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Gedankengänge und Geheimaktionen
Die Welfengeschichte solle er endlich schreiben, meinte Leibniz’ Arbeitgeber, der Kurfürst von Hannover. Was Leibniz tatsächlich beschäftigte, erfahren erst die Leser der Leibniz-Edition.

HANNOVER. Leibniz veröffentlichte nur einen kleinen Teil seiner Ideen, ein endgültiges Hauptwerk gibt es bei ihm nicht. Denn der selbstkritische Geist war nie zufrieden mit dem, was er zu Papier brachte. Er entwickelte seine Gedanken zum Teil über Jahrzehnte weiter, ergänzte und korrigierte sie immer wieder. Vor allem jedoch schrieb er alles auf – und gewährt dem heutigen Leser der über das Akademienprogramm geförderten Leibniz-Edition damit das Privileg, in die Werkstatt eines Universalgelehrten zu schauen.

Dabei ließ er sich gar nicht gern in die Karten sehen. Leibniz hortete seine Schriftstücke, um sie zu seiner „Scientia generalis“ zusammenzufassen: Das gesamte Wissen seiner Zeit wollte er darin einer streng logischen Beurteilung unterziehen und es gleichzeitig in systematischer Form darstellen. Kein zu früher Vorstoß sollte dieses Projekt gefährden.

Nur manchmal riss selbst ihm der Geduldsfaden. Zum Beispiel als sein Zeitgenosse Tschirnhaus einen Artikel zur Differentialmathematik verfasste. Darin gab Tschirnhaus nicht nur Leibniz’ Ideen als seine eigenen aus – beide hatten über Mathematik gesprochen. Nein, er hatte sie nicht einmal richtig verstanden und referierte sie falsch! „Da musste er reagieren und veröffentlichte seine berühmte Arbeit zur Differential- und Integralrechnung“, sagt Prof. Dr. Herbert Breger, der Leiter des Leibniz-Archivs Hannover. Er betreut dort unter anderem die mathematischen Schriften aus Reihe VII der Leibniz-Edition. „Seine Schrift gilt heute als die Geburtsstunde der modernen Mathematik, sie ist grundlegend für alle Natur- und Technikwissenschaften. Aber wer weiß, wie lange er ohne den Ärger über Tschirnhaus die Veröffentlichung aufgeschoben hätte.“

Von der Suche nach einem inneren Zusammenhang

Die Papiere lagen ohnehin schon neun Jahre in der Schublade. Als junger Mann von knapp 30 Jahren hatte Leibniz die Infinitesimalrechnung in Paris entwickelt und damit eine Methode gefunden, mit der man Flächen und Tangenten, aber auch die Länge einer Kurve und ihren Schwerpunkt bestimmen kann. Vorher musste für jedes dieser Probleme mühsam ein eigener Lösungsansatz gefunden werden. In zwei Bänden, die im Frühjahr 2008 in Reihe VII der Leibniz-Edition erscheinen, wird nun erstmals deutlich, wie Leibniz in einem Wust von Einzelrechnungen nach einem inneren Zusammenhang suchte und schließlich zu einer höheren Abstraktionsebene und Schlüssen gelangte, die wir noch heute nutzen. Dennoch dachte er nicht sofort an deren Veröffentlichung. In seiner neuen Stellung am Hof von Hannover hatte er erst einmal anderes zu tun. Und es gab noch so viel mehr, das ihn interessierte.

Leibniz mit Kurfürstin Sophie und ihrer Tochter Sophie Charlotte (der späteren Königin von Preußen) im Garten von Herrenhausen. Gemälde von Otto Dieckmann, 1899. Abb.: Jens Fehlisch (Fotograf des Bildes). Mit freundlicher Genehmigung der Landeshauptstadt Hannover
Wie viele Ideen von Leibniz bisher noch in den Archiven lagern, lässt ein Seufzer erahnen, den er einmal auf einem Zettel festhielt: „Manchmal kommen mir morgens während einer Stunde, in der ich noch im Bett liege, so viele Gedanken, dass ich den gesamten Vormittag und mitunter den ganzen Tag und länger brauche, um sie deutlich aufzuschreiben.“ Und er schrieb tatsächlich alles auf: Von Gedankenfetzen bis zu elaborierten Gedankengebäuden ist alles in den verschiedensten Stadien erhalten. „Leibniz dachte mit der Schreibfeder“, sagt Dr. Hartmut Rudolph, der bis vor kurzem die Arbeitsstelle Potsdam leitete. „Wir versuchen, diesem großen Gelehrten in seinen Gedankengängen zu folgen und sie für die Nachwelt sichtbar zu machen.“

