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BERLIN. Immer wieder hatte er den Freund gefragt: Wie weit bist Du? So richtig geantwortet hat Marx nie. Erst recht nicht, als sich die Schwerpunkte im legendären Arbeitsverhältnis zwischen den beiden Autoren in den letzten Lebensjahren von Marx verschoben und der Autor kaum mehr Einblicke in seine aktuelle Arbeit am „Kapital“ gewährte. Und so war Engels erschrocken, als er nach dem Tod von Marx das Sammelsurium der Manuskripte für die vier geplanten „Kapital“-Bücher sichtete. Von einem fertigen Entwurf für die Bücher zwei und drei konnte nicht die Rede sein, für das vierte lag kaum mehr als eine Materialsammlung vor.
 | | Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie (Manuskript 1861-1863, MEGA II/3.6. S. 2277). | |
Stattdessen erwarteten Engels und Marxens Tochter Eleanor, die Marx beide zu seinen „literarischen Exekutoren“ bestimmt hatte, große Packen mit gut einem Dutzend Manuskriptentwürfen in den verschiedensten Bearbeitungsstadien. 1866 hatte Marx darüber gesagt, man könne sie noch nicht veröffentlichen. Seitdem waren 17 Jahre vergangen und der Zustand des Konvoluts ließ nichts Gutes ahnen. Tatsächlich hatten die Manuskripte und Notizen zum großen Teil immer noch eher den Charakter einer Selbstverständigung. Die Entwürfe für die Bücher zwei und drei des „Kapitals“ hatte Marx nie vollendet. Zu den Themen Staat, Internationaler Handel und Weltmarkt, die er ursprünglich neben dem Buch zum „Kapital“ in weiteren Büchern abhandeln wollte, hatte er keine separaten Entwürfe verfasst. Es ist offen, inwieweit er an der Absicht, dazu Spezialstudien abzufassen, in den späteren Jahren festhielt.
Ohne Engels wären die Manuskripte unbrauchbar gewesen
Engels brauchte allein Monate, um Inhalt, Qualität und Umfang der gefundenen Texte zu ermitteln - scheinbar hatte das Autorenduo seit den 1870er Jahren nicht mehr über das „Kapital“ gesprochen. Die Blätter zu entziffern, zu ordnen und im Vorfeld der Publikation von Buch zwei und drei zu redigieren, dauerte nochmals Jahre. Ohne Engels wäre das Material zum Zirkulationsprozess des Kapitals und zum Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion verloren gegangen. Allerdings wollte und konnte er keine grundlegende Überarbeitung leisten, die angesichts des Zustandes der Manuskripte nötig gewesen wäre. Dennoch: Er versuchte, Marx' Absichten nachzuspüren und präsentierte daher anschließend Texte, die fertiger waren, als Marx sie hinterlassen hatte.
Aber nach der Publikation der Bücher und Bände zwei und drei des „Kapitals“ begann der Ärger erst. Sofort entzündete sich ein Expertenstreit um die Authentizität des ökonomischen Hauptwerkes von Marx: Es wurde gefragt, ob Engels tagespolitische Beweggründe bei der Redaktion geleitet hätten und ob er überhaupt aus der Fülle des Materials herausgefiltert habe, was Marx „wirklich“ sagen wollte. Schließlich hatte Engels selbst im Vorwort des dritten Bandes auf die Schwierigkeiten hingewiesen, „die von Marx gewonnenen Resultate möglichst in Marx' eigenen Worten“ wiederzugeben und aus den Manuskript-Fragmenten eine zusammenhängende, geschlossene Darstellung zu destillieren. Dies, die veränderte politische und wirtschaftliche Lage, die Unabgeschlossenheit der Manuskripte selbst und auch inhaltliche Aspekte führten dazu, dass die Bände zwei und drei eher nachlässig rezipiert wurden. Zu wissenschaftlich für den Laien, „nicht viel Agitatorisches“ und auf Probleme „von Bourgeois zu Bourgeois“ beschränkt, hieß es.
Das „Kapital“ in der MEGA
Welche Anteile Marx und Engels wirklich jeweils an dem Werk hatten, lässt nun, über 110 Jahre nach dem Beginn der Kontroverse um die Authentizität, die im Akademienprogramm geförderte Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) sichtbar werden. Eine ganze Abteilung mit 15 Bänden ist allein dem „Kapital“ und seinen Vorarbeiten gewidmet. Bisher wurden zehn Bände mit frühen Entwürfen, der erste Band des „Kapitals“ in verschiedenen Ausgaben sowie Marx' Fassung und Engels' redaktionelle Texte zum dritten Band vorgelegt.
Zum zweiten Band erschien bereits das Redaktionsmanuskript von Engels: Dieses Bindeglied zwischen den Urmanuskripten und der Druckfassung wurde in Zusammenarbeit der deutschen Editoren mit Marxforschern in Japan, wie an der Tohoku Universität Sendai und der Hosei Universität Tokio, herausgegeben. Anhand dieses Redaktionsmanuskriptes, das Engels aus sieben von zehn Manuskripten zusammenstellte, kann nun geprüft werden, ob Engels die Gedanken seines Freundes richtig wiedergegeben hat. Auf den 779 Manuskriptseiten konnten die Wissenschaftler an mehr als 5000 Stellen nachweisen, wie Engels den Text verändert hat - sei es im inhaltlichen Aufbau, durch die Korrektur fehlerhafter Berechnungen, die Übersetzung fremdsprachlicher Quellen, die Abfassung von Überleitungen, durch Angleichung der Begriffe oder auch die Integration neuer Gesichtspunkte aus späteren Entwürfen in frühere Texte. Sogar die Teile, die Engels ausradiert hatte, konnten die japanischen Forscher sichtbar machen: Sie fotografierten die Manuskripte mit einer digitalen 12-Millionen-Pixel-Kamera und verstärkten danach die Kontraste nochmals.
Unterschiede dokumentiert
Ihre Erkenntnisse fassten sie in drei Verzeichnisse im Apparatband zusammen: Das erste erfasst die Struktur des Textes und fragt, ob Engels sich an die Unterteilung und Titel von Marx gehalten hat; das Verzeichnis der Ressourcen dokumentiert, aus welchem Teil des jeweiligen Marx'schen Manuskripts bestimmte Sätze und Fußnoten stammen, und das Verzeichnis der Unterschiede zeigt, inwiefern sich Engels' Sätze etwa in ihren Formulierungen von den ursprünglichen Marx'schen Sätzen unterscheiden und warum. Einer Bewertung der Veränderungen jedoch enthalten sich die MEGA-Editoren. Höchstens ganz vorsichtig merken sie an, dass die Redigatur „nicht generell die Schlussfolgerung zulasse, Engels habe den von Marx verfassten Text vorsätzlich ändern wollen“.
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