlass von Leibniz so einzigartig?

Li: Zum einen ist er mit über 200.000 vielsprachigen Manuskriptblättern extrem umfangreich, einer der größten Gelehrten-Nachlässe überhaupt. Daran kann man hochrechnen, wie Leibniz sein Leben verbracht haben muss, um so viel zu entwerfen und zu schreiben. Dann ist es ein Glück, dass alles, oder fast alles, erhalten blieb. Die Leibniz-Edition kann so zu einem Stück lebendiger Erinnerung werden. Die Bewahrung der Erinnerung ist für eine Kultur von entscheidender Bedeutung. Daraus schöpft sie ihre Kraft, daraus ergibt sich ihre Identität, und so ist Zukunft Herkunft. Der Nachlass von Leibniz ist zweifelsohne lebendige Erinnerung, und die deutsche Wissenschaft hat die Pflicht, diesen Nachlass zu sichern, zu erhalten, kritisch-historisch zu erschließen und damit den Forschern weltweit zugänglich zu machen. Ich würde das als eine kulturpolitische Notwendigkeit bezeichnen.

Sie erzählten von den Reaktionen im Ausland. Betrifft das nur Asien?

Li: Nein, Leibniz ist weltweit gefragt. Das sieht man zum einen an den Leibniz-Ausgaben, die auf der Grundlage unserer Edition entstehen, und zum anderen an den großen internationalen Leibniz-Kongressen. In Berlin (2001) und Hannover (2006) wurden jeweils Hunderte Vorträge gehalten von Forscherinnen und Forschern aus über 30 Ländern. Hinzu kommen Besucher und ausländische Doktoranden in den Arbeitsstellen sowie E-Mails, in denen nach einem bestimmten Stück oder bestimmten Themen gefragt wird. Die Potsdamer Edition pflegt z.B. seit 1996 Forschungskontakte mit Kollegen aus 21 Ländern, am intensivsten mit den USA, Spanien, Israel und Italien. Die Editionsstellen veröffentlichen die edierten Schriften parallel in Buchform und im Internet und stellen den Forschern die Vorauseditionen im Internet zur Verfügung, auch um so dem global zunehmenden Interesse an Leibnizens Werk und Wirken gerecht zu werden.

In Deutschland wird eher kritisiert, wie lange die Edition braucht.

Li: Die lange Dauer kann auch für eine Edition sprechen, und so ein Projekt wie die Leibniz-Edition braucht Zeit! Ich persönlich bewundere, dass es die Leibniz-Edition trotz der Weltkriege, der nationalsozialistischen Herrschaft und der deutschen Teilung noch gibt, dass sie nie ernsthaft zur Disposition stand. Sicher, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Darin besteht auch eine gewisse Gefahr für die Editionsarbeit, deren Ergebnis, die historisch-kritische Ausgabe, gerade nicht schnelllebig sein darf. Dafür müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, im Fall der Leibniz-Edition, fast jede handschriftliche Seite ersteinmal entziffern, datieren, den Inhalt im historischen Zusammenhang verstehen, teilweise versteckte Beziehungen erläutern und so weiter. Leibniz war ja ungeheuer belesen. Sicher ist auch, dass ein solches Langzeitprojekt wie die Leibniz- Edition teuer und kostenaufwändig ist; dennoch muss es finanzierbar sein. Außerdem ist die Leibniz-Edition überaus effizient, besonders seit der Aufnahme ins Akademienprogramm vor 22 Jahren. Seitdem sind, mit wenig Personal, mehr als 25 Bände von durchschnittlich 870 Seiten erschienen. Etwa 48 haben wir jetzt insgesamt, die  der Forschung, der Nachwelt, den kommenden Generationen zur Verfügung gestellt werden können.

Was fasziniert Sie an Leibniz?

Li: Während meines Studiums in Heidelberg und Berlin habe ich mich für das 17. Jahrhundert interessiert. Da kommt man an Leibniz nicht vorbei. Den letzten Anstoß gab allerdings Leibniz’ Interesse an China.

Hat Leibniz viel über China nachgedacht?

Li: Ja, fast zeit seines Lebens, d.h. 50 Jahre lang – von 1666 bis 1716. Er hat mit den jesuitischen Missionaren in China direkt korrespondiert; etwa 70 Briefe sind überliefert. Dazu kommen Briefe mit Gelehrten in Europa über China usw. 1697 zum Beispiel hat er die „Novissima sinica“ herausgegeben – ein Buch über das Neueste aus China; 1715 hat er dann abermals in Briefform eine lange Abhandlung verfasst über die chinesische Philosophie. Das sind zwei große Leuchttürme in diesem Kontext. Interessant ist besonders der Appell, einen Austausch zu initiieren, gerade im 17. Jahrhundert, in dem Europäer mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit europäische Wissenschaft und Technik, ihre Werte und ihren Glauben nach China brachten! Just zu dieser Zeit sprach sich Leibniz dafür aus, dass man von Asien auch etwas lernen sollte, dass man Licht am Lichte entzünden sollte. Das ist ja ein ganz moderner Gedanke.

