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MAINZ. Bereits im Mittelalter haben sich die Menschen in Trier mit öffentlich zugänglichen Inschriften auf eine antike Tradition berufen. Der römischen Vergangenheit erinnert man sich also nicht erst heute - wie zum Beispiel mit der großen Constantin-Ausstellung. Vielmehr glaubten unter anderem die Stiftsherren der Kirche St. Paulinus in Trier, das Grab des Constantius Chlorus zu besitzen, des Vaters von Constantin dem Großen. Zu Unrecht, wie sich nun zeigt. Dies und weitere Streiflichter aus dem Mittelalter erhellt der von Rüdiger Fuchs bearbeitete Band „Die Inschriften der Stadt Trier (I)“. Mehr als eintausend Inschriften aus der Zeit vor 1500 werde hier erschlossen.
Manchmal ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Lange Zeit wurde die stark verkürzte lateinische Inschrift einer Kalksteinplatte aus der Kirche St. Paulinus folgendermaßen übersetzt: „Hier liegt Elius Constantius, Konsul, Anführer und Graf beider Truppengattungen und Patricius und zum zweiten Male ordentlicher Konsul.“ Doch damit lagen die Übersetzer der hochmittelalterlichen Grabplatte - absichtlich oder aus Versehen - falsch. Zum einen wurden manche Verkürzungen im Mittelalter nicht mehr verstanden, zum anderen schrieb sich die Kirche so eine möglichst angesehene Tradition zu.
Gemeint sein dürfte vielmehr Constantius III., schlussfolgert Rüdiger Fuchs im neuen Band „Die Inschriften der Stadt Trier“. Befördert durch eine allgemeine Begeisterung für die Antike schrieb man die Inschrift, und damit auch das Grab, jedoch dem in Trier populären Constantius Chlorus zu, dem Vater von Constantin dem Großen. Man gab also vor, das Grab des Menschen zu besitzen, dessen Sohn und Geliebte als Gründer der Trierer Kirche galten.
Wetteifern um die prestigeträchtigste Tradition
Mit solchen bewussten oder unbewussten Täuschungsmanövern standen sie nicht allein. Vielmehr versuchten auch andere Trierer Kirchen, sich mit Hilfe von Gräbern und Reliquien besonderes Ansehen anzudichten. Teils wurden dafür unverbürgte Legenden bemüht, teilweise Grabdenkmäler umgedeutet. Nach und nach knüpfte man so ein Gespinst vielfältiger Beziehungen zu den allseits präsenten antiken Bauten und Gräbern. Die Kirchen untermauerten so ihr Prestige gegenüber der Konkurrenz in Köln, Mainz oder Reims. Aber auch die Trierer Kirchen und Klöster wetteiferten um die angesehenste frühchristliche Tradition - am besten mit Gräbern aus Kaiserfamilien, von Märtyrern, heiligen Bischöfen und Äbten.
Der neue Band klärt diese Ungereimtheiten auf und leistet somit einen wesentlichen Beitrag zur Trierer Stadt- und Bistumsgeschichte. Sorgfältige Übersetzungen und Interpretationen helfen beim Verständnis der überwiegend in lateinischer Sprache verfassten und zum Teil schwer verstehbaren Relikte. Das Buch entstand im Rahmen des Projektes „Deutsche Inschriften des Mittelalters“. Das interakademische Projekt wird im Akademienprogramm gefördert.
Bibliographische Angaben
Fuchs, Rüdiger (Bearb.): Die Inschriften der Stadt Trier I (bis 1500). Die Deutschen Inschriften, Bd. 70; Mainzer Reihe, Bd. 10. Wiesbaden: Reichert, 2006. ISBN 978-3-89500-555-5, Preis: 98,00 Euro.
Kontakt
Dr. Carlo Servatius
Leitender Akademischer Direktor, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz
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Tel.: 06131 / 577 106
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