Union der deutschen Akademien der Wissenschaften
  DIE AKADEMIENUNION FORSCHUNG / AKADEMIENPROGRAMM KLEINE AKADEMIEGESCHICHTE AKTUELLES SERVICE  
Startseite English
   
VeranstaltungenPressekonferenzen"Aus den Akademien"PressemitteilungenAus aktuellem Anlass Aktuelles
Geistiger Denkmalschutz
Leibniz’ Denken ist noch heute aktuell. Doch solange sein Nachlass nicht vollständig ediert ist, bleiben manche seiner Ideen in Stapeln alter Papiere verborgen.

HANNOVER. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) hinterließ mit 200.000 vielsprachigen Manuskriptblättern einen der größten und bedeutendsten Gelehrten-Nachlässe weltweit. Vier Arbeitsstellen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften edieren diesen Nachlass für eine historisch-kritische Gesamtausgabe. Das Mammutprojekt wurde im Jahr 2007 mit 1.565.000 Euro aus dem Akademienprogramm gefördert und ist damit der größte Posten im gemeinsamen Forschungsprogramm der deutschen Wissenschaftsakademien.

Dr. Hartmut Rudolph, der ehemalige Leiter der Potsdamer Arbeitsstelle, hat es ausgerechnet: Wenn ein einzelner Forscher den gesamten Nachlass einmal durchlesen wollte – er hätte 20 Jahre lang einen Acht-Stunden-Tag. Zu viel für jemanden, der lediglich nachschlagen möchte, ob sich bereits Leibniz über das Klima Gedanken machte, wie er das binäre Zahlensystem entwickelte oder wie er es mit der Völkerverständigung hielt.

Was sonst Stapel alter Papiere wären, wird erst durch Edition des Nachlasses für die Forschung handhabbar. Die glaubte den Philosophen, Akademiegründer und Mathematiker Leibniz bereits ansatzweise zu kennen. Doch was ist mit dem Naturforscher, dem Politikberater, Sozialreformer, dem Vater der modernen Sprachwissenschaft? Leibniz forschte in allen Wissensdisziplinen seiner Zeit – und das keinesfalls im Elfenbeinturm, sondern mit dem Anliegen, durch gründliches, radikales Denken die Welt zu verändern. „Theoria cum praxi“ war sein Wahlspruch, Theorie und Praxis sollten ineinandergreifen. So schuf er unter anderem seine berühmte Rechenmaschine, weil er meinte: „Es ist unwürdig, dass die Stunden hervorragender Leute durch niedrige Rechenarbeiten vertan werden, die durch die Anwendung einer Maschine jeder Beliebige sicher ausführen kann.“

Rechenmaschine von Leibniz. Abb.: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover

Aus Andeutungen die Fakten erschließen

Für die Edition seines Nachlasses allerdings steht – außer dem Computer – keine Maschine zur Verfügung. Sie verlangt von den Experten in den Arbeitsstellen in Hannover, Münster, Berlin und Potsdam ein außergewöhnlich breites Wissen, um die Gedankengänge des Gelehrten nachzuvollziehen. Bei den vielsprachigen und nur schwer entzifferbaren Handschriften handelt es sich außerdem meist um Konzepte, die Leibniz nicht für die Augen anderer schrieb. Auf welche Personen, Publikationen, historische Ereignisse und Diskussionen sich Leibniz bezieht, deutete er in seinen Papieren nur an; auch Datierungen fehlen häufig. Diese Informationen zu ermitteln und mit Hilfe umfangreicher Kommentare, Variantenapparate und Register nutzbar zu machen, ist der wichtigste Teil der Editionsarbeit.

In drei Reihen Briefen und bisher vier Reihen Schriften vervollständigen so die Mitarbeiter der Leibniz-Edition das bislang bestenfalls skizzenhafte Bild, das wir von einem der größten und fleißigsten Universalgelehrten der europäischen Geschichte haben. 108 Bände werden es voraussichtlich, 44 sind bereits erschienen. Rund 40 Prozent des Leibnizschen Schaffens sind damit für jedermann einsehbar. Darin erfährt man unter anderem, dass Leibniz der modernen Physik mitunter näher war als Newton, dass man ihn als einen Vordenker der Globalisierung sehen kann und dass ihm bei seinen Anstrengungen um eine Reunion der beiden Kirchen ein Grad der gegenseitigen Akzeptanz vorschwebte, den die Ökumene erst heute zustande bringt. Doch vor allem zeigt sein Werk exemplarisch den Modernisierungsprozess, der Europa im 17. Jahrhundert erfasste und die Grundlagen für unsere Epoche legte.

