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Ein letzter Universalgelehrter
Die Marx-Engels-Gesamtausgabe stürzt Marx vom Sockel des Parteiheiligen und hebt ihn in die Reihe der klassischen Denker

BERLIN. Denkhürden ließ Karl Marx nicht gelten. Ob ein Ökonom nun bürgerlich oder gleich gesinnt, marginal oder von der Wirkungsmacht eines Adam Smith war - was Marx kritisieren wollte, las er zunächst gründlich. Und damit erschöpfte sich sein Pensum keineswegs: Er arbeitete als Journalist für die einflussreiche New York Tribune und für preußische Regionalblätter, die unter der Zensur ächzten, korrespondierte mit unzähligen Briefpartnern der Arbeiterbewegung und fand immer noch Zeit, alles zu rezipieren und exzerpieren, das ihm interessant und wissenschaftlich bedeutsam erschien - von den neuesten Entwicklungen in der Chemie und Technik bis hin zur Schafszucht. Als einer der letzten Universalgelehrten scheiterte er aber letztlich am rasanten Wissenszuwachs seiner Zeit. Und auch seine politischen und wissenschaftlichen Theorien waren weniger aus einem Guss, als Parteistrategen im Realsozialismus glauben machen wollten. Die Marx-Engels-Gesamtausgabe, die seit 1992 über das Akademienprogramm gefördert wird, ermöglicht nun erstmals einen ideologisch unverstellten Blick auf sein Schaffen. Jenseits aller Parteidogmen.

Marx' wichtigster Arbeitsort in London - der Kuppellesesaal im British Museum.
Quasi auf Schienen rollend und einem unerklärten Fahrplan folgend, sei Marx von Erkenntnis zu Erkenntnis geeilt, seine Parteinahme für das Proletariat habe ihm dabei stets als untrüglicher Kompass gedient. So zumindest wollten es die Parteistrategen und Dogmatiker im real existierenden Sozialismus gern sehen. Dass auch Marx fehlbar oder seine Theorien unvollendet sein könnten, war mit diesem Denkkorsett nur schwer zu akzeptieren. Und auch sein bildungsbürgerliches Interesse an allem Neuen geriet so leicht aus dem Blickfeld.

Kein neuer „Kanon“

Was Karl Marx und Friedrich Engels wirklich beschäftigte, ist nun in der von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betreuten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) nachzulesen. Dabei ist es weder Aufgabe noch Selbstverständnis der Editoren, in den 114 Bänden der Ausgabe, von denen bislang 52 vorliegen, einen neuen „Kanon“ oder ein „Werk“ zu generieren. Dies, so erklärt Manfred Neuhaus, der Arbeitsstellenleiter an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, würde eine Finalität suggerieren, die es oftmals im Werk von Marx gerade nicht gebe. Vielmehr strebe die erste vollständige, historisch-kritische Ausgabe aller Veröffentlichungen, Manuskripte und des Briefwechsels der beiden wirkungsmächtigen Denker größtmögliche Authentizität bei der Edition des literarischen Nachlasses an. An die Stelle des früheren, politisch motivierten Deutungs- und Editionsimperativs des Marx'schen Schaffens trete in der Kommentierung der MEGA eine konsequente Kontextualisierung, die Marx im Zusammenhang mit seiner Zeit und ihrem Problem- und Fragehorizont verortet. Über die Interpretation der Texte solle die Öffentlichkeit selbst entscheiden, meinen die Editoren.

Als philologische Prinzipien der Edition wurden vier Eckpunkte festgehalten: Vollständigkeit, Originaltreue, Darstellung der Textentwicklung und eine ausführliche wissenschaftliche Kommentierung in einem jeweils separat gebundenen Apparatband. Um Untersuchungen zum Sprachschatz und der Begriffswelt zu ermöglichen, wird alles in der Sprache des Originals belassen. Selbst unvollendete Manuskripte werden nach der Maßgabe der Originaltreue in ihrem jeweiligen Bearbeitungsstand wiedergegeben, höchstens eindeutige Fehler werden behutsam revidiert - jedoch nicht ohne über diese Eingriffe in den Kommentaren Rechenschaft abzulegen. Auch die Weiterentwicklung der Werke - von der ersten Gedankenskizze bis zur letzten Fassung - wird dokumentiert, so dass sich die gesamte Textentwicklung nachvollziehen lässt und dem Leser ein Einblick in die Arbeit der beiden Autoren ermöglicht wird.

Friedrich Engels 1877
Karl Marx 1874
Unterteilt ist die MEGA in vier Abteilungen. Die erste Abteilung widmet sich in 32 Bänden sämtlichen philosophischen, ökonomischen, historischen und politischen Werken, Schriften, Artikeln und Reden von Marx und Engels sowie deren Vorstufen und späteren Bearbeitungen bzw. selbst angefertigten Übersetzungen - ausgenommen dem „Kapital“. Dieses steht samt seiner Vorarbeiten im Mittelpunkt der zweiten Abteilung: Alle autorisierten Ausgaben einschließlich der Übersetzungen, der direkt dazu gehörenden Werke und Manuskripte werden dabei beginnend mit den ökonomischen Manuskripten aus den Jahren 1857/58 in 15 Bänden vereint; erstmals kann man hier unter anderem die redaktionelle Bearbeitung der Manuskripte zum zweiten und dritten Band des „Kapitals“ durch Engels nachvollziehen. Mit der Publikation dieser Marx'schen Manuskripte wird der Forschung eine völlig neue Grundlage geboten. Zahlreiche Erstveröffentlichungen finden sich auch in den 35 Bänden der dritten Abteilung, die den gesamten überlieferten Briefwechsel von und an Marx und Engels in chronologischer Reihenfolge dokumentiert. Der weitere Manuskriptnachlass - Exzerpte, Notizbücher, Tabellen und bibliographische Verzeichnisse -, der unter anderem das wissenschaftliche Pensum von Marx und Engels verdeutlicht, findet sich in den 32 Bänden der vierten Abteilung.