Forum permanenter Kritik

Das Wort „Variantenapparat“ ist für die Leibniz-Edition zentral. Was zunächst nach pedantischer Akribie klingt, ermöglicht erst den Blick in die Werkstatt – auch gestrichene, ergänzte oder ersetzte Textteile werden hier erfasst. „Ohne die Varianten würde ein entscheidendes Wesensmerkmal der Leibnizwelt ausgeblendet“, sagt Rudolph. Schließlich handele es sich bei Leibniz um einen Philosophen, der sich nicht nur im Diskurs mit seinen gelehrten Zeitgenossen befand, sondern dessen Kopf selbst so etwas wie eine Republik kritischer Geister, ein Forum permanenter Kritik bildete. „Da wurden keine letztgültigen Erkenntnisse proklamiert. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Resultaten war das Beständige.“

Aus 500 immer wieder korrigierten Stücken können so bis zu 27.000 Varianten werden, der Durchschnitt in der Leibniz-Edition liegt bei zehn Varianten pro Druckseite. Nicht allein Leibniz’ zum Teil schwierige Handschrift und die Vielsprachigkeit seiner eng beschriebenen Manuskripte erfordern daher die Expertise der Editoren. Auch die Kommentierung und zeitliche Anordnung der zumeist undatierten Texte und Varianten mit ihren impliziten Referenzen ist zeitaufwändig. Denn dazu müssen die Editoren die Texte nicht nur transkribieren, sondern den Gedankengang verstehen – ohne selbst ein Leibniz zu sein.

Ariadnefaden durch die Leibnizwelt

Diesen Ariadnefaden durch Leibniz’ Gedankenwelt können die Leser der Leibniz-Edition nicht nur in der gedruckten Fassung aufgreifen. Dr. Hartmut Hecht, der Leiter der Berliner Arbeitsstelle, die in Reihe VIII den bislang am wenigsten bekannten Naturforscher Leibniz der Öffentlichkeit vorstellt, nutzt zusätzlich für eine Internetversion der Edition (http://leibnizviii.bbaw.de) die Möglichkeiten des Netzes möglichst umfassend. „Ähnlich einem Forscher im Archiv startet man mit dem Scan der Handschrift und kann diesen Eindruck genießen“, erklärt Hecht. In einem zweiten Schritt könne der Leser Handschrift und Edition vergleichen und durch wenige Mausklicks die unterschiedlichen Textversionen und Textschichten farbig markiert aufrufen. Auch Zeichnungen, in denen Leibniz eine zeitliche Entwicklung in der räumlichen Struktur einer einzelnen Illustration unterbringt, werden so in ihre Bestandteile zerlegt und für das heutige Auge leichter zugänglich. „Wenn man möchte, gelangt man zusätzlich über Links zu Veröffentlichungen der Leibniz-Zeit, die seine Gedanken in die damalige wissenschaftliche Debatte einbinden“, sagt Hecht, der das Experiment „Hybrid-Edition“ enthusiastisch betreibt. „Leibniz hätte das gemocht! Der war neugierig auf alles Neue.“

Leibniz’ binäre Zahlen. Abb.: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover

Die neue Technik wird auch von den anderen Arbeitsstellen genutzt. Fast alle bereits bearbeiteten Reihen, Bände und Register der Leibniz-Edition können im Internet abgerufen und nach komplexen Stichwortkombinationen durchsucht werden – mittlerweile insgesamt 19.000 Seiten und Register mit zusammen 90.400 Stichworten. Ihr Vorteil: Sie können sehr effizient hergestellt und später analog zur Druckfassung zitiert werden. Gleichzeitig kann man hier auch im Sachregister suchen, was Leibniz etwa in Sachen Klima zu sagen hatte, und gelangt von dort mit einem Klick direkt zu den entsprechenden Stellen der Edition.