„Es hat wohl kein Mensch (…) mehr gedacht, mehr geschrieben als Leibniz.“

Bereits Diderot mahnte 1765 eine Gesamtausgabe an: „Es hat wohl kein Mensch so viel gelesen, so viel studiert, mehr gedacht, mehr geschrieben als Leibniz. Dennoch gibt es keine Gesamtausgabe seiner Werke. Es ist schon unerhört, daß Deutschland, dem dieser Mensch allein mehr Ehre eingebracht hat als Platon, Aristoteles und Archimedes zusammen Griechenland einbringen konnten, es noch nicht fertiggebracht hat, das zu sammeln, was aus seiner Feder geflossen ist.“ Aus privaten Mitteln jedoch war ein solches Unternehmen nicht zu finanzieren. Erst 1901 erkannte die Association Internationale des Académies die missliche Situation und beauftragte die Preußische Akademie der Wissenschaften und die Académie des Sciences und die Académie des Sciences Morales et Politiques mit dem Vorhaben, die Quellen zu katalogisieren und das Lebenswerk des Philosophen in etwa 50 Bänden zu präsentieren.

Doch der Erste Weltkrieg setzte der deutsch-französischen Kooperation ein jähes Ende. Und auch als 1920 die Preußische Akademie beschloss, das Unternehmen im Alleingang weiterzuführen, konnte die Arbeit nicht unbehindert fortgesetzt werden. Die Weltwirtschaftskrise brachte erneute Schwierigkeiten, in der Nazizeit musste ein wichtiger jüdischer Mitarbeiter emigrieren, der Zweite Weltkrieg stoppte bald auch die Bemühungen der anderen. Nach dem Krieg zerriss die deutsche Teilung die Arbeit an der Edition: Nur die politischen Schriften blieben unter der Verantwortung der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin, die anderen Reihen siedelten sich mit den Editoren in der Bundesrepublik an – die Arbeitsstellen in Hannover und Münster wurden bereits 1962 und 1956 gegründet und stehen unter der Obhut der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Sie wurden ab 1984 in das Akademienprogramm aufgenommen; die Arbeitsstellen in Berlin und Potsdam (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) folgten nach der Wende.

Allein umfangreiche 25 Bände in den letzten 21 Jahren

Seitdem steht die Arbeit an der Edition erstmals auf sicherer finanzieller Grundlage. Und seitdem geht es auch voran: In den letzten 21 Jahren (2007 nicht mitgerechnet) sind 25 Bände von jeweils durchschnittlich 870 Seiten erschienen. Die seit 2001 erschienenen Bände stehen kostenlos im Internet zur Verfügung. In den Registern sind mittlerweile 16.600 Personen und 73.800 Sachworte verzeichnet; sie erschließen bereits jetzt große Teile des kostbaren und in mancher Hinsicht einzigartigen Leibniz-Nachlasses.

In Münster, wo unter der Leitung von Prof. Martin Schneider die philosophischen Schriften und der philosophische Briefwechsel ediert werden, haben die Mitarbeiter etwas mehr als die Hälfte ihres Pensums erfüllt. „Der Philosoph Leibniz wird immer noch am stärksten rezipiert. Entsprechend groß ist das Interesse an unserer Arbeit“, sagt Schneider. Bisher waren zwar einzelne Schriften, Briefe und Anekdoten bekannt – wie Leibniz der Kurfürstin Sophie bewies, dass es auf der Welt keine zwei Dinge gebe, die sich bis ins Detail gleichen, fand bereits Eingang in zeitgenössische Bilder. Doch nun wird erstmals das vollständige Werk in chronologischer Folge und unter Berücksichtigung aller Quellen präsentiert. „Es kommen immer wieder neue Mosaiksteine hinzu“, sagt Schneider. Im derzeit vorbereiteten Briefband, der die Jahre 1686-1694 abdeckt, erscheint unter anderem die Korrespondenz Leibniz’ mit Antoine Arnauld über die Freiheit des Willens, die individuelle Substanz und die Prädestination. „Es handelt sich hier um den reifen Leibniz, der seine Position schon gefunden hat. Dennoch wird er nie doktrinär, hat Interesse an Kritik, Widerspruch und anderen Meinungen. Er gesteht jedem eine einzigartige Perspektive zu und sucht nach der Wahrheit, die darin liegen könnte.“