Warum sollte man sich heute noch für Marx interessieren?

Dass Marx einer der großen Klassiker des 19. Jahrhunderts ist, steht für Manfred Neuhaus und seinen Stellvertreter Gerald Hubmann außer Frage. Angesichts der Weltgeltung seines Denkens wundert es sie, dass immer noch die Frage gestellt wird, warum man sich heute noch für Marx interessieren sollte. „Man hat lange genug versucht, Marx zu funktionalisieren“, sagt Hubmann. Aber das anhaltende weltweite Interesse erfordere nunmehr endlich eine authentische Ausgabe seiner Schriften. Und Neuhaus fügt hinzu: „Wir bearbeiten Marx erstmals nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten.“ Natürlich habe Marx dank seiner fächerübergreifenden Betrachtung von Herrschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Geschichte einen legitimen Ort in der Wissenschaftsgeschichte verschiedenster Disziplinen. Ganz davon abgesehen, dass Marx für die Anfänge der europäischen Arbeiterbewegung steht.

Und nicht nur der Marx'sche Schaffensradius war international. Auch die Herausgabe seiner Werke ist ein internationales Großprojekt - schließlich hat Marx in fast einem Dutzend Sprachen geschrieben und jede derartige Passage erfordert Kenntnisse der nationalen Philologien und muttersprachliche Kompetenz von den Editoren. So arbeiten mehr als 50 Spezialisten aus zehn Ländern, darunter die USA, Frankreich, Spanien, Italien und Dänemark, derzeit an dem Projekt der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES), die als Herausgeber der MEGA auftritt. Den Vorsitz des Vorstandes hat der Berliner Politologe Herfried Münkler inne. Finanziell unterstützt wird die MEGA von verschiedenen Institutionen, in erster Linie aber bis 2015 über das Akademienprogramm, das von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften koordiniert wird. Die Arbeitsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften agiert gleichzeitig als Nukleus und Schaltzentrale des Forschungsverbundes, sie koordiniert alle Forschungsaktivitäten und verantwortet die Qualität der Ausgabe.

„Gemeingut der Geistesgeschichte der Menschheit“

Die wichtigsten internationalen Partner seien Japan, Russland und die Niederlande, resümiert Neuhaus. In russischen und niederländischen Archiven lagerten die Manuskripte von Marx und Engels; zusammen mit japanischen Gelehrten werde darüber hinaus seit 1998 die ökonomische Abteilung der MEGA ediert. Izumi Omura, einer der japanischen Editoren, beschreibt die Relevanz der Ausgabe wie folgt: „Die MEGA wird Großes leisten, wenn es darum geht, die Arbeiten von Marx und Engels als Gemeingut der Geistesgeschichte der Menschheit zu bewahren - ähnlich wie es mit den Werken von Goethe, Schiller und Hegel geschieht.“

Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Erster Teil (MEGA II/1.1. S. 281).
In allen großen, wissenschaftlichen Bibliotheken weltweit ist die MEGA bereits präsent - auch wenn für viele Leser noch die zu DDR-Zeiten massenhaft verbreiteten Marx-Engels-Werke (MEW) Standard sind. Gleichzeitig jedoch wachse das Interesse an den Exzerpten, Manuskripten und anderen neuen Funden, gibt Gerald Hubmann zu bedenken. Und die seien eben oft nur in der MEGA zugänglich. „Allein die Briefabteilung enthält eine Fülle von Erstpublikationen, die die Briefkultur der Arbeiterbewegung nachvollziehbar machen“, sagt er. „Da wird deutlich, wie sehr die Korrespondenzpartner von Marx und Engels ein Teil der Diskurswelt des 19. Jahrhunderts sind, aber auch wie die Netzwerke der Emigranten funktionierten.“ Da Marx seit 1875 nichts mehr publiziert habe, könne man sein weiteres Schaffen außerdem oft nur noch aus den Manuskripten und Exzerpten rekonstruieren, die in der vierten Abteilung der MEGA erstmals ediert werden: „Auf der Grundlage der MEGA können Forscher künftig unter anderem sehen, wie Marx versuchte, neue empirische Tatsachen einzubeziehen bzw. wie intensiv er die Entwicklung in den Technik- und Naturwissenschaften beobachtete.“

Gerüchte detektivisch widerlegen

Selbst im journalistischen Schaffen des Autorenduos Marx und Engels sei vor der MEGA viel Material unveröffentlicht geblieben, sagt Neuhaus. So veröffentlichte die New York Tribune einen großen Teil der von Marx und Engels verfassten Korrespondenzen als ungezeichnete Leitartikel - und lancierte das Gerücht, General Winfield Scott habe die Militärkolumnen geschrieben. Wenn die Editoren heute die wahren Autoren ans Licht bringen wollen, verlangt das von ihnen fast detektivischen Spürsinn: Sie suchen nach überlieferten Parallelstellen in den Briefwechseln, Notizbüchern sowie in früheren und späteren Texten, ermitteln dann die damit kongruenten Textpassagen in den ungezeichneten Artikeln und vervollständigen diese Hinweise zum Beispiel mit Belegen aus dem transatlantischen Postschiffverkehr - bis eine widerspruchsfreie Beweiskette für die Autorenschaft an einem Text entsteht und das Bild der beiden Denker um eine weitere Facette ergänzt ist.

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