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Von Herfried Münkler
BERLIN. Der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Mittel- und Osteuropa Ende der 1980er Jahre schien auch das Ende der Marx'schen Theorie darzustellen. Paradigmatisch dafür war das später viel zitierte Diktum Norbert Blüms: Marx ist tot, und Jesus lebt, was wohl heißen sollte, dass sich die katholische Soziallehre als Lösung der alten wie der neuen sozialen Frage bewährt habe, während der Marxismus gescheitert sei. Inzwischen ist Norbert Blüm Privatmann, und Marx findet nicht nur in der wissenschaftlichen, sondern auch in der politischen Diskussion neue Aufmerksamkeit.
 | | Karl Marx, Friedrich Engels, Joseph Weydemeyer: Die deutsche Ideologie. I. Band. Kapitel I. Seite 16 der Handschrift. | |
Es ist aber nicht mehr der Marx des Marxismus und schon gar nicht der Marx der Sowjetideologie, der dieses Interesse findet, sondern der schwierige, sperrige deutsche Wissenschaftler und Intellektuelle, der mitunter zu rhetorisch brillanten, mitreißenden Formulierungen imstande war und dann wieder seine Leser durch staubtrockene, hochgradig komplizierte, nicht selten auch noch mit mathematischen Formeln durchsetzte Überlegungen quälen konnte. In diesem Sinne ist Marx für seine Leser seit jeher ein Chamäleon gewesen.
Vielschichtigkeit des Marx'schen Denkens bleibt in der MEGA bestehen
Diesen Chamäleoncharakter von Marx wird und kann der Fortgang des Erscheinens der neuen Bände der Marx-Engels-Gesamtausgabe nicht tilgen, denn er liegt im Werk von Marx selbst begründet. Im Gegenteil: die verschiedenen Spielarten des Marxismus waren gerade ein Versuch, Marx' Vielschichtigkeit zu tilgen und ihn auf einige wenige Grundüberzeugungen festzulegen. Gegen diese Vereindeutigungen ist es immer wieder zu Renaissancen gekommen, in denen Teile der Marx'schen Theorie gegen ihre dogmatische Gestalt ins Feld geführt wurden.
Die Geschichte des Marxismus, die mit Engels' populären Darstellungen der Marx'schen Theorie und den Überarbeitungen des Zweiten und Dritten Bands des „Kapitals“ beginnt, ist auch eine Geschichte periodisch wiederkehrender intellektueller Rebellionen gegen die Vereinfachungen und Vereinseitigungen, die dem parteioffiziellen Marx zugefügt worden sind. Aber mit dem Ende des Marxismus ist auch die Geschichte dieser Rebellionen vorbei, und jedes neue Interesse an Marx wird sich nicht mehr aus dem Unbehagen am parteioffiziellen Marxismus oder dem Widerspruch der verschiedenen Linien speisen können, sondern muss aus der Beschäftigung mit Marx selber erwachsen.
Ist Marx, nachdem er des Marxismus' ledig ist, ein Klassiker der politischen Ideengeschichte geworden, also einer, an dessen Werk unterschiedliche Zeiten nicht nur neues entdecken, sondern auch Antworten auf ihre jeweiligen Fragen erhalten? Ich vermute, dass dies der Fall ist.
Kein in sich geschlossenes System
Dabei ist vorwegzuschicken, dass das Marx'sche Werk keineswegs, wie von der kommunistischen Orthodoxie suggeriert, ein abgeschlossenes oder doch in sich geschlossenes System darstellt, sondern in zentralen Teilen Fragment geblieben ist. Die Suggestion des geschlossenen Systems, das aus einem Guss gefertigt ist und auf alle Fragen Antworten bereithält, ist nicht zuletzt auch in die editorische Darbietung der Marx'schen Texte eingegangen, wie sie etwa der Benutzer der Marx-Engels-Werke (MEW) vorfindet.
Hier beginnt das, was die im Rahmen des Akademienprogramms herausgegebene MEGA von vielen anderen Editionen unterscheidet: die auch editorische Sichtbarmachung der Offenheit der Überlegungen, des Ringens mit dem Problem, des Fragmentarischen der Antwort. Das Offenhalten vieler Antworten, die Marx gegeben hat, die Revision von Auffassungen haben grundsätzlich etwas mit seinem Ethos als Wissenschaftler zu tun, das er auch als Journalist nicht aufgegeben hat.
So ist für die Kommentierung des Krimkrieges durch Marx und Engels bezeichnend, dass sie - obgleich sie im Zarismus den Hort aller Reaktion in Europa sahen - in ihrer journalistischen Berichterstattung für die „New York Tribune“ bemüht waren, bei den Tatsachen zu bleiben und gerade nicht in die damals in Großbritannien grassierende antizarische Kreuzzugsmentalität zu verfallen. Marx ist und bleibt auch in diesem Punkt ein Analytiker und hält Distanz zu den Versuchungen der Propaganda.
Gut ist, was der Sache nützt?
Von dem im realexistierenden Sozialismus vorherrschenden Prinzip, dass gut sei, was der Sache nütze und die Wahrheit sich taktischen Erfordernissen beugen müsse, war Marx weit entfernt. „Einen Menschen aber“, schreibt er Anfang der 1860er Jahre in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“, „der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrthümlich sie immer sein mag), sondern von aussen, ihr fremden, äusserlichen Interesse entlehnten Standpunkt zu accommodiren sucht, nenne ich ‚gemein ’.“ Und das journalistische Einschmuggeln kommunistischer und sozialistischer Dogmen in sachfremde Themen gar hielt Marx für „unsittlich“.
Wie auch immer: den Wahrheitsanspruch der deutschen Philosophie, an der er sich in seinen jungen Jahren abgearbeitet hatte, hat Marx nie aufgegeben, und offenbar war er zutiefst davon überzeugt, dass dieser Anspruch der gründlichen und genauen Durchdringung eines Problems als Voraussetzung seiner Lösung etwas spezifisch deutsches sei, jedenfalls etwas, was der Londoner Exilant Marx als sein besonders Mitbringsel aus Deutschland ansah.
So wollte er, dass das „Kapital“ nicht als politische Kampfschrift gelte, sondern als „Triumph der deutschen Wissenschaft“ gesehen werde, der der ganzen deutschen (!) Nation gehöre. Weil diese Formulierung von Marx so delikat und so wenig bekannt ist, soll sie hier im Zusammenhang zitiert werden. Am 20. Februar 1866 schreibt er an Engels: „Du verstehst, my dear fellow, daß in einem Werke wie meinem, manche shortcomings im Détail existieren müssen. Aber die Komposition, der Zusammenhang, ist ein Triumph der deutschen Wissenschaft, den ein einzelner Deutscher eingestehn kann, da es in no way sein Verdienst ist, vielmehr der Nation gehört. Dies um so erfreulicher, da es sonst die silliest nation unter dem Sonnenlicht!“
Den Zusammenhang der Dinge klären
Dieser bedingungslosen Orientierung an Wahrheit und der Überzeugung, dass gründliche Wissenschaft den Zusammenhang der Dinge klären könne, entspricht Marx' notorischer Antidogmatismus, der schon in seinem Wahlspruch „De omnibus dubitandum“ zum Ausdruck kommt. Dass dies bei ihm nicht nur eine Redensart war, sondern er dies ernst nahm und daraus auch politisch-praktische Konsequenzen zog, zeigt sich immer wieder. So schreibt der junge Marx im September 1843 an Ruge: „Ich bin daher nicht dafür, daß wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen, im Gegentheil. Wir müssen den Dogmatikern nachzuhelfen suchen, daß sie ihre Sätze sich klar machen.“ Und 1868 heißt es in einem Brief an Engels: „Nur dadurch, dass man an die Stelle der conflicting dogmas die conflicting facts und die realen Gegensätze stellt, die ihren verborgnen Hintergrund bilden, kann man die politische Ökonomie in eine positive Wissenschaft verwandeln.“
Dieser Antidogmatismus schließlich ist aufs engste mit einem spezifischen Begriff der Kritik verknüpft, der die Marx'sche wissenschaftliche Methodik durchgängig kennzeichnet: Anders als die „vulgäre Kritik“, die nur in entgegengesetzten Dogmatismus verfalle, begreife die „wahrhaft philosophische Kritik [...] die eigenthümliche Logik des eigenthümlichen Gegenstandes“ und erkläre so die „innere Genesis“ der Sachverhalte (MEGA I/2, S. 100f.) In diesem Sinn versteht Marx seine Kritik der politischen Ökonomie zugleich als „Darstellung des Systems u. durch die Darstellung [als] Kritik desselben“, wie er am 22. Februar 1858 an Lasalle schreibt. Es ist dies ein höchst moderner Kritikbegriff, der den Gegensatz zwischen Deskription und Präskription überwindet und dem gegenüber manche Debattenbeiträge des Positivismusstreites der 1960er Jahre recht antiquiert wirken. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang auch an den Marx'schen Ideologie-Begriff, der von ihm nicht im heute üblichen platten Sinn eingeführt wird, sondern mit dem die Selbsttäuschung sozialer Akteure über ihr eigenes Tun beschrieben wird.
Das Aktuelle an Marx
Wenn also nun der Wissenschaftler und Journalist Marx gerettet werden kann gegen die, die ihn in den hier aufgeführten Eigenschaften und Einstellungen - Antidogmatismus, Orientierung an Wissenschaft als Aufklärung und zugleich Veränderung der Verhältnisse - ins Gegenteil verwandelt haben, so stellt sich die Frage, was zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht bloß das ideengeschichtlich Interessante, sondern auch politisch oder sozio-ökonomisch Aktuelle an Marx sei. Ich möchte dies an drei Punkten zeigen, wobei es zunächst um die Dynamik der sozio-ökonomischen Entwicklung gehen soll, dann um Marx' Bewusstsein der ökologischen Folgen dieser Dynamik und schließlich noch um ein zur Zeit tagespolitisch interessantes Problem.
Gelegentlich hat es den Anschein, als seien einige der Diagnosen von Marx erst jetzt Wirklichkeit geworden. Das gilt insbesondere für jene fast hymnische Beschreibung dessen, was die Bourgeoisie an revolutionärer Veränderung zustande gebracht habe. Liest man heute diese Stellen, so muss man sich fragen, ob Marx hier nicht - gegen seine Absicht - die Bourgeoisie als die eigentlich revolutionäre Klasse der Weltgeschichte begriffen hat. Im „Kommunistischen Manifest“ schreibt er zusammen mit Engels: „Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schiffahrt, den Landkommunikationen eine unermeßliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin Industrie, Handel, Schiffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, [...]. Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. [...] Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. [...] Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird [...].“
Entfesselte Kräfte
In diesem Zusammenhang erscheint die mit Goethe angereicherte Voraussage im „Manifest“, wenn auch auf ein anderes Subjekt bezogen, für westliche Staaten gegenwärtig von geradezu beängstigender Aktualität: „Die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.“
Dass der Verselbständigung der „unterirdischen Gewalten“ schließlich ein Aspekt der Selbstzerstörung eignet, hat Marx freilich auch gesehen und damit die ökologische Problemstellung vorweggenommen. Auf diesem Aspekt im Werk von Marx hat insbesondere Iring Fetscher wiederholt hingewiesen: die Notwendigkeit einer Bewahrung der natürlichen Grundlagen des Lebens. Marx analysiert im „Kapital“ die kapitalistische „Kunst, den Boden zu berauben“, indem er beispielsweise die „Zerstörung der Waldungen“ aus deren spezifischer Produktionslogik herleitet. Nach der Überzeugung von Marx vermögen deshalb nur „die associirten Producenten“ ihren „Stoffwechsel mit der Natur rationell [zu] regeln“. Das Projekt ist vorerst gescheitert. Das von Marx ausgemachte Problem ist jedoch geblieben.
Analyse der „orientalischen Frage“
Lassen Sie mich schließen mit zwei Zitaten aus Marx Essay „Zur Geschichte der orientalischen Frage“, einem Problem also, das heute auf der politischen Agenda steht. Über die Heiligen Stätten des Nahen Ostens heißt es da, dass sich „hinter diesen religiösen Prügeleien nur ein weltlicher Kampf nicht nur von Nationen, sondern von Völkerschaften verbirgt, und daß das Protektorat über die Heiligen Stätten, das dem Westeuropäer so lächerlich, dem Orientalen aber so überaus wichtig erscheint, nur eine der Phasen der orientalischen Frage ist, die sich unaufhörlich erneuert, die stets vertuscht, aber nie gelöst wird“.
Liest man diese Passage, so könnte man meinen, Marx habe die religiöse Dimension des Problems nicht ernst genommen und darin nur eine Erscheinungsform jener Kämpfe gesehen, die auch in Europa stattgefunden haben und sich hier mit einiger Verspätung wiederholen. Dann findet sich dort aber auch eine Passage, die man eher bei Samuel Huntington als bei Karl Marx vermuten würde: „Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist der „harby“, d. h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.“
Was Marx einst über den sein Interesse erweckenden preußischen Kriegstheoretiker Clausewitz schrieb, wird man heute wohl über ihn selbst sagen können: „Der Kerl hat einen common sense, der an Witz grenzt.“
Der Autor dieses Textes ist Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Herfried Münkler hat den Vorsitz des Vorstandes der Internationalen Marx-Engels-Stiftung inne, die die MEGA im Rahmen des Akademienprogramms herausgibt.
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