Auch heute noch von Leibniz lernen

Das jüngste Kind des Unternehmens, die 2001 gegründete Arbeitsstelle in Berlin, widmet sich dem Teil des Nachlasses, der bislang am wenigsten von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. In acht Bänden wollen die Editoren um Dr. Hartmut Hecht den Naturforscher, Techniker und Mediziner Leibniz vorstellen. „Unsere Unterlagen sind voller Experimente und Illustrationen!“, sagt Hecht. „Und er will mit den Experimenten aus den unterschiedlichsten Bereichen nicht einfach ein Gesetz verifizieren oder falsifizieren, sondern versucht, ein Prinzip zu finden, das sie verbindet, und dadurch eine neue Physik zu begründen. So wie Einstein später mit einem Gedankenexperiment das Äquivalenzprinzip der Allgemeinen Relativitätstheorie einführte.“ Aus den Prinzipien wiederum zieht er sehr praktische Schlüsse für Probleme seiner Zeit, sei es nun in der Nautik, der Optik oder anderen Disziplinen. „Von diesem ganzheitlichen Ansatz können wir heute noch lernen. Leibniz ist nicht nur Wissenschaftsgeschichte und Bildungsgut“, meint Hecht. Er plant daher im Oktober nächsten Jahres zusammen mit dem Institut für Markentechnik in Genf eine „Leibniz-Werkstatt“, in der Markensoziologen, Ökonomen und Politiker über den Primat des Ortes in einer globalisierten Welt nachdenken sollen. Später soll auch der Stringtheoretiker Lee Smolin eingeladen werden, der seine physikalischen Vorstellungen auf Leibniz aufbaut und Hecht damit fasziniert hat: „Leibniz ist keine abgelegte Gestalt des menschlichen Geistes! Sein Denken lebt nach wie vor.“

Für die von Leibniz entwickelte Differential- und Integralrechnung gilt das allemal. „Sie ist nicht mehr wegzudenken aus den Ingenieur- und Technikwissenschaften“, sagt Prof. Dr. Herbert Breger, der mit dem Leibniz-Archiv in Hannover die größte Arbeitsstelle leitet. Gleich drei Reihen werden hier betreut – darunter neben dem allgemeinen, politischen und historischen sowie dem mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Briefwechsel auch die mathematischen Schriften. Im nächsten Frühjahr werden nun erstmals zwei Bände erscheinen, die zeigen, wie Leibniz zu dieser Art des Rechnens kam. Im thematisch dazugehörigen Briefband kann man darüber hinaus den Siegeszug der Differential- und Intergralrechnung nachlesen. In den naturwissenschaftlichen Briefen widmete sich Leibniz allerdings auch so praktischen Fragen wie der magnetischen Deklination. „Dahinter verbirgt sich das Problem, dass ein Kompass nie genau nach Norden zeigt. Eines der großen Desiderate der Seefahrt, wie Leibniz sagte, das er letztlich nicht lösen konnte, da das flüssige Eisen im Erdinneren ständig in Bewegung ist. Heute nutzen wir deshalb GPS, das ist genauer“, sagt Breger.

In Potsdam übt man sich unterdessen darin, die politischen Schriften und ihre Themen rund um das Soziale, die Kirche und das Recht auch einem breiteren Publikum zu erschließen – zum Beispiel durch Tage der offenen Tür. „Es ist uns sogar gelungen, Schüler für unsere Arbeit zu begeistern“, sagt Prof. Dr. Wenchao Li, der die Arbeitsstelle Potsdam leitet. Diese schreibt unter den Oberstufen der Gymnasien, den Gesamtschulen mit gymnasialen Oberstufen und den Oberstufenzentren in Brandenburg den „Lieselotte-Richter-Preis“ aus, um Schüler für historisch-kritische Editionen als einen Bereich geisteswissenschaftlichen Arbeitens zu interessieren und ihnen die Freude am Umgang mit den Texten zu vermitteln. „Wir haben uns sehr über das große Echo gefreut!“, sagt Li. „Schließlich sind wir stolz auf unsere Arbeit und wollen die Faszination auch an kommende Generationen weitergeben.“

www.leibniz-edition.de


Druckversion

Redaktion
Union der deutschen Akademien
der Wissenschaften
Büro Berlin
Myriam Hönig (v.i.S.d.P.)
Jana Schlütter
Markgrafenstr. 37
10117 Berlin
Tel. 030 / 325 98 73 72
schluetter@akademienunion-berlin.de

  Die AkademienBerlinGöttingenMünchenLeipzigHeidelbergMainzDüsseldorfHamburg  Impressum