Sie edieren in Potsdam die Politischen Schriften. An welchem Band arbeiten Sie gerade?

Li: Band 6 wird derzeit fertig und erscheint Ende 2007/Anfang 2008. Der Band umfasst auf ca. 800 Druckseiten 131 Schriftstücke aus den Jahren 1695 bis 1697. Darin sind auch die „Novissima Sinica“ enthalten, die wir erstmals vollständig edieren, d.h. über Leibniz’ Vorwort hinaus auch die von ihm zusammengetragenen Dokumente. In seinem bereits damals berühmten Vorwort widmet sich Leibniz dem Verhältnis zwischen China und Europa bzw. dem Spannungsfeld China, Europa und Russland. Er bezeichnete China als  „Europa des Ostens“ und sah in der Verbindung durch Russland eine göttliche Entscheidung dafür, dass die zwei hoch zivilisierten Kulturen durch einen Austausch ihres Wissens ein der Vernunft entsprechendes Leben zwischen den Völkern herbeiführen sollten. Und dabei sollten sie Russland als Brücke und Vermittler mitnehmen.

Wie hat er sich diesen Austausch vorgestellt?

Li: Nach Leibniz liegt die Stärke Europas in der Metaphysik, der Theologie, der Mathematik und der Philosophie, während die chinesischen Stärken in überlieferten Erfahrungen, in technischen Fertigkeiten, in der Staatsführung und in der praktischen Philosophie bestehen. Nun ja, das war seine Interpretation. Demnach ermöglicht diese Konstellation einen Austausch zum beiderseitigen Nutzen. Man sollte also nicht nur die europäischen Wissenschaften nach China bringen, sondern auch die chinesische Kultur und chinesischen Wissenschaften in Europa bekannt machen, im Interesse und zum Vorteil Europas.

Die Potsdamer Leibniz-Edition hat nun über Sie besonders gute Kontakte zu China.

Li: Das Interesse an Leibniz wächst in den letzten Jahren in China sehr. Eine mehrbändige chinesische Leibniz-Ausgabe ist in Vorbereitung, eine chinesische Leibniz-Kommission wurde inzwischen gegründet, eine Leibniz-Forschungsstelle gibt es seit 1997. Die „Novissima Sinica“ wurden unter Mitwirkung der Potsdamer Leibniz-Edition 2005 ins Chinesische übersetzt – erstmals vollständig und direkt aus dem Lateinischen. Ebenfalls im Jahre 2005 fand unter Potsdamer Beteiligung ein internationales Symposium über Leibniz’ politische Philosophie statt; der Tagungsband erscheint in diesen Tagen. Demnächst werden Doktoranden aus China nach Potsdam an unsere Arbeitsstelle bzw. nach Berlin an die FU kommen, um Material für ihre Doktorarbeiten über Leibniz zu sammeln. Durch meine Person ist die Verbindung vielleicht noch etwas enger und konkreter geworden, aber vor allem ist Leibniz ein großer Name in China. Nebenbei bemerkt: Dass Deutschland, einschließlich seiner Wirtschaft, in China einen sehr guten Ruf hat, ist unter anderem auf große Denker wie Leibniz zurückzuführen. Das übersieht man hierzulande nur oft.

Wie erklären Sie sich das wachsende Interesse an Leibniz in China?

Li: Ein wichtiger Aspekt ist sicherlich die Aktualität seiner Schriften und seines Denkens. Das kann man gerade an den politischen Schriften, die in Potsdam bearbeitet werden, sehr gut beobachten. Wir leben in einer globalisierten Welt – im 17. Jahrhundert wird das Universalismus genannt. Die Probleme, die wir jetzt haben, die hat man damals auch schon gehabt; und die Fragen, die sich damals stellten, sind zum großen Teil bis heute aktuell geblieben. Bei den Antworten findet man dann oft auch brauchbare Ansätze für die Gegenwart. Wie geht man in einer globalen Welt mit fremden Kulturen um? Wie soll eine gerechte Welt aussehen? Was ist das Glück? Darüber hat sich Leibniz Gedanken gemacht, und man fühlt sich, nicht nur in China, angesprochen durch seine Denkansätze, etwa seine Definition von Gerechtigkeit als Liebe des Wissenden, seine wohlwollende und verstehende Interpretation fremder, also nichtchristlicher Kulturen und Religionen, seine Überzeugung von der Universalharmonie aller Interessengegensätze, den Gedanken der Caritas und nicht zuletzt den Gedanken der Einheit in der Vielheit. All diese Gedanken und Denkansätze sowie diejenigen, die immer noch in den Manuskriptblättern verborgen sind, gilt es zu erschließen und zu bewahren.

Die Fragen stellte Dr. Annette Schaefgen


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