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BERLIN / SENDAI. An Marx' Handschrift sind bereits seine Zeitgenossen verzweifelt. Engels konnte sie lesen, verfasste seine Notizen jedoch seinerseits in einer ihm eigenen Kurzschrift - die unzähligen überlieferten Manuskriptseiten sind heute selbst für deutsche Muttersprachler eine Herausforderung. Dass nun ausgerechnet Japaner bedeutende Fragmente des ökonomischen Hauptwerkes von Marx und Engels entziffern, hätten sich die beiden Autoren wohl kaum vorstellen können. Vier Bände der im Rahmen des Akademienprogramms herausgegebenen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) werden derzeit in einer Forschungskooperation der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Tohoku Universität Sendai, der Hosei Universität Tokio sowie weiteren japanischen Universitäten ediert - und die gemeinsame Wissenschaftssprache ist Deutsch. Wir sprachen mit Prof. Dr. Kenji Mori von der japanischen Tohoku University, Graduate School of Economics and Management, Sendai, darüber, wie diese intensive Zusammenarbeit zwischen japanischen und deutschen Geistes- und Sozialwissenschaftlern zu erklären ist.
 | | Kenji Mori während des Deutsch-japanischen Arbeitstreffens zur Marx-Engels-Edition an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im November 2006. | |
Japan ist neben Russland der wichtigste internationale Partner bei der Herausgabe der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Warum interessieren sich Japaner für Marx?
MORI: Das ist historisch gewachsen. Die Wirtschaftswissenschaft wurde in Japan am Ende des 19. Jahrhunderts nach dem deutschen Vorbild entwickelt. Viele namhafte japanische Wissenschaftler reisten aus Japan nach Deutschland, um hier zu forschen. Und sie brachten die Ideen zurück in ihre Heimat. In dieser Zeit wurde auch das „Kapital“ von Marx veröffentlicht.
Hinzu kommt, dass das japanische Staatswesen sehr von Deutschland beeinflusst wurde. Als Japan mit dem Ende der Edo-Ära 1867 geöffnet wurde, stand man vor der Frage: Welche Staatsform wollen wir? Damals schien das deutsche Kaiserreich ein geeignetes Vorbild zu sein, um das japanische Kaisertum zu restaurieren.
Man importierte also die Verfassung, die Juristik, die Kameralistik und nicht zuletzt die Geisteswissenschaften. In diesem Zusammenhang wurde es für die geistige Elite zur Pflicht, die deutsche Sprache zu lernen. Erst mit ausreichenden Deutschkenntnissen durfte man ein Fachstudium beginnen. Es war also nicht die angelsächsische, sondern die deutsche Tradition vorherrschend. Daher war es auch leichter, deutsche Theorien - wie die von Marx - zu akzeptieren und intensiv zu erforschen.
Mittlerweile ist sicher der angelsächsische Einfluss stärker.
MORI: Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation natürlich. Die deutsche Dominanz in den Wissenschaften ist einer zunehmenden Amerikanisierung gewichen, besonders in der Ökonomie. Dennoch gibt es in Japan immer noch mehr Wissenschaftler als anderswo, die sich mit Marx' „Kapital“ beschäftigen.
 | | Herfried Münkler, Izumi Omura, Tomonaga Tairako und Tadashi Shibuya während des Deutsch-japanischen Arbeitstreffens zur Marx-Engels-Edition an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im November 2006 (von rechts nach links). | |
Was hat Ihre Neugier geweckt?
MORI: Ich habe während meines Studiums der Wirtschaftswissenschaft angefangen, eine zweite Fremdsprache zu lernen. Das war Deutsch. Nach und nach begann ich, mich auch für die deutsche Kultur und Geschichte zu interessieren. Ich wollte wissen, was in Deutschland gewesen ist, wie sich die deutsche Wirtschaft entwickelt hat. Die Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ist eine Synthese meiner Interessensgebiete. Außerdem hat mein Doktorvater schon an der MEGA gearbeitet.
Wie gewinnen Sie Ihre Studenten für Marx?
MORI: Ich bin Dogmenhistoriker, mein Spezialgebiet ist das 19. und das beginnende 20. Jahrhundert. Dass Marx da eine wesentliche Rolle spielt, dürfte jedem Studenten unmittelbar einsichtig sein. Allerdings darf man in den Vorlesungen die Marx'sche Theorie nicht isoliert präsentieren, sondern muss sie in die Gedankenwelt der Zeit einordnen.
Welche Teile der MEGA bearbeiten Sie derzeit?
MORI: Ich bin an der Edition des MEGA-Bandes II / 13 zum zweiten Band des Kapitals und den dazu gehörigen Marx'schen Manuskripten in Band II / 11 beteiligt. Bei diesen Bänden ist nicht nur wirtschaftswissenschaftliche Expertise gefragt, sondern auch philologische und geschichtswissenschaftliche. Das kommt meinen Interessen sehr entgegen. Ich bin allerdings erst seit 2003 dabei, die Arbeitsgruppe in Sendai gibt es bereits seit 1998.
Wie wird die MEGA in Japan rezipiert?
MORI: Sie steht in mehreren Exemplaren in jeder Universitätsbibliothek. Etwa ein Drittel der MEGA-Auflage wird in den Fernen Osten, vor allem nach Japan, geliefert. Auch die Zeitschriften zur Marx-Forschung finden in Japan vergleichsweise viele Abnehmer. Das gilt jedoch nicht nur für Marx, sondern für alle möglichen deutschen Wissenschaftsthemen.
Die Fragen stellte Dr. Annette Schaefgen
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