Ein vorsichtiger Briefschreiber

„Mich erstaunt immer wieder, wie Leibniz seine Thesen vorsichtig an sein Gegenüber anpasst, dessen Perspektive einnimmt und gleichzeitig darauf achtet, ihm nicht zu sehr entgegenzukommen“, sagt Prof. Dr. Martin Schneider, der Leiter der Arbeitsstelle Münster, die die philosophischen Schriften und Briefwechsel ediert. „Diese Vielfalt der Begründungen zeigt ihn als Universalgenie. Nehmen Sie zum Beispiel den Energie-Erhaltungssatz. Da hat er gegenüber dem Philosophen Descartes argumentiert, dass die physische Kraftmenge und nicht die Menge der Geschwindigkeit in der Welt erhalten bleibt. Bei einem Physiker bezieht er das Galileische Fallgesetz in seine Begründung ein, einem Theologen gegenüber betont er, dass die Aktivität der Seele aus der Kraft resultiert, die jeder Substanz, jedem Individuum innewohne.“ Natürlich habe man schon vor der Edition die Schriften Leibniz’ zu Kraft und Substanz gelesen – der Philosoph Leibniz war kein Unbekannter. Doch wie er seine Ideen gegenüber den verschiedensten Menschen vertrat und in den verschiedensten Momenten niederlegte, das erkennt man erst jetzt.

Und manchmal wird nur dank der Varianten greifbar, was Leibniz wirklich meinte. Er war ein vorsichtiger Mensch, der sich öffentlich nur diplomatisch äußerte, niemanden kränken wollte und auch eigene Kränkungen verbarg. In seinen Konzepten wurde er deutlicher. „Im Briefwechsel mit Antoine Arnauld etwa hat Leibniz zum Teil drei sorgfältig ausgearbeitete und stark voneinander abweichende Entwürfe erarbeitet, die er nicht verschickt hat“, sagt Schneider. „In der letzten Fassung hielt er oft einiges zurück. Er musste Rücksicht nehmen. Bei Themen wie der Prädestination, der Idee von der besten aller möglichen Welten, bei der Diskussion um den freien Willen wurden schließlich religiöse Befindlichkeiten berührt. Briefe waren zu dieser Zeit keine geheimen Dokumente. Man ließ sie im Freundeskreis zirkulieren, und auch das Postgeheimnis scherte keinen Fürsten.“

Erst recht nicht, als Leibniz immer wieder in den Verdacht geriet, politisch unzuverlässig zu sein. Bei einem Berlin-Aufenthalt im Jahr 1700 etwa hielt man ihn in Berlin für einen Spion des Kurfürsten von Hannover, weil er so lange blieb. In Hannover dagegen ärgerte man sich über Leibniz, der, statt endlich die Welfengeschichte zu Ende zu bringen, mal wieder auf Reisen war. „Leibniz liebte das Reisen“, sagt Breger. „Er brauchte das, um sich neue Anregungen zu holen und sich mit anderen auszutauschen.“ Als der Kurfürst von Hannover ihm schließlich das Reisen untersagte, machte er sich heimlich auf den Weg – und benutzte dazu eine ganze Palette von Pseudonymen.

In geheimer Mission

Seine politischen Aktivitäten verschleierte er mitunter so sehr, dass die Editoren heute fast detektivische Fähigkeiten brauchen. So kam erst durch die Recherchen von Dr. Sabine Sellschopp vom Leibniz-Archiv in Hannover heraus, dass Leibniz sich heimlich in Wien weiter um die Reunion der beiden Kirchen bemühte, ein Unternehmen, das seinem Arbeitgeber in Hannover nicht genehm sein konnte. Der Kurfürst rechnete sich Chancen auf den Thron von England aus – und dort war nichts so verpönt wie der Verdacht, mit den Katholiken zu paktieren.

Als im Leibniz-Nachlass ein Schreiben von Walendorp aus Krems auftauchte, das von Leibniz scheinbar nur abgeschrieben worden war, schien die Handschrift für die Edition irrelevant. Sabine Sellschopp fiel jedoch auf, dass die „Abschrift“ verschiedene Streichungen, Ergänzungen und Neuansätze enthielt, also wie ein Briefkonzept anmutete. Nach und nach konnte sie ihre Hypothese beweisen, dass Walendorp ein weiteres Pseudonym für Leibniz war. Dieser hatte in Wien neben der Reunion noch ein weiteres heikles Anliegen: Er interessierte sich für die Stelle des Reichshofrates am Kaiserhof, da seine Karriere in Hannover ins Stocken geraten war. Beides kam nun erst 300 Jahre später durch die Edition ans Licht. Hätte Kurfürst Georg Ludwig davon gewusst, hätte er wohl kaum noch mit Humor auf die geheimen Reisen seines unbotmäßigen Beamten reagieren können. So wie im Januar 1709, als er erklärte, er wisse nicht, wo Leibniz sei, und er wolle in den Zeitungen demjenigen, der Leibniz wiederfinde, eine Belohnung aussetzen lassen.


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