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HANNOVER. Als das internationale Beraterkomitee für das UNESCO-Programm „Memory of the World“ entschied, den Briefwechsel von Leibniz in das Weltdokumentenerbe aufzunehmen, freute man sich in Hannover an gleich zwei Stellen. Zum einen in der „Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek“, wo der Nachlass des Universalgelehrten aufbewahrt wird, zum anderen im Leibniz-Archiv, das in demselben Hause angesiedelt ist. Das Leibniz-Archiv ist gleichzeitig eine von vier Arbeitsstellen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die gemeinsam den riesigen Nachlass von Leibniz für die Nachwelt erschließen. Auch die Briefe sind Teil der Leibniz-Edition, sie werden von der Göttinger Akademie veröffentlicht. Die einzigartige Bedeutung dieser Briefe für die Geistes-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte Europas und der westlichen Welt wird nun durch die UNESCO gewürdigt. Die UNESCO-Urkunde soll im nächsten Jahr feierlich übergeben werden.
Man hat Leibniz' Briefwechsel als sein Hauptwerk bezeichnet. Tatsächlich hat Leibniz weder in der Philosophie noch in der Mathematik oder der Geschichtswissenschaft ein Hauptwerk im Sinne eines einzelnen Buches hinterlassen. Im brieflichen Gespräch mit seinen Korrespondenten hat Leibniz jedoch immer wieder schwierige Fragen genauer erläutert und zahlreiche Themen angeschnitten, zu denen er nichts veröffentlicht hat. Das macht die Briefe für uns wertvoll.
Leibniz' ausgedehnte Reisen (vier Jahre Aufenthalt in Paris, Besuche in England und den Niederlanden, ein Jahr in Italien) prägten seine Interessen ebenso wie seine vielseitige und internationale Korrespondenz. Wie kaum ein anderer Gelehrter war Leibniz ein Mann der Kommunikation und der Vernetzung. Er korrespondierte mit rund 1.100 Briefpartnern aus allen sozialen Schichten und in ganz Europa; rund 15.000 Briefe sind überliefert. Das briefliche Gespräch war ein wichtiger Teil der Leibniz’schen Lebensform. Während sich heute die wissenschaftliche Kommunikation in fachspezifischen Journalen und die informelle Kommunikation in E-Mails vollzieht, wurden in der Leibniz-Zeit beide Funktionen durch den Brief abgedeckt. Leibniz’ Nachlass spiegelt die Internationalität seines Denkens schon äußerlich in der Sprache wider; rund 40 Prozent sind im internationalen Latein der Gelehrten verfasst, rund 30 Prozent schrieb er auf Französisch, rund 15 Prozent auf Deutsch. Hinzu kommen einzelne Texte auf Englisch, Italienisch und Niederländisch; die Ernennungsurkunde zum russischen Justizrat ist in russischer Sprache verfasst.
Für ein wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen den Kulturen
Leibniz' Bemühungen um Harmonie, Kommunikation, Austausch und Vermittlung zwischen den Nationen, Kulturen und Religionen wird auch in seiner Korrespondenz mit Jesuiten deutlich, die mit Erlaubnis des chinesischen Kaisers als Missionare in China tätig waren. Er schlug vor, dass junge Chinesen nach Europa kommen und die Europäer unterrichten sollten. In ähnlichem Sinne bedauerte er, dass das Studium der arabischen Sprache in Europa zu wenig betrieben werde. In den Briefwechseln zur Kirchenpolitik entwickelte Leibniz eine Konzeption der Vereinigung der christlichen Kirchen auf der Grundlage eines herrschaftsfreien Diskurses. Beide Seiten müssten in der Diskussion gleiche Rechte haben.
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Beginn von Leibniz’ „Discours sur la theologie naturelle des Chinois“, Januar 1716. Abb.: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover
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Leibniz’ gedanklicher Kosmos bildet gewissermaßen die Drehscheibe, mit der das Denken des Mittelalters und der Antike in die europäische Neuzeit vermittelt wird; sein Einfluss auf Wissenschaft und Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist kaum zu überschätzen. Mit der Entwicklung der Differential- und Integralrechnung (unabhängig von und gleichzeitig mit Newton) leistete Leibniz einen entscheidenden Beitrag zur Grundlegung unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation. In seinen historischen Briefwechseln entwickelte Leibniz die Methoden, Kriterien und Paradigmen quellenkritischer Geschichtsforschung. Als Philosoph zielte er auf die gedankliche Verbindung des neuen naturwissenschaftlichen Denkens mit den moralischen Fragen der Menschheit. Das Individuum steht im Mittelpunkt seiner Philosophie, und die Natur soll wissenschaftlich erforscht und technisch genutzt, aber doch in ihrem Eigenwert respektiert werden. Der für Leibniz so typische Geist der Harmonie und der Integration widerstreitender Perspektiven kommt nicht nur in seiner Philosophie, sondern auch in seinen Bemühungen um die Vereinigung der christlichen Konfessionen zum Ausdruck. Über die Grenzen der einzelnen Fächer hinaus ist Leibniz eine zentrale Gestalt der „scientific community“; er propagierte und lebte den Wissenstransfer. Seine europaweiten Bemühungen um die Gründungen von Akademien sind vor diesem Hintergrund zu verstehen.
Leibniz dachte mit der Feder ein Glücksfall für den Nachlass
Die Briefe sind jedoch nur ein Teil des Leibniz-Nachlasses, der in der Akademie-Ausgabe vollständig erschlossen wird. Eine Besonderheit des Leibniz-Nachlasses ist darin zu sehen, dass Leibniz schreibend gedacht hat; der Entstehungsprozess seiner Gedanken wird im Nachlass dokumentiert. Leibniz' Bemerkung gegenüber einem Briefpartner „Wer mich nur aus meinen veröffentlichten Schriften kennt, kennt mich nicht“ bestätigt die Bedeutung einer Gesamtausgabe. Ein großer Teil ist bisher unkatalogisiert und erst recht unveröffentlicht. An der Veröffentlichung wird von insgesamt vier Arbeitsstellen der Göttinger und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Hannover, Münster, Berlin und Potsdam gearbeitet.
Rund 60 Prozent des Briefwechsels, das sind 28 Bände von jeweils mehr als 800 Seiten, sind in der Akademie-Ausgabe veröffentlicht und durch ausführliche Register erschlossen. Die seit 2001 erschienenen Bände stehen unter www.leibniz-edition kostenlos im Internet zur Verfügung. In diesen Dateien ist auch eine elektronische Volltextsuche möglich.
Der Briefwechsel (und der überwiegende Teil des Nachlasses) wird in der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Niedersächsische Landesbibliothek Hannover aufbewahrt.
Weitere Informationen zum Weltdokumentenerbe auf der Website der Deutschen UNESCO-Kommission
http://www.unesco.de/ua21-2007.html?&L=4%20class%3D1
und auf der Website der UNESCO
www.unesco.org/webworld/mow
Der Autor, Prof. Dr. Herbert Breger, ist Leiter der Leibniz-Arbeitsstelle Hannover der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Leibniz-Archiv